Schlangen. Wohin man auch blickt: Schlangen. Auf den Fluren der Campus Benjamin Franklin Klinik in Berlin Steglitz. Der Gesundheitsladen ist berühmt, gehört er doch zur Charité, dem ältesten Krankenhaus von Berlin. Mehr als 3200 Betten wurden dort gezählt, 16.800 Mitarbeiter auch. Und der Jahresumsatz betrug im Jahr 2015 rund 1,6 Milliarden Euro berichtet die Statistik und gibt so einen wichtigen Hinweis auf den Zweck der Gesundheitsfabrik. Schlangen, das weiß nicht nur der gelernte DDR-Bürger oder der Apple-Consumer, Schlangen verheißen das Besondere, das seltene Gut, das wofür man ansteht, im Falle der Charité-Filiale natürlich nur sitzt.

Gucken kann der Patient nicht mehr, der so zielstrebig das Krankenhaus ansteuert, oder, wie in seinem heimatlichen Düsseldorf gesagt wird: Schlecht sehen kann er gut. - Nun also Weltstadt und Weltkrankenhaus. Ist es Gerümpel, was er da auf den Gängen des Bettenhauses erblickt? Oder könnten es auch Hilfslieferungen sein, die auf den Transport in ein Krankenhaus in der der Dritten Welt warten? Sind es tatsächlich ungeputzte Fenster, die ihm den Blick nach draußen verwehren? Oder sind es jene Schlieren vor seinen Augen, die ihm ein Schlaganfall als Andenken hinterlassen hat? Gleichwie, ihm wird Behandlung zuteil. Und während er noch überlegt, ob das lange Warten nur eine Übung in Geduld ist, ein Teil des Heilungsprozesses, klärt ihn eine Schwester auf: Früher – sie kann sich kaum erinnern wann – da hätten sie viel mehr Personal gehabt und die Wartezeiten wären kürzer gewesen.

Früher. Mag das jene Zeit gewesen sein, bevor ein SPD-Linkspartei-Senat das anglizistisch-moderne „Charité Facility Management“ ausgegliedert hatte, um Löhne zu senken und Kosten zu sparen? Oder war das bevor die zweite Nachtschwester gestrichen wurde? Oder doch jene fossile Zeit, in der es noch Reinigungskräfte gab, die Arbeitsplätze säuberten, ein Job, der längst outgesourct und an den Pflegekräften hängen geblieben ist. War es etwa jene mittelalterliche Phase des Gesundheitswesens, als die Charité noch nicht stolz auf ihre Tätigkeit als Immobilienhändler war und Schlagzeilen über 100 Millionen erlöste Euro produzierte, die beim Verkauf von insgesamt 200.000 Quadratmetern Klinikgelände anfielen?

Immobil ist in dieser Klinik nichts mehr. Auch nicht der Patient, der in seinem kurzen Aufenthalt dreimal das Zimmer wechseln musste, um pünktlich für irgendwas und irgendwen Platz zu machen. Umzug ist offenkundig die neue Heil-Gymnastik. Auch die Patienten-Nachtarbeit gehört zum Programm eines schlanken Krankenhauses: Einmal wurden die Halsschlagadern um 23.00 Uhr per Ultraschall untersucht, dann gab es das Arzt-Patienten-Gespräch um 24.00 Uhr, um eine gründliche Untersuchung am nächsten Tag ebenso gründlich vorzubereiten: Nicht essen sollte der Patient, das musste ihm nächtens gesagt werden, um den Endoskopie-Schlauch nicht erblinden zu lassen. In diesem Krankenhaus der modern times wird jede Medizin-Maschine rund um die Uhr ausgelastet und kein Medizin-Mann soll nutzlos Pause machen. Was soll sonst der Controller denken?

Gewiss ist es auch der Controller, der die „Transporter“ eintaktet. Transporter nennen sie sich selbst, die Pfleger mit der tollen Kurventechnik, die mit den Krankenhausbetten durch die Gänge flitzen. Man hat ihnen präzise Zeiten vorgegeben: Der Patient ist in einer genauen Minutenzahl von A nach B zu rollen. Das flotte Tempo wirkt sich sicher auch positiv auf dessen Gesundheit aus. Doch der Patient lernt nicht nur viel über betriebswirtschaftliche Zusammenhänge. Auch Fragen der Nation werden im Gesundheitswesen offenbar: „Die Deutschen wollen am Sonntag ihre Ruhe haben“, richtet ihm die farbige Krankenschwester von anderen Patienten aus. Denn der hatte tatsächlich an einem Sonntag lauthals in sein Handy gesprochen. Ein Fall für die AfD sollte man meinen. Müssen wir Deutschen uns denn von Türkinnen, Ghanaerinnen oder Polinnen, oder wer sonst noch zu Geringstlöhnen die Krankenhäuser bevölkert, über die deutsche Sonntagsruhe belehren lassen?

Es war die gelernte Maoistin und spätere SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, die im Rahmen der Agenda 20/10 im Jahr 2003 voller Stolz ein Konzept vorstellte, das durch massive Leistungskürzungen Einsparungen von 40 Milliarden Euro erreichen sollte. Begleitet und erweitert wurde die von Kanzler Schröder eingeleitete und von Angela Merkel fortgeführte Gesundheits-Reform durch die wunderbare Welt der Privatisierung: Waren 1991 noch 15 Prozent der Krankenhäuser in privater Trägerschaft, hat sich dieser Anteil mittlerweile mehr als verdoppelt. Der Anteil öffentlicher Kliniken ist dagegen von 46 auf 30 Prozent deutlich gesunken. Mit der Privatisierung schritt die Rationalisierung weiter fort: 1991 versorgten die Krankenhäuser etwa 14,5 Millionen Patienten vollstationär, 2014 waren es mehr als 19 Millionen. So sank die Verweildauer, sanken die Kosten und es stieg unaufhaltsam der proklamierte Fortschritt und der Shareholder Value bei der Fresenius SE & Co. KGaA und anderen Krankheitskonzernen. So dass Fresenius zum Beispiel Anfang September 2016 mit 5,76 Milliarden Euro aus der Portokasse den größten privaten Klinikbetreiber Spaniens, ''Quironsalud'' mit seinen 43 Krankenhäusern übernehmen konnte. Für solche Ziele zieht der Patient doch gern nachts von einem Bett zum andern.

Eine ganze Gesellschaft hat ihren klaren Blick auf ihr Gesundheitswesen verloren: Verhüllt vom Reformdampf und drapiert mit allgemeinem Medien-Schall und Rauch von „Prozessoptimierung im Krankenhaus durch effektiveres Patientenmanagement, Aufnahmemanagement und Entlassungsmanagement“. Erblindung gegenüber jenen gesellschaftlichen Prozessen, die den Profit zum Maßstab aller Dinge machen, schadet der Gesundheit. Der des Einzelnen und auch aller anderen.

Seit einem Schlaganfall haben Schreib- und Lesefähigkeiten des Autors erheblich gelitten. Das soll, sagen die Ärzte, irgendwann mal besser werden. Bis dahin muss um jeden einzelnen Buchstaben gekämpft werden. Das kostet Zeit und wird der Aktualität der RATIONALGALERIE schaden.

Der Text der Startseite wurde von Angelika Kettelhack lektoriert.

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Ich hoffe und wünsche, dass es Ihnen gesundheitlich schnell wieder gut geht. Ohne Sie oder Menschen wie Sie wäre dieser ganze Irrsinn kaum zu ertragen und ich bin froh, dass es jemanden gibt, der imstande ist, die Verlogenheit, die Bigotterie,...

Ich hoffe und wünsche, dass es Ihnen gesundheitlich schnell wieder gut geht. Ohne Sie oder Menschen wie Sie wäre dieser ganze Irrsinn kaum zu ertragen und ich bin froh, dass es jemanden gibt, der imstande ist, die Verlogenheit, die Bigotterie, die perverse Verdrehung der Logik präzise freizulegen und Gleichgesinnten ein Forum bietet. Hoffentlich ist bald die kritische Masse erreicht, die nötig ist, um einmal den Werten gegenüber den Tätern, Kriegstreibern, Hetzern und Propagandisten Geltung zu verschaffen, die deren Bedeutung so pervertiert haben.

Also alles Gute

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Alexander Kolesnik
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Lieber Herr Gellermann
Ich bin tief betroffen und hoffe inständigst
dass Ihre Gesundheit recht bald wieder
hergestellt sein wird.
Schrecklich das alles.

Wolfgang Oedingen
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Lieber Uli.

lass Dir erst mal alles Beste für die Wiederherstellung Deiner Sehfähigkeit wünschen!
In Übrigen: Wir sind nur noch als Konsumenten gefragt. Und Sehbehinderte, auch die für ihren Weit- und Durchblick bekannten, konsumieren ja weiterhin...

Lieber Uli.

lass Dir erst mal alles Beste für die Wiederherstellung Deiner Sehfähigkeit wünschen!
In Übrigen: Wir sind nur noch als Konsumenten gefragt. Und Sehbehinderte, auch die für ihren Weit- und Durchblick bekannten, konsumieren ja weiterhin (stören aber eher weniger).

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Wolf Gauer
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Sind es wirklich ein paar alte Leute, von deren Gesundheitszustand es abhängt, ob die wenigen kritischen Websites betrieben werden, die es noch gibt? Ein Schlaganfall hier, ein Herzinfarkt dort, und die Reaktion hat freie Bahn?
So schlimm wird´s...

Sind es wirklich ein paar alte Leute, von deren Gesundheitszustand es abhängt, ob die wenigen kritischen Websites betrieben werden, die es noch gibt? Ein Schlaganfall hier, ein Herzinfarkt dort, und die Reaktion hat freie Bahn?
So schlimm wird´s wohl nicht sein, aber sehr erfreulich sieht´s auch nicht aus.
Also Ulli, es bleibt wohl nichts anderes, als um jeden weiteren Buchstaben zu kämpfen! Dazu wünsche ich Dir alles Gute!

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Klaus Madersbacher
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Ruh' dich aus!

Liebe Grüße aus der Knesebeckstrasse und auf weitere Bücherkeller-Abende

Felix Schubert
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Zunächst einmal möchte ich dem rationalen Galeristen ganz herzlich rasche und vollständige Genesung wünschen. Sein heutiger Artikel ist ungeachtet seiner derzeitigen gesundheitlichen Probleme, von der gewohnt erstklassigen journalistischen...

Zunächst einmal möchte ich dem rationalen Galeristen ganz herzlich rasche und vollständige Genesung wünschen. Sein heutiger Artikel ist ungeachtet seiner derzeitigen gesundheitlichen Probleme, von der gewohnt erstklassigen journalistischen Qualität, wie seine LeserInnen es seit Jahren nicht anders kennen und wie es inzwischen leider zur Seltenheit in der deutschen Medienlandschaft geworden ist. Das freut mich ganz besonders.
Nun zum Thema selbst. Ich habe bis 2008 die letzten 13 Jahre meines Berufslebens im Gesundheitswesen gearbeitet. Wenn auch in keiner somatischen, sondern einer psychiatrischen Klinik als Pfleger auf einer geschlossenen Akut-Aufnahme-Station der Allgemeinpsychiatrie in der größten Klinik in dem DORF an der DÜSSEL, dass die Geburtsstadt und Heimat des Galeristen ist. Zwischen somatischen und psychiatrischen Kliniken gibt es sehr viele Unterschiede. Die Probleme aber gleichen sich, wie das berühmte eine Ei dem Anderen. Und obwohl meine ehemalige Klinik mit 650 Belegbetten und 918 Mitarbeitern bis zum heutigen Tag zum Rheinischen Landesverband gehört, also noch nicht privatisiert wurde, kenne ich aus meiner Zeit alle diese Erscheinungen der Rationalisierung des Gesundheitswesens auf dem Rücken des Personals und der Patienten aus leibeigener Erfahrung.
Auch in meiner Klinik wurden schon während meiner Zeit die Arbeitsplätze der Klinik eigenen Putzkräfte eingespart und durch private Reinigungsfirmen ersetzt mit Putzfrauen aus allen möglichen meist schwarzafrikanischen Ländern, die zu einem Hungerlohn und ohne Tarifverträge schuften. Die Sauberkeit der Klink hat seither deutlich gelitten, weil diese armen Frauen in Zeittakten und mit Zeitvorgaben für jede einzelne Tätigkeit schuften müssen.
Der nächste Schritt war die Schließung der Klinik eigenen Küche mit alleine ehemals über 30 Arbeitsplätzen. Seither gab es das Patientenfutter von Großküchen der entsprechenden Herstellerfirmen, mit der entsprechenden minderen Qualität. Hundefutter schmeckt besser! Und nur noch lauwarm war es immer, wenn es auf die Stationen kam, Frisch ist anders.
Hinzu kamen fürs gesamte Personal immer wieder monatelange Einstellungsstopps um das vorgegebene, jährliche Haushaltsbudget einhalten zu können. Folge davon waren nicht nur teilweise dramatische Unterbesetzungen auf den Stationen, sondern auch die Tatsache, dass Personal-Lücken ständig mit den Überstunden der Mitarbeiter gestopft wurden. Viele Mitarbeiter hatten nach einigen Monaten oft mehrere hundert Überstunden auf ihrem Konto angesammelt, die kaum noch abzubauen waren.
Und was Immobilien-Geschäfte angeht war die Klinik Vorreiter. Einstmals besaß sie im Gerresheimer Umfeld der Klink hunderte von Dienstwohnungen, die schon vor meiner Zeit an eine private Wohnungsbaufirma verkauft worden sind. inclusive des Klink eigenen Festsaales in dem zu früheren Zeiten häufig Veranstaltungen stattfanden und auch die jährlichen Betriebsfeiern fürs Personal durchgeführt wurden.
Alles in allem eine Entwicklung die dieser reichen Gesellschaft ein Armutszeugnis ausstellt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was zwischenzeitlich noch geschehen ist. seit ich vor knapp zehn Jahren dort ausgeschieden bin. Der Kapitalismus ist Profitgierig und Menschen verachtend und gehört schon lange auf den Müllhaufen der Geschichte !

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Aleksander von Korty
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Lieber Uli Gellermann,
es ist zum verzweifeln, denn es trifft immer die Besten, die Guten und die engagierten. Ich wünsche schnelle und gute Besserung/Genesung und hoffe dass Sie uns noch lange, auch als Autor, erhalten bleiben! Den Schlaganfällen...

Lieber Uli Gellermann,
es ist zum verzweifeln, denn es trifft immer die Besten, die Guten und die engagierten. Ich wünsche schnelle und gute Besserung/Genesung und hoffe dass Sie uns noch lange, auch als Autor, erhalten bleiben! Den Schlaganfällen dieser Welt zum Trotz!

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Markus Schmitz
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Sie sind schon verrückt, sich wieder an den Computer zu setzen. Aber es ist auch ein verrückt guter Text geworden.

Renate Hartung
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Gute Besserung !

Hans Tigertaler
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Lieber Uli Gellermann,

Aldous Huxley war ein Bücherwurm und hatte ziemlich früh gewaltige Probleme mit seinen Augen. Er befürchtete sogar blind zu werden. Dann lernte er eine Lehrerin kennen, die ihm entspanntes Sehen beibrachte.

Lesen schadet...

Lieber Uli Gellermann,

Aldous Huxley war ein Bücherwurm und hatte ziemlich früh gewaltige Probleme mit seinen Augen. Er befürchtete sogar blind zu werden. Dann lernte er eine Lehrerin kennen, die ihm entspanntes Sehen beibrachte.

Lesen schadet den Augen nicht, wenn man ab und zu etwas anderes macht. Ein Affe schaut nicht ständig auf eine bestimmte Banane, sondern auch nach anderen und nach potentiellen Partnerinnen oder Feinden. Sich in alle Richtungen zu bewegen, sind für Augen und Kopf natürlich und eine verkrampfte Nackenmuskulatur am Computer überhaupt nicht gut.

Was hilft? - Das „Palmieren“ ist für die Augen das Beste: Man legt beide Handflächen über die Augen, ohne sie zu berühren, und schirmt die Augen gegen Licht ab. Am Anfang sieht man Grau, auch wenn überhaupt kein Licht zur Netzhaut gelangt, aber durch Übung gelingt es immer besser schwarz zu sehen. Das totale Schwarzsehen zeigt, dass man gelernt hat, sein Sehen zu entspannen. Und die „liegende Acht“ entkrampft die Nackenmuskulatur (Die Augen schließen und mit der Nase eine Acht in die Luft zeichnen).

Aldous Huxley war so begeistert von solchen Anleitungen, dass er das Buch „Die Kunst des Sehens“ geschrieben hat.

Bei Sehproblemen ist die Schonung der Augen besonders wichtig, deshalb ist diese Internetseite gut: https://www.pediaphon.org/~bischoff/radiopedia/sprich.html (Man kann sich einen Text vorlesen lassen und auf dem Computer speichern.)

Bei YouTube gibt es gute Anleitungen zum entspannten Sehen, die nennen sich blöderweise „Augenübungen“ oder so.

Ich hoffe, dass Sie bald Ihre großartige Arbeit fortsetzen können (aber schonen Sie sich!),

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Bernhard Lechtenbrink
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