Türkei-Putsch nicht ohne USA

Bundeswehr in NATO-Treue fest an der Seite welcher Türkei?

Autor: U. Gellermann
Datum: 16. Juli 2016

Seit Wochen kursierten im politischen Washington Gerüchte über einen Militärputsch in der Türkei. Ausgelöst hatte diese Vermutungen der Artikel „Could there be a coup in Turkey?“ von Michael Rubin im Blog des neokonservativen „American Enterprise Institute“. Das „American Enterprise Institute for Public Policy Research (AEI)“ ist ein reaktionärer US-amerikanischer Think Tank in Washington, D.C. und gilt als Denkfabrik jenes militärisch-industriellen Komplexes in den USA, der sich wesentlich durch die Regierungen des Bush-Clans (Vatern und Sohn) vertreten sah. Namen wie Richard Perle, Lynne Cheney und Irving Kristol sind unter den prominenten Fellows des Institut zu finden. Michael Rubin berät für das US-amerikanische Militär hochrangige Offiziere, die in den Irak oder nach Afghanistan beordert werden.

Auch wenn US-Präsident Obama anlässlich des aktuellen Putsch-Versuchs zur Unterstützung der „demokratisch gewählten“ Regierung in der Türkei aufgerufen hat, ist nicht auszuschließen, dass eine andere Fraktion der US-Herrschaften eine andere Politik in der Türkei wünscht. Die Republik Türkei ist seit 1952 Mitglied der NATO. Nahezu zeitgleich kämpfte die türkische Armee an der Seite der US-Armee im Korea-Krieg (1951-53): Rund 6.000 türkische Soldaten unterstützen den Machtanspruch der USA im Konflikt mit der Volksrepublik China. Seit dieser Zeit ist die Zusammenarbeit zwischen der US-Armee und den Türk Silahlı Kuvvetleri, den türkischen Streitkräften mehr als eng.

Die türkische Armee begreift sich selbst als Hüterin der Verfassung. Einer Verfassung, die Präsident Erdogan durch seine Angriffe auf den dort verankerten Laizismus und seine diktatorischen Ansprüche seit langem gefährdet. Im Artikel 2 der Verfassung definiert sich die Türkei als „demokratischer, laizistischer und sozialer Rechtsstaat“. Nicht einer dieser Punkte entspricht der Verfassungswirklichkeit. Das hat die USA bislang nicht gekümmert. Was den Spitzen der US-Politik aber seit geraumer Zeit Sorgen macht, ist der offensichtliche Anspruch der Erdogan-Türkei das Erbe der Osmanen anzutreten. Im März 2013 ließ der damalige Außenminister Ahmet Davutoglu die osmanische Katze aus dem Sack: „Das letzte Jahrhundert war für uns nur ein Einschub. Wir werden diesen Einschub beenden. (…) Wir werden Sarajevo wieder mit Damaskus verbinden, Benghazi mit Erzurum und Batumi.“

Während die USA zum Bespiel in Syrien kurdische Kräfte unterstützte, in der Hoffnung damit die Regierung Assad zu schwächen und auf eine Spaltung des syrischen Staatsgebietes setzte, kollaborierte die Türkei mit unterschiedlichen sunnitschen Terrorgruppen, bis hin zur logistischen Unterstützung des „Islamischen Staates“. Die beiden Nato-Partner, die auf dem Stützpunkt Incirlik Air Base einsatzfähige Atomsprengköpfe unter Verfügung der USA lagern, sind längst zu konkurrierenden Kräften geworden.

Schon mehrfach hat das türkische Militär in seiner Geschichte geputscht. Der erste und gravierendste Putsch führte am 27. Mai 1960 zur Absetzung des damaligen Ministerpräsidenten Adnan Menderes und zu dessen Hinrichtung. Menderes, unter dessen Ägide das Pogrom von Istanbul inszeniert wurde, das sich gegen die griechische Minderheit in der Türkei richtete und rund 100.000 Griechen zum Exodus trieb, war zugleich ein früher Islamist. Das war auch der Hauptgrund für den Militär-Putsch: Der Versuch von Menderes, die Türkei aus dem verfassungsmässigen Laizismus zu lösen: „Wir haben“, erklärte Menderes damals, „unsere bis jetzt unterdrückte Religion von der Unterdrückung befreit. Ohne das Geschrei der besessenen Reformisten zu beachten, haben wir den Gebetsruf wieder auf das Arabische umgestellt, den Religionsunterricht an den Schulen eingeführt und im Radio die Rezitation des Koran zugelassen. Der türkische Staat ist muslimisch und wird muslimisch bleiben. Alles, was der Islam fordert, wird von der Regierung eingehalten werden.“ Wer Ähnlichkeiten zum Edogan-Regime erkennt, irrt nicht.

Der Putschversuch hat nach Angaben aus dem Bundesverteidigungsministerium "keine Auswirkungen" auf die Bundeswehrsoldaten in Incirlik. Auf dem Stützpunkt im Süden der Türkei sind derzeit 240 deutsche Soldaten stationiert. Sie beteiligen sich an den Tornado-Aufklärungsflügen gegen den "Islamischen Staat". Spätestens jetzt ist das hinrissige Gehabe der „neuen deutschen Herausforderung“ zu erkennen: An welcher Seite steht die Bundeswehr treu zu ihrem NATO-Partner? An der Seite der gewählten Regierung mit diktatorischen Ambitionen? Oder an der Seite des türkischen Militärs, das zumindest mit der Billigung einer US-Fraktion in Washington gerade versucht hat zu putschen? Die Wahl wird der Regierung Merkel nicht schwer fallen. Wer soll und kann den Job übernehmen, die Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten an ihrer Reise in die EU zu hindern? Das ist die Seite auf der die Kanzlerin steht.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 19. Juli 2016 schrieb Klaus Bloemker:

SPIEGEL online schreibt jetzt, der Luftwaffengeneral Akim Oztürk, der anfänglich offiziell zugegeben haben soll, der Anführer des Putsches gewesen zu sein, habe gesagt, er sei es nicht gewesen und wisse nicht, wer es war. - war eR es nun oder nicht? - Der Spiegel erwähnt nicht, dass Oztürk türkischer Militärattache in Israel war.

Uli schreibt im obigen Artikel, Michel Rubin, Richard Perle und Irving Kristol vom American Enterprise Institue seien Vertreter des "militärisch-industriellen Komplexes": - Sie gelten aber in erster Linie als Vertreter der Israel Lobby in Amerika.

Die Überschrift von Ulis Artikel hätte besser lauten sollen: TÜRKEI-PUTSCH NICHT OHNE ISRAEL - Aber oh je, so etwas zu sagen, ist ja so etwas von heikel.

Antwort von U. Gellermann:

Wer diese Site kennt, der weiß, dass ich den Begriff heikel nicht kenne. Ich kenn nur Fakten & Argumente. Und wer das "American Enterprise Institute for Public Policy Research“ auf seinen pro-Israel-Aspekt, reduziert ist seltsam monoathematisch: Das AEI ist neokonservativ, imperialistisch und nimmt gern Geld von z. B. EXXON, um den UN-Klimabericht anzuzweifeln. Und jetzt ist auch gut.


Am 18. Juli 2016 schrieb Uschi Peter:


Echt verlogen fand ich die Äußerung einiger Kommentatoren, dass Putsche generell abzulehnen sind. Aber , aber, Putsche in unseren Feindesländern sind uns doch hochwillkommen. Denn sie spiegeln den"Willen des Volkes" wider. Was in der DDR, in der Ukraine, in Jugoslawien und in der stebenden UdSSR usw. geschah, war doch gut und richtig. Aber Putsch in den Satellitenstaaten ist natürlich zu verurteilen.


Am 18. Juli 2016 schrieb Klaus Bloemker:

@ Brigitte Klara Mensah-Attoh:

Die linken `Verschwörungstheoretiker´ trauen sich das aber nicht so recht. Sie ziehen es vor, den US-Kapitalisten den schwarzen Peter zu geben.

Aber schauen wir, wer bei uns für die Irak Invasion war, Frau Merkel und:

FAZ Online 26.1.2003
ZENTRALRAT DER JUDEN KRITISIERT ROT - GRÜN

Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, hat die Bundesregierung wegen ihrer Ablehnung des Irak-Krieges kritisiert. .... Die Konzentrationslager sind nicht von Demonstranten befreit worden, sondern von der Roten Armee?, sagte Spiegel bei der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus am Sonntag in Darmstadt.
__________
Paul Spiegel ging es nicht um das irakische Öl sondern um die Sicherheit Israels - wenn erstmal über Baghdad die amerikanische Flagge weht.

Antwort von U. Gellermann:

Paul Spiegel hat weder die Truppen der Willigen im Irak gestellt noch sie kommandiert. Und der unsägliche Auschwitz-Vorwand wurde erstmals für eine Drecks-Invasion vom guten Christen Joschka Fischer in die Welt gesetzt. Die Verschwörung läuft immer längs der Profit- und Geostrategie-Interessen.


Am 18. Juli 2016 schrieb Brigitte Klara Mensah-Attoh:

Horror - was sich da an Abgründigem auftut: Volksdelirium + Pogromstimmung. Zeigt es doch, daß es immer auch noch fürcherlicher geht!
Dank dem Rationalgaleristen, der erhellend zu diesen Erkenntnissen mit beiträgt!!

Das, was wir derzeit in der Türkei (mit-) erleben, so fürchten Insider, sei nur der Anfang, die Sache werde unweigerlich so enden wie Syrien, dem Irak, Afghanistan! Also ganz im Sinne der eigentlichen Interessenten, den USA. Das wird immer deutlicher, je mehr sich herauskristallisiert, wer dafür das passende Werkzeug zur Destabilisierung ist: der größenwahnsinnige Erdogan ist den Amis im Moment nützlich. Wenn aber nicht mehr, dann ist wohl auch sein Stündlein gekommen (s. auch Saddam, Ghaddafi, usw.). nichts was geschieht geschieht zufällig - detaillierte Pläne dafür liegen bereits seit langem in den US-Schubladen bereit... meint zumindest eine Verschwörungstheoretikerin...


Am 18. Juli 2016 schrieb Alles nur Satire:

Herr Gellermann, ganz großer Beitrag eines JOURNALISTEN, dem diese Berufsbezeichnung zur Ehre gereicht! Sie haben (wieder mal) einen aufklärenden Artikel verfasst.

Darf ich in diesm Zusammenhang auf eine Website aufmerksam machen? es handelt sich um http://www.voltairenet.org/de.
Auch dort versuchen viele Journalisten und Wissenschaftler aus vielen Ländern "Licht ins neoliberale Dunkel" zu bringen. Aufzuklären und neoliberale US-, EU-, NATO-Propaganda zu entkräften.


Am 18. Juli 2016 schrieb Klaus Bloemker:

Noch was zu Michael Rubin, dem coup in der Türkei, Israel und der Invasion des Irak:

Michael Rubin vom American Enterprise Institute hat an der Hebrew University of Jerusalem unterrichtet (Israel´s second oldest university established in 1918,)

Und er war in der Coalition Provisional Authority (a transitional government of Iraq following the invasion of the country on 19 March 2003).
__________
Damit ist die `Verschwörungstheorie´ komplett: Die Neocons haben den Irakkrieg promotet, haben eine Verbindung zu Israel und sie wissen schon vorher, dass ein früherer Militärattache der Türkei in Israel einen coup plant - einen coup den sie, die Neocons, auch befürworten.


Am 18. Juli 2016 schrieb Petra Camphausen:

Das ist bisher die einzige auch historisch fundierte Analyse, die ich gelesen habe. Vor allem aber weist sie auf ein hin: Die Bundesrepublik Deutschland ist seit Jahr und und Tag in einem Militärbündnis, das problemlos mit Diktaturen zusammengearbeitet hat und auch jetzt wieder dazu bereit ist. Das ganze Geschwätz von der Demokratie und den westlichen Werten, die angeblich verteidigt werden ist erlogen. Der Fall Türkei schreit laut und deutlich: Raus aus der NATO.


Am 17. Juli 2016 schrieb Klaus Bloemker:

Und noch etwas The Times of Israel schreibt gestern:

ALLEGED COUP LEADER WAS ONCE MILITARY ATTACHE TO ISRAEL

Former Turkish Air Force chief Ak?n Ozturk maintained army ties with Jewish state in the 1990s.
____________
Israels Beziehungen zu Erdogan ließen ja einiges zu wünschen übrig. - Ich vertrete allerdings nicht die cui bono Theorie, dass, wenn jemand von etwas Nutzen hat, er auch die treibende Kraft dahinter sein muss.


Am 17. Juli 2016 schrieb R N:

Zu den Stimmen von Philippe Etienne, Angela Merkel, Jean-Claude Juncker und Joachim Gauck, möchte ich noch eine hinzufügen.
Sie stammt von einer Schnapsnase aus dem Europaparlament.

"Ich begrüße, dass an diesem Morgen wieder die Herrschaft des Rechts gilt"

Z.B. hier nachzulesen:
http://www.t-online.de/wirtschaft/id_78426898/wirtschaft-schulz-begruesst-rueckkehr-zur-herrschaft-des-rechts-in-der-tuerkei.html

Ich glaube, er meint das ernst.


Am 17. Juli 2016 schrieb Klaus Bloemker:


Michael Rubin vom American Enterprise Institute befürwortete ganz offensichtlich den coup. - Warum? Hier ist einer seiner Gründe. Er schreibt am 15. Juli unter der Überschrift

WHY THE COUP IN TURKEY COULD MEAN HOPE

"There are other reasons for hope. He [Erdogan] flirted with support for terrorists groups like Hamas, the al-Qaeda-linked Nusra Front and even the Islamic State."

Man muss bei der US Nahostpolitik immer den Israel angle sehen.


Am 17. Juli 2016 schrieb Michael Kohle:

Während der Übung Freitagnacht der Wehrsportkampftruppe Erdowahn saßen nicht weit entfernt in Moskau Lawrow und Kerry zusammen und - Verzeihung - laberten angeblich über eine Annäherung Russland / USA i.S. Syrien.

Da fallen mir jetzt zwei, drei mögliche "Hintergründe" ein.
Variante 1: da war einer beleidigt, weil er , sich als Hauptbetroffener wähnender, nicht mitsandeln durfte. So konnten in einem Aufwasch einige probate Retourkutschen mit freundlichem Gruß übermittelt werden.

Variante 2: Das Treffen in Moskau war eine Wiederauflage vom 1. Mai 2011. Da wollte man gemeinsam den Her- und Fortgang der "action" in realtime verfolgen (der Ausgang dieses Mal nicht ganz so erfolgreich). Ein diskreter Beleg für diese These: die putscherprobte Viktoria Nuland durfte auch gespannt mit vor dem Monitor sitzen.

Variante 3 präzisiert Nr. 1 und schließt Variante 2 nicht aus sondern verwendet sie als Basis. Da gab es einige dringende Massnahmen auf der To-do-Liste für den Osmanen-Herrscher, die es abzuarbeiten galt vor dem anstehenden Waffengang. Die gründliche Säuberung des Militär- und Justizapparates an forderster Stelle, und die drohende Wiederauflage eines Molotow-Ribbentropp-Paktes bedurfte einer Kommentierung eigener potentieller Beiträge. Die ist dann auch wunderbar gelungen. Stundenlang konnten Lawrow (zähneknirschend) und Kerry (hellhörig) in Moskau gespannt verfolgen, wie einfach es wäre, aus dem Schwarzen Meer einen einseitigen Blinddarm werden zu lassen. Die Bosporus-Brücke war schließlich die Hauptbühne in der Nacht zum Samstag zumindest im TV von CNN u.a., von Beginn bis Ende des Schauspiels hervorragend ausgeleuchtet und dann - gegen Ende - schipperten wie bestellt ein, zwei nur an ihren Positionslichtern erkennbare Schiffe (noch) unbehelligt unten durch.

Es war wohl die Nacht des großen Heimleuchtens. Wie zitiert Gellermann so schön: Der Putschversuch hat nach Angaben aus dem Bundesverteidigungsministerium "keine Auswirkungen" auf die Bundeswehrsoldaten in Incirlik. So so! Warum fühlte sich Recep T.E. dann so bemüht, den Strom in Incirlik abzudrehen und dort befindlicher "Putschisten-Terroristen" auf wenig sanfte Tour habhaft zu werden? Haschmich im Dunkeln? Keine Auswirkungen? Die NATO - so gestern Abend bei Gniffke oder Kleber - stehe fest auf dem Boden der Wertegemeinschaft. Na denn, tolle Werte! Wer lang hat, soll lang zeigen!

Ach, nochwas! Wenn es tatsächlich so sein sollte, wie selbst gemeine Spatzen in Washington und sonstwo von den Dächern pfeifen, dass nämlich ein "worldwar three" in naher Zukunft zu erwarten steht, dann haben die Ereignisse dieses Wochenendes dieses nicht unwahrscheinlicher werden lassen, im Gegenteil.


Am 17. Juli 2016 schrieb Reiner Bringmann:

Die Medien sind voller Statements deutscher Politiker zum Putsch in der Türkei. Nicht ein einziger wirft die Frage auf, mit wem wir denn da in der nATO sind: Mit einem Land auf dem Weg in die Diktatur und einer Armee, die, wenn sie nicht putscht, die Minderheit in der Türkei jagt. Macht nichts, sagen die Merkels und Steinmeiers, die NATO ist gottgegeben, da können wir ebenso wenig raus wie aus der EU oder unserer Haut.


Am 17. Juli 2016 schrieb Uschi Peter:

Ich habe mal die einschlägigen blogs durchforstet. Bei Freeeman ASR, entschuldige Uli, wurde gepostet, dass wohl doch die USA dahinterstehen, weil Erdogan sich mit Russland versöhnen wollte. E. hat auch gleich den Putsch-Versuch auf Fetullah Gülen geschoben. Außerdem hätten Soldaten gesagt, sie wurden im Glauben gelassen, es handle sich um eine Übung! Auf jeden Fall steht E. als der Held da.


Am 17. Juli 2016 schrieb Simone Birgersson:

So dilettantisch und schwachbrüstig, wie dieser Putsch angegangen worden zu sein scheint, kann man seine Zweifel daran haben, dass entsprechende Kräfte seitens der USA ihn aktiv unterstützt oder befördert haben könnten. Ebenso widersprüchlich ist die Vermutung, Erdogan selbst stecke dahinter. Immerhin konnte er völlig unbehelligt aus dem Urlaub zurückkehren und in Ankara landen. Was eher für diese Vermutung spricht. Möglicherweise sollte dieser "Putsch-Versuch", wenn er denn tatsächlich von Erdogans Zirkeln orchestriert war, in Vorwegnahme der realen Gefahr einer militärischen Erhebung durch die kemalistischen Kreise in der türkischen Armee für deren Zerschlagung sorgen. Und gleich auch derjenigen in den anderen Funktionseliten des Staates ebenso. Warum sonst müssen auch 1000 (hohe) Richter verhaftet werden. Waren es schließlich auch nicht zuletzt Richter aus einer höheren Instanz, welche die Militärs, die 2010 wegen angeblicher Putschpläne angeklagt und 2013 verurteilt wurden, im April d.J alle freigesprochen und auf freien Fuß gesetzt hatten (Ergenekon-Affäre).
Auch nicht auszuschließen ist, dass, wie Erdogan behauptet, Fethullah Gülen (heutzutage von Pennsylvania aus) tatsächlich hinter dieser Aktion steckt. Schließlich half er schon beim Militärputsch 1997 seinen damaligen Rivalen im Bereich des politischen Islams in der Türkei und den einstigen Ziehvater Erdogans, Necmettin Erbakan vom Thron zu stossen. Nicht zuletzt wegen bester Kontakte zum CIA, deren Gülen sich seit Jahrzehnten rühmen kann.

Fast schon prophetisch klingen in diesem Zusammenhang die letzten Sätze eines Aufsatzes von Axel Gehring, der sich im April mit dem Artikel von Michael Rubin befasst hat

"Und gibt es überhaupt (noch) das homogene kemalistische Militär" Oder handelt es sich nicht um allenfalls noch einzelne kemalistische oder vielleicht andere dissidente Strömungen im Militär? Es ist durchaus möglich, dass der von Rubin ersehnte Militärputsch im Dienste anderer Ziele stünde, als jene, von denen er träumt. Noch wahrscheinlicher ist, dass der Putsch durch eine schwache innere Kohärenz der Streitkräfte von Beginn an mit Problemen zu kämpfen hätte und sich eine türkische Regierung, erstmals in der Geschichte des Landes, dem unter Rückgriff auf eigene loyale Kräfte innerhalb und außerhalb der Streitkräfte versuchen würde, den Putsch militärisch zu brechen.?
http://www.zeitschrift-luxemburg.de/die-tuerkei-vor-einem-putsch/

Und wie heißt es nun so schön in den Statements des hiesigen politischen Establishments: Noch die schlechteste Demokratie sei besser als ein Militärregime. Was nun anschaulich bewiesen werden kann. Man erinnere sich, auch Hitler war „gewählt" worden. Selbst Angela Merkel sah sich schon veranlaßt, eine ihrer Art gemäße leise Kritik an Erdogan laut werden zu lassen in ihrem Statement, wenn sie von zu schützenden Minderheiten spricht. Fällt ihr nur reichlich spät ein. Denn in einem Punkt waren sich Erdogan und putschende Militärs immer einig, nämlich dann, wenn es um die Bekämpfung dieser "Minderheiten" ging.


Am 17. Juli 2016 schrieb Uschi Peter:

Und ich hatte vermutet, dass diesmal die USA nicht beteiligt seien.
Erschreckend scheint mir, dass offenbar die Mehrheit der Menschen auf Seiten der radikalen Islamisten steht und Erdogan unterstützt.


Am 16. Juli 2016 schrieb Frank Dutch:

Vielleicht sind Stümperhaftigkeit der Putschisten und Unkenntnis der Geheimdienste Teile des bösen Spiels:
Wenn schon Erdogan wirklich nix davon wusste, so jubelt er doch jetzt, dass dieser Putsch wie "ein Geschenk Gottes" sei.
Er wird das Geschenk zu nutzen wissen.


Am 16. Juli 2016 schrieb Pat Hall:

Die Politik der Türkei ist vergleichbar wie die Schreckens-Imperialisten-Politik der USA und ist und bleibt für mich ein Buch mit sieben Siegeln.
Das türkische Volk an sich ist doch freundlich,strebsam & hilfsbereit und ihre Gastfreundschaft ist allen bekannt ?
Leider aber gibt es in diesem Lande ein Großkotz-Macho-Gehabe je höher ihre Position in der Gesellschaft Gehör finden mag wie z.B. dieser Macho-Erdogan,der sich anmaaßt seine eigene Bevölkerung zu drangsalieren und Parlamentsmitglieder als Feinde abzustempeln,historische Bauten nieder zu reißen etc. die 1000 Jahre bereits bestanden haben.
Die Türkei ist & bleibt für mich ein Unruheherd und wenn die Menschen in der Türkei weiterhin hinter ihrem geliebten Erdogan stehen wollen,sollen sie es gerne tun.
Ich verbleibe mit der Frage,wer ist Freund oder Feind ?
Militär oder das jetzige Regime ?
Vielen dank Uli,für deinen tiefgründigen Journalismus in dieser immer verrückteren werden Welt


Am 16. Juli 2016 schrieb Der Linksliberale:


Der Hintergrund des Putsches? Wir können spekulieren...Vielleicht kommt der Erdogan nach "hochnotpeinlicher Befragung" der Putschisten um die Ecke und erklärt..."Wir haben ermittelt und Putin hat das Militär angestiftet".
Macht doch erst einmal strategischen Sinn für Erdogan, Nato und USA. Das Eingreifen der NATO im Nahen Osten wird wegen des "Angriffs" auf ein NATO- Land "erklärbar"...und NATO könnte den Russen den "Krieg" erklären...die NATO Panzer stehen ja schon an der russischen Grenze...Diese Schei....will ich nicht zu Ende denken..


Am 16. Juli 2016 schrieb Klaus Bloemker:

Gute Analyse.

Aber Haaretz, Israel stellt die Frage: "How did the various Turkish intelligence services not learn of the plans to orchestrate a coup?"

Das American Enterprise Institue hat so was vermutet - Erdogans Geheimdienst ist aber davon überrascht worden?


Am 16. Juli 2016 schrieb dario vo:

Sorry, aber dem Imperialismus nutzt der Putschversuch wohl kaum. Anders als der Putsch 1980 mit Rückendeckung eines NATO-Manövers, bei dem anschließend die Regierung Helmut Schmidt die Finanzierung der Junta übernahm. Damals war die Türkei ein Testgebiet des Monetarismus und eine hoch aktive Gewerkschaftsbewegung mußte dafür zerschlagen werden.
Unter Erdogan hilft die Türkei beim Krieg gegen die syrische Regierung, dient FRONTEX bei entsprechender Bezahlung ganz brav und pöbelt auch gegen Israel nur symbolisch. Ein Putsch ist da vermutlich der Versuch einer Revanche der spätestens mit der Ergenecon-Affäre abgehalfterten Cliquen des Militärs. Und diesem Militär dürften die Lohnabhängigen völlig schnurz sein. Aber vor einer endgültigen Analyse würde ich Stellungnahmen der DHKP-C oder einer der PKK-Fraktionen abwarten. Leider sind all diese Organisationen auch in der BRD verboten und können nicht in der Tagesschau interwievt werden.


Am 16. Juli 2016 schrieb Lutz Jahoda:

ABZÄHLREIM
FÜR THINKTANK-VERSTEHER

Don´t be in fear,
let us look clear,
it´s not an error,
die ThinkTank-Kerle,
rings um Herrn Perle,
lieben den Terror.

Selbst wo keiner ist -
für die keineswegs Trägen,
ist es ein Kinderspiel,
welchen zu legen.
Im Fall der Türkei
war er passend vorhanden.
Zeit für die Oldies,
ihren Deal dort zu landen.


Am 16. Juli 2016 schrieb Siera:

DANKE DANKE DANKE !
Da wir normal Sterblichen keine Kontakte zu Außerirdischen -s.Juncker - haben , bin ich immer wieder glücklich, deine Artikel lesen zu können ! Das macht die Sache zwar nicht besser, aber durchschaubarer! Gut, dass es dich gibt!


Am 16. Juli 2016 schrieb Lutz Jahoda:

Danke für diese
erhellend präzise
Systemanalyse.

Es ist verstörend, angesichts
der Toten zu sehen
und zu verstehen:
Dem Meinungsterror graut vor nichts.


Am 16. Juli 2016 schrieb Christel Buchinger und Thomas Hohnerlein :

Hut ab, Uli, das ist vom Feinsten und wir schließen uns Jürgen Heiducoff gerne an. Ein schnelle, umfassende Analyse, die einen besser verstehen läßt, was da gerade läuft.


Am 16. Juli 2016 schrieb Werner Köpp:


Danke, lieber Uli, für diese fundierte Recherche. Mir bleibt als Frage noch, ob die Gülen-Bewegung bei dieser Putsch-Situation zusätzlich eine Rolle gespielt haben könnte. Gülen selber hat ja eine Beteiligung dementiert.

Antwort von U. Gellermann:

Dass Fethullah Gülen, der aus der selben religiösen Kiste kommt wie Erdogan, mit Laizisten gemeinsame Sache machen könnte ist schwer vorstellbar.


Am 16. Juli 2016 schrieb Elke Zwinge-Makamizile:

Vielen Dank für Ihre Informationen. Ich schließe mich Herrn Heiducoff an.
Da Ihren Informationen folgend nichts mehr im Westen ohne Billigung oder Veranlassung von entscheidenden Kräften in den USA geschieht (und es viele Beweise dafür gibt), lasse ich meine Hoffnung auf einen erfolgreichen Putsch fallen. Ich dachte nämlich spontan an den Putschversuch unter Hugo Chavez 1992, der mißlang, aber 1999 durch Wahl zum Erfolg wurde. Die türkische Bevölkerung lässt auf diesem Weg wohl wenig Hoffnung zu? Hahnebüchen, aber bezeichnend, ist, dass die türkische Regierung als legal gehandelt wird, nicht aber von denselben Kräften die syrische Regierung.


Am 16. Juli 2016 schrieb Ulrike Spurgat:

Der Artikel bringt Licht ins Dunkel, und zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist: Sachlich, klug, wissend und umfassend , mit Haltung und Mumm informiert zu werden.
Beunruhigend, was da alles auf uns zu kommen wird, und eine Antwort braucht.
Der Wunsch nach Sicherheit und dem "starken Mann" ist dem deutschen Volk nicht unbekannt.
Politik und Religion, ist eine explosive Mischung. In dem Fall trägt beides zur Unterdrückung des Volkes bei, doch die Erscheinungsebene zeigt etwas anderes. Bislang sind die Macht- und Kräfteverhältnisse in der Türkei noch eindeutig auf Seiten derer, die Demokratie, Menschenrechte, Selbstbestimmung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen, und die NATO ist an der Seite des Kurdenschlächters Erdogan, wenn auch noch im Hintergrund. Die Verträge lassen diesbezüglich keinen Zweifel zu. --
Menschlich verständlich, das Sicherheitsbedürfnis, einiger Menschen im Land, doch die Entwicklung unseres Landes, nach 1945 lässt mehr als Zweifel zu, dass die Regierung Adenauers:
keine Experimente, dem Volk, und der Entwicklung des Landes förderlich waren.
Merkel, wird die "demokratisch gewählte Regierung" unterstützen. Sie braucht den Despoten für ihre dreckige Geflüchtetenpolitik.
Die fortschrittliche Kräfte in der Türkei werden nun "vogelfrei" mit Unterstützung der Regierung verfolgt, gejagt und gequält im Namen deren, denen nichts mehr verhasst ist
als Demokratie und Menschenrechte. Eine abschließende Einschätzung habe ich noch nicht, doch die Frage bleibt, mal wieder:
"Wem nutzt das?" Mit dieser Frage muss sich beschäftigt werden.
Wir müssen nur aufpassen, dass die Herrschenden in der Welt, die Macht- und Kräfteverhältnisse nicht noch mehr zu ihren Gunsten verschieben, und die Arbeiterbewegungen überrollt werden.


Am 16. Juli 2016 schrieb Jürgen Heiducoff:

Das nenne ich top aktuellen und tiefgründigen Journalismus. Man könnte meinen, Uli Gellermann habe bereits vor Tagen von der Vorbereitung dieses Putsches in der Türkei gewusst. Wie anders sind die tiefgründigen Recherchen zu erklären, die ihn in die Lage versetzen, die Hintergründe des Putsches, der bei Spiegel online als "Aufstand" bezeichnet wird, zu erklären.
Danke Uli.
Nach vielen Versuchen, heute morgen in den Mainstream-Medien fundierte Informationen über den Putsch zu erhalten, fand ich erst bei der Rationalgalerie eine befriedigende Antwort.

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