Alle wissen: im öffentlichen Dienst wird so gut wie nicht gearbeitet. Schon der politisch verblichene Kanzler Schröder wußte von den "faulen Säcken" im Amt zu berichten, ein Berliner Finanz-Senator war sicher, dass "es für das Land Berlin billiger sei, wenn `die´ bei vollem Gehalt zu Hause bleiben", als wenn man die Dienstgebäude der öffentlich Beschäftigten weiter beheizte, bestromte und bewässerte.

Warum nur haben die kommunalen Arbeitgeber, vorneweg jene in Baden Württemberg, den alten Tarifvertrag mit der Gewerkschaft gekündigt, damit die Kindergärtnerinnen und die Müllwerker am Tag 18 Minuten mehr arbeiten? Jetzt breitet sich Erstaunen aus: Wer regelmäßig ZDF- oder ARD-Nachrichten sieht, wer Tagespresse liest, darf eigentlich sicher sein, dass "die Gewerkschaften" mal wieder was fordern.

Falsch. Die Medien bedienen einen alten, dämlichen Reflex, sind ihm vielleicht selbst erlegen. Nicht die Gewerkschaften fordern, die öffentlichen Arbeitgeber verlangen, ziemlich ultimativ und irgendwie unlogisch, von denen, die ja ohnehin ihre Zeit nur absitzen, eine Verlängerung der Arbeitszeit. Und die Gewerkschaft, genauer die des öffentlichen Dienstes, "ver.di", wehrt sich dagegen.

Seit ein paar Jahren pflegen Bundesregierungen, die jetzige setzt das genial fort, der krisenhaften wirtschaftlichen Situation Deutschlands mit Spar-Appellen zu begegnen: Weniger Beschäftige, geringere Gehälter, weniger Rente: Als hätten die Damen und Herren der Obrigkeit eine sehr beschränkte Gebetsmühle implantiert bekommen, wiederholen sie diese "Rezepte" immer auf´s Neue.

Wer durch die Straßen Berlins geht, kann Ergebnisse und Perspektiven der Rezeptur erkennen, sobald er von der Friedrichstraße oder dem Ku-Damm in normale Gegenden gerät: Blinde Schaufenster, Rudis Reste-Rampe, der alte Imbiss-Stand mit dem fünften neuen Besitzer. Das mag in Stuttgart, wo sie gerade 18 Minuten täglicher Mehrarbeitszeit für die Sozialarbeiter durchsetzen wollen, noch ein wenig anders aussehen. Aber nicht mehr lange, die öffentliche Arbeitgeber arbeiten gerade daran.

Hat man je von Arbeitslosigkeit in Liechtenstein gehört? Die Kaufkraft in Liechtenstein ist die höchste in Europa. Die Schweiz, mit weniger als vier Prozent Arbeitslosen, liegt auf Platz drei der europäischen Kaufkraftstatistik, Großbritannien besetzt den fünften Platz und zählt etwa die Hälfte der deutschen Arbeitslosenprozente. Dass wir eine deutlich geringere Binnenkaufkraft verzeichnen versteht sich. Und diesen schlechten Platz erreichten die Deutschen durch jahrelange Nullrunden bei Renten und Gehältern ebenso, wie durch einen Rationalisierungswettbewerb zwischen öffentlichen und privaten Arbeitgebern.

Da denkt sich der einfache Bürger: Machen wir es doch so, wie die Schweizer oder Engländer, erhöhen wir die Binnenkaufkraft, dann gibt es Impulse für die Wirtschaft, die stellt neue Leute ein, die füllen die Arbeitslosen- und Rentenkassen, der Staatshaushalt sieht besser aus, und das Land kann nahtlos aus der Talfahrt in die Gipfelstürmerei übergehen. "Milchmädchenrechnung" sagt die Regierung, wir müssen die europäischen Haushalts-Kriterien erfüllen, sonst gibt es Ärger.

Halten die Griechen die Kriterien ein? Kennt die mafiöse italienische Regierung die Kriterien überhaupt? Wer zahlt den englischen Europa-Beitragsrabatt? Fragen über Fragen, nur die deutsche Regierung stellt sie nicht. Weil in dieser Regierung jeder seinen Verantwortungsbereich genau kennt: Der Finanzminister spart, der Sozialminister auch, der Außenminister äußert sich nicht, den Wirtschaftsminister kennt keiner und die Kanzlerin sagt nach den ersten 100 Tagen Regierung von sich: "Ich bleibe der Mensch, den meine Familie und Freunde kennen". Das hatten wir befürchtet.

Wenn die Deutschen vernünftig wären, dann würden sie, vom normalen Unternehmer bis zum Arbeitslosen, den Kollegen der Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes ihren Dank aussprechen. Denn die "ver.di"-Leute versuchen wenigstens Arbeitsplätze und damit Kaufkraft zu retten. Und weil sie logisch handeln, werden sie öffentlich als pervers erklärt: Sie lassen durch ihren Streik Schnee vom Himmel fallen und die Autos aufeinander fahren, erfährt man aus der Zeitung.

Die politische Klasse in Deutschland hat die Vorhänge an ihren Dienstwagen heruntergelassen, die Medien verteilen Scheuklappen und die Spitzen der Kapitalgesellschaften sind so intensiv mit Geld zählen beschäftigt, dass ihnen nicht auffällt, dass die dritte Welt, mit all ihren lästigen Begleiterscheinungen, auch ihre deutschen Wohnsitze erreichen könnte. Ein paar Minuten Mehrarbeit am Tag? Bettler, Straßenräuber und Einbrecher kennen keine Tarifverträge, sie arbeiten rund um die Uhr, um die Vermögensverhältnisse zu kompensieren. Daran sollte sich der öffentliche Dienst mal ein Beispiel nehmen.

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