Gut, Deutschland könnte besseres Wetter vertragen. Dieses Suizid-Grau des gewöhnlichen, deutschen Novembers, dürfte gerne einem lichten, mittelmeerigen Blau weichen. Aber das kann doch jeder halten wie er will, es gibt ja Flugzeuge. Und da jeder Deutsche eigentlich, so schreiben die Forscher des "Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung" (DIW), rund achtzigtausend Euro besitzt, steht dem Wetter-Wechsel nichts entgegen. Eigentlich. Uneigentlich besitzen mehr als die Hälfte der Deutschen nichts oder weniger, weil sie ihre Schulden nicht loswerden. Es ist doch schön, wenn ein Teil des deutschen Volkes, die reichsten zehn Prozent, in diese Bresche springt: Denen gehört zwei Drittel des gesamten Volksvermögens. Da hat sich eine tapfere Gruppe gefunden, die bereit war, für den größten Teil des deutschen Gesamtvermögens von 5,4 Billionen Euro, die Verantwortung zu übernehmen. Selbstverständlich belohnt die Bundesregierung diese mutigen Menschen und will die Erbschaftsteuer senken.

Gut, Deutschland könnte weniger Bettler vertragen. Vor jedem Supermarkt angebettelt zu werden ist ganz schön lästig. Aber das muss eine Sinnestäuschung sein. Denn von den einstmals fünf Millionen Arbeitslosen gibt es nur noch vier, sagt die Regierung. Zwar gäbe es noch mehr als eine Million (genauer: 1,28 Mio.) so genannter Aufstocker, dass sind diese Sozialparasiten, die neben ihrem Gehalt auch noch Hartz IV einsacken und wenn wir die zu den ausgewiesenen Arbeitslosen addieren würden, dann lägen wir sogar über den einstigen fünf Millionen. Aber wer will denn so was. Nur ausgewiesene Aufschwung-Verderber. Das sind die, die rechnen können, aber nicht schweigen. Denn sieht man fern, liest man Zeitung, dann werden die Aufstocker zwar nicht verschwiegen. Aber sie sind einfach ein anderes Thema. Neben der amtlichen Verlautbarung vom unaufhaltsamen, ungebremsten Aufschwung gibt es eben noch diese anderen, die verstockten Aufschwung-Verweigerer. Die werden so lange mit der Mindestlohndebatte gefüttert, bis wir das Thema satt haben.

Gut, der kräftige Euro könnte die deutschen Exportchancen mindern. Dann muss eben der Binnenmarkt gestärkt werden. Und während die Regierung noch mit dem Mindestlohn spielt, kauft sie für schlappe drei Milliarden Euro Panzer ein. Das sichert Arbeitsplätze und bringt Geld unters Volk, das schwingt uns weiter auf. Der "Puma", so heißt der neue Panzer, kann ganz viel, auch gegen "irreguläre Kräfte" eingesetzt werden. Wer jetzt denkt, damit könnten zum Beispiel Gegner von G-8-Gipfeln gemeint sein, der irrt natürlich. Noch werden die deutschen Kriege im Ausland geführt und sie sind natürlich irregulär, wie jetzt der Bundeswehreinsatz gegen "regierungsfeindliche Kräfte" in Afghanistan. Sie wurden von "unseren" Tornados entdeckt, da müssen wir mit "unseren" Soldaten, "präventiv" auch mal außerhalb "unseres" Gebietes vorgehen verlautbart das Verteidigungsministerium und die Sprech- und Schreibmaschinen in den Redaktionen verlautbaren mit.

Gut, unser Land könnte mehr unterschiedliche, öffentliche Meinungen vertragen. Aber wenn ein Land im Krieg ist, dann verderben viele Meinungen den Regierungsbrei und das schadet unserer Sicherheit. Auch deshalb beweisen Online-Durchsuchungen, Lauschangriffe auf Ärzte, Rechtsanwälte und Journalisten, sowie die sechsmonatige, solide Lagerung von Internet-Daten die Klugheit der Regierung. Wer sein Volk liebt, der schüchtert es ein. Und sei es mit der Behauptung, dass der, der nichts zu verbergen hat, sich auch nicht aufregen muss. Oder umgekehrt: Wer nicht dem Innenminister seine Unschuld offenlegt, der ist schuldig. Eine so bewundernswert stringente Beweisführung gab es zuletzt bei der heiligen Inquisition. Es gibt offenkundig eine Rückkehr zu den alten Werten.

Zu diesem Wertewandel passt der Rückgang der Scheidungen: Mehr als fünf Prozent weniger Ehen wurden im Vergleich zum Vorjahr geschieden. Bekannt ist die schreckliche These der Linken, nach der Scheidung auch ein Stück Freiheit sei. Aber in unsicheren Zeiten, in denen wir zugleich bedroht sind vom Terrorismus und vom Abschwung in den »Aufstock«, bleibt man lieber noch ein Weilchen zusammen. So wird mit dem Terrorist auch der Libertin bekämpft, wenn das kein Fortschritt ist. Ein wenig trübe muss deshalb die Nachricht stimmen, dass die ZDF-Moderatorin Maybritt Illner und Telekom-Chef René Obermann sich scheiden lassen werden. Allerdings jeder von seinem jeweiligen Partner, um später füreinander frei zu sein. Doch einerseits gehören die beiden zu den Spitzenverdienern, deren Einkommen seit 1990 erheblich schneller gestiegen sind, als die Gehälter der Geringverdiener, zum anderen bergen diese Scheidungen auch einen schönen Neubeginn: Wirtschaft (Obermann) und Medien (Illner) nehmen sich die Freiheit für eine gemeinsame Zukunft. Wenn sich jetzt noch Sandra Maischberger mit Herrn Ackermann und Anne Will sich mit dem Verteidigungsminister zusammentäten, wären die Verhältnisse einfach transparenter. Wirtschaft, Politik und Medien könnten in Hoch-Zeiten ausbrechen, die dem Ernst der Lage angemessen wären und den Volk den Weg in seine Zukunft weisen würden: In ein Erfolg-Reich, dessen Passagierflugzeuge für einen höheren Zweck abgeschossen werden könnten, dessen Talk-Shows sich in einem himmelblauen Nichts bewegten und dessen Devise mit `Ehrlos aber nicht wehrlos´ eine gute Übersetzung seiner Wirklichkeit wäre.

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