Sehr verehrter Herr Grass,

seit meiner Jugend sind Sie ein literarischer und gesellschaftlicher Orientierungspunkt für mich. Mit der "Blechtrommel" haben Sie mir, dem damals 16-jährigen, den Weg in die westdeutsche Nachkriegsliteratur gewiesen, der 54-jährige hat atemlos in Ihrem "Mein Jahrhundert" geblättert und immer wieder Stellen gefunden, die ihn ganz persönlich betrafen. Ihr Protest gegen die Notstandgesetze war mir bei meinem Engagement gegen die Verschlechterung des Grundgesetzes eine Wegweisung, Ihre Haltung gegen die Stationierung der Pershing-2-Raketen fand mich in den Demonstrationen gegen die Nachrüstung. Und wieder waren Sie es, der 1990 mein Unbehagen an der Art der Wiedervereinigung, sie nannten Sie eine Ruck-Zuck-Einheit, in bessere und besser hörbare Worte fasste, als es mir gegeben gewesen wäre. Nicht alle Ihrer Bücher habe ich lesen, nicht alle Ihrer Positionen habe ich teilen können. Über meinen Respekt, meine ungeteilte Aufmerksamkeit und, wie ich erst heute bemerke, eine gewisse, anonyme Anhänglichkeit verfügen Sie bis heute.

Ihr jüngster Aufruf zur Wahl der SPD hat mich sehr berührt. Denn ihre Haltung, die eines der wichtigen, intellektuellen Wächter der deutschen Demokratie, wird viele Menschen veranlassen, sich jener Sozialdemokratischen Partei zuzuwenden, die schon lange nicht mehr die EsPeDe Bahrs und Brandts ist und deren Redlichkeit und deren soziale Verantwortung durch eigenes Verschulden in Zweifel geraten sind.

In Ihren Zeilen nennen Sie den Mut der SPD zu "notwendige(n) und schmerzhaften Reformen" als ersten Grund für Ihr Unterstützerschreiben. Es gab Zeiten, da war der Begriff Reform, von der Bildungsreform bis zum Reformhaus, durchaus positiv belegt. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland verbindet mit dem Begriff Reform heute die Verschlechterung ihrer sozialen Lage und die immer ungerechter gewordene Verteilung der Lasten. Auch und gerade unter einer von der SPD geführten Regierung sind die Reichen reicher und die Armen ärmer geworden.

Der weitere Grund Ihres Wahlaufrufes, dass die SPD uns "vor einer Verstrickung in den verheerenden Irak-Krieg bewahrt" habe, ist gewichtig. Gestatten Sie trotztdem, dass ich an etwas erinnere, was beschönigend das deutsche Engagement in Afghanistan genannt wird. Dort steht die Bundeswehr und sichert die Kampfhandlungen der US-Truppen gegen die Reste der Taliban und gegen nicht wenige Menschen der Zivilbevölkerung, die zufällig in der Nähe der Kämpfenden sind und versehentlich ihr Leben oder ihre Unversehrtheit verlieren. Der Krieg gegen Afghanistan, der als Suchaktion nach Osama Bin Laden begann und in einer völkerrechtswidrigen Aktion mündete, ist nicht beendet und deutsche Truppen sind, so oder so, dabei.

Ihr Aufruf endet mit der Befürchtung "die Bundesrepublik Deutschland (könne) wiederum gänzlich schwarz werden". In der Innenpolitik würde ein solcher Wechsel keine wesentliche Änderung bedeuten. Mit Herrn Schily verfügt die SPD über einen Innenminister, der im Zusammenhang mit der Zuwanderung schon vor sechs Jahren den NPD-Slogan "Das Boot ist voll" übernahm und ihn damit, für welche Salons auch immer, fähig machte. Bis heute hat die CSU Mühe, sich gegenüber diesem Minister zu profilieren.

Anders als Sie glaube ich, dass die SPD eine Regenerationspause braucht, eine Zeit, in der sie sich besinnt woher sie kommt und darauf, dass August Bebel nicht dem Neo-Liberalismus oder dem Jet-Set verpflichtet war, und sich daran erinnert, dass es vor dem Begriff der Globalisierung den des Internationalimus gegeben hat.


Mit unbeirrt freundlich Grüßen



Ulrich Gellermann

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