Wir sind UNO, möchte die Kanzlerin demnächst sagen können und ist fest davon überzeugt, dass unser deutsches Wesen den UN-Sicherheitsrat bereichern würde. Die Frage nach anderen Ländern oder die danach, wie viele europäische Staaten, nach England, Frankreich und Russland, denn noch den Rat bevölkern sollen, stellt sie nicht. Immer nach dem Motto, wer innenpolitisch nichts leistet, sollte sich wenigsten außenpolitisch was leisten, wird die Schrödersche Großmannssucht weitergeführt. Und auch noch mit den Mitteln des Herrn Fischer: Hier ein Auslandseinsatz der Armee, dort die deutsche Flotte am Horn von Afrika, und wenn Bush will, dann spucken wir auch dem Iran in die Urananreicherung.

Wer sind diese Deutschen, die neuerdings an alle Fronten drängen? Die Hunnen vergangener Tage, das Volk der Dichter und Henker, oder jenes, das im Krähwinkel sitzt und beleidigt ist? Wie es der Zufall will, landet gerade jetzt eine Studie auf dem Tisch des deutschen Volkes, die sich mit der Identität der Deutschen beschäftigt. Und immer wenn es Studien regnet, will man wissen, wer hat sie für wen und mit welchem Ansatz entwickelt. Gefertigt wurde sie vom Rheingold-Institut für Marktanalysen. Der Name sollte stutzig machen: Rheingold, so nannte man das Gold der Nibelungen, die es kurz vor ihrem Untergang in den Rhein geworfen haben. Entweder kennen die Institutsbetreiber die Nibelungensage nicht oder ihnen ist es gleichgültig, dass ein Gold, was nicht zu finden ist, nicht mal den Wert von Blech hat. Das Institut wiederum wurde von der Identity Foundation beauftragt. Immer, wenn es im neuen Deutschland bedeuteln soll, angliziert es. Da die Foundation wiederum unter der Telefonnummer der Pleon GmbH zu erreichen ist, einer PR- und Lobby-Agentur, werden die Fragezeichen noch ein wenig größer.

Ein Ergebnis der Studie gleich vorneweg: Die Identität des Deutschen liegt im Basteln. Nicht nur, dass er gerne werkelt der herausgefundene Identitätsdeutsche, er reorganisiert auch gerne. Und, sagt uns das institutionalisierte Foundation-Deutsch: »Werkeln ist die kollektive Gemütsvorstufe des technischen und künstlerischen Wirkens der Deutschen und ihrer anerkannten Leistungsfähigkeit in der Schaffung von Werken und insbesondere auch Systemen.« Dass wird man nun der Oma in Marzahn und erst recht dem Opa in Gelsenkirchen übersetzen müssen: Beim Basteln wird der Deutsche gemütlich, dann werkelt er in Afghanistan, was auch immer er dort zu schaffen hat? Oder soll es heißen, der Deutsche ist anerkannt, weil er sich was leistet? Fragen, die wir an den Germanisten weitergeben müssen.

Die Studie basiert auf gezählten siebzig Tiefeninterviews, die Befragten sind nach einer Art Schichtenmodell ausgesucht worden. Siebzig Menschen für Millionen Deutsche, das mag ein wenig schmal aussehen, könnte aber funktionieren, wenn dem Leser der Studie die konkreten Fragen zugänglich wären. So muss man sich mit den Schlussfolgerungen des Instituts zufrieden geben und nicht belegte Schlüsse, sagt der Meinungsforscher, sind schlechter als nicht belegte Brote. Aber es gibt Zitate von Befragten, die geben durchaus Hinweise zur Methode: »Nach diesen zwei Stunden (der Befragung) bin ich ganz überrascht und stolz . . . Ich hatte immer gedacht, trotz unserer Geschichte auch Dinge zu entdecken, hinter denen ich stehen kann.« Also geht der Proband aus der Befragung anders raus als er reingegangen ist, also ist die Methode so wenig wissenschaftlich, dass man sie getrost als unsauber bezeichnen kann, also muss es eine Absicht geben.

»Die Selbstwahrnehmung der DDR schwankte zwischen Über- und Unterlegenheit«., behauptet die Studie. Wer aber ist die repräsentative DDR? Wann ist sie befragt worden? Kein Aufschluss unter dieser Nummer. - Auch wenn in der Studie eine Alltagserkenntnis, nach der die Deutschen lieber Bayern, Thüringer oder Kyritzer sind, zur tiefenpsychologischen Weisheit und zum Sondermerkmal der Nation aufgeblasen wird, ist die Wissenschaft gerade auf Wanderschaft: Als wären die Basken nicht lieber Basken denn Spanier, die Schotten ganz sicher keine Engländer, als hätten in West- Europa nicht die Regionen über die Nationen gesiegt. Und so geht es dann fort mit dem Halb- und Garnix-Wissen, wenn man ein Zitat wie »Die Deutschen sind . . . besser ausgebildet als die meisten Nationen« für eine Erkenntnis ausgibt, um dann hochtrabend zu schließen. »In Millionen Hobbykellern erschaffen die Deutschen ihre private Synthese aus suchender Ratlosigkeit und abstrakter Werkidee, indem sie funktionierende Systeme bauen.«

Die Pleon GmbH leitet ihren Namen vom griechischen »polus« (deutsch »mehr«) ab. Sie hat in Europa mehr als achthundert Mitarbeiter, in Deutschland mehr als dreihundert. Spätestens seitdem die PR-Agentur Politiker wie die ehemalige Bundesministerin Andrea Fischer und den früheren NRW-Europa-Minister Detlev Samland auf der Lohnliste hat, begreift sie sich als Think-Tank und berät häufig und kostspielig Regierungsinstitutionen. Und wenn es nicht einer der leidigen Baumärkte ist, der die vorliegende Studie in Auftrag gegeben hat, dann kann es nur die Regierung sein. Herbeigefragte Behauptungen wie jene, dass die Deutschen ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis haben sollen, deuten stark darauf hin. Konkurrenten der Pleon leiten deren Namen von »Pleonasmus« (überflüssige Häufung sinngleicher Wörter) oder Pleonexie (Habsucht) her. Das ist natürlich nur Futterneid.

Wer die Verschiebung von Menschen aus der Arbeitslosenstatistik in den staatlich subventionierten Niedriglohnsektor als Aufschwung verkauft, wem die Tatsache, dass die Gehälter der Deutschen so niedrig sind wie vor zwanzig Jahren, keinen Kommentar wert ist, der findet die Identität der Deutschen in der eigenen Sehnsucht nach Geltung, Weltgeltung wenn es geht. Aber da die Dame Merkel ja von einer, wie auch immer knappen Mehrheit gewählt worden ist, kann die Studie doch recht haben: Wir haben uns eine Regierung gebastelt, liebe Weltöffentlichkeit, die kocht mit so wenig Wasser, da kann gar nix anbrennen.

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