Der Markt ist eine wunderbare Einrichtung: Wenn etwas knapp wird, dann wird es teuer. Der normale Mexikaner zahlt für seine Tortillas inzwischen dreimal mehr als früher. Tortillas werden aus Mais hergestellt. Aber auch Biosprit wird aus Mais hergestellt. In den USA steigt die Nachfrage nach Ethanol (Biosprit), weil der normale Nordamerikaner viel Sprit braucht. Soweit Herr Bush ein normaler Amerikaner ist, hat er in seinem tapferen Kampf gegen den Terrorismus die irakischen Ölquellen ziemlich verstopft. Das Öl wird knapper, also teurer, also steigt die Nachfrage nach Biosprit, also soll der Mexikaner gefälligst mehr für seine Tortillas zahlen oder einfach weniger essen. Und schon gibt es Leute, die sich moralisch empören.

Der Markt ist durch Empörung nicht zu beeinflussen. Obwohl auch er Gefühle kennt, sonst könnte man keine Ferraris verkaufen. Denn ein Ferrari (Maybach, Rolls Royce, Hummer-Geländewagen, etc.) ist ein Versprechen auf relative Einmaligkeit, auf Zugehörigkeit zum Club, auf Carla Bruni (verehelichte Sarkozy). Ich kaufe, also bin ich, also kaufe ich etwas, das viele nicht kaufen können, also bin ich was Besonderes. Biosprit kann jeder Prolet kaufen. Schon weil er in Deutschland per Gesetz dem Kraftstoff beigemischt wird. Als ob ein Ferrari mit Mais fahren würde. Jedenfalls nicht angemessen. Im Blindtest, dem Riechen am Auspuff mit geschlossenen Augen, würde niemand feststellen können, ob da ein Ferrari pufft oder ein Skoda. So eine italienische Imponierkarosse kostet schlappe 200.000 Euro, na gut, wer die Keramikbremsanlage dazu haben will, der legt noch mal 15.000 auf den Tisch. Dafür könnte man einen Golf kaufen. Und dann soll das Auto nach Tortillas riechen?

Was die Welt braucht, ist nichts als ein gutes Marketing. Warum gibt es keinen Sprit aus Kaviar? Kaviar ist auch ein nachwachsender Rohstoff. Der Kilopreis für Kaviar fängt mit 500 Euro an. Das ist diese ziemlich kleinkörnige Sorte. Und das wäre für den Bentley-Fahrer schon etwas anderes als Sprit aus Zuckerrüben, aus Raps oder Weizen. Zugegeben, dieser Fischgeruch beim Gasgeben würde sich mit dem feinen Geruch von handgenähtem Conolly-Leder, wie es einen aus dem Rolls Royce anweht, vielleicht nicht vertragen. Außerdem könnte das Publikum denken, es wäre Sprit aus Dorsch. Aber schon wenn man sein zwölfzylindriges Selbstwertgefühl mit Armagnac betankte, könnte so manche schlechte Stadtluft zeitweilig aufgebessert werden. Da hat zum Beispiel der Baron de Sigonac im Jahr 1959 einen feinen Stoff destillieren lassen, für den man pro Flasche nur 165 Euro hinlegen muss. Beim »Maybach 62 Spezial« würde eine Tankfüllung mit einem soliden, älteren Armagnac kaum 2.000 Euro kosten. Das ist eine Spritquittung, die kann man im Polo-Club schon mal auf den Tisch legen.

Genau hier liegt das Problem. Ab einem Jahreseinkommen von 500.000 Netto kann man doch seine Tankquittung nicht raushängen lassen. Und die im Club würden dann, wenn endlich der Klassen-Sprit auf den Markt käme, ähnliche Quittungen vorweisen können. Es mag ja schön sein, wenn die Abgase besser riechen. Aber wer könnte beim täglichen Konkurrenzstart an der Ampel schon einen feinen »Lheraud Grande Champagne« aus dem Jahr 1802 von irgend einem Bretterknaller mit dem Hausnamen Asbach unterscheiden? Was der Markt braucht, ist die Tankplakette. Sie muss nicht aus Gold sein, aber die Stufen, von eins bis zehn, sollten doch deutlich machen, wer sich was leisten kann. So könnte auch der bessere Herr sein Umweltbewusstsein dokumentieren: Er führe nachwachsenden Stoff, seine Umwelt würde über den Grad seines Selbstbewusstseins informiert und der Mexikaner hätte wieder preiswerte Tortillas. So funktioniert die Marktwirtschaft: Naturwüchsig sozial.

Mag sein, dass man einen ähnlichen Effekt auch durch die Drosselung des Spritverbrauchs erreichen könnte. Durch eine gesetzliche Verbrauchsbegrenzung oder steuerliche Zwangsmaßnahmen. Aber das wäre Staatsterrorismus, eine widernatürliche Einengung jener Freiheit, die aus Leistung entsteht und die dokumentiert werden will.

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