Mit schöner Regelmäßigkeit verleiht die sächsische Landesregierung den Lessing-Preis. Das diesjährige Kuratorium tagt unter der Leitung des Staatssekretärs für Kultur, Knut Nevermann. Ein Kuratoriumsmitglied, Professor Dr. Jürgen Hofmann, legte, aus Protest gegen die sklerotische Verleihungspolitik, sein Mandat nieder. Unter anderem monierte er die Ablehnung von Christa Wolf, die in einer Kuratoriumssitzung als "Stasi-Mitarbeiterin" denunziert wurde. Hofmanns offenen Brief an die Kultusministerin drucken wir im Wortlaut ab:


An die Ministerin
für Wissenschaft und Kunst
Frau Dr. Eva-Maria Stange


Sehr geehrte Frau Stange,

Sie bzw. Ihr Ministerpräsident haben mich im Frühjahr freundlicherweise in das Kuratorium des Lessingpreises berufen, den der Freistaat Sachsen alle zwei Jahre verleiht. Dementsprechend habe ich Ende Mai an der in Dresden abgehaltenen Beratung teilgenommen, die der Findung des Preisträgers von 2009 dienen sollte.

Ich hatte Ihnen schon bald nach meiner Nominierung mitgeteilt, wie befremdlich ich es fände, an einer ausschließlich aus Männern zusammengesetzten Kunst-Jury mitzuwirken. Sie versprachen, dieses Mißverhältnis zu ändern. Herausgekommen ist dabei, daß es unter einem knappen Dutzend Herren nun also eine Quotenfrau, die Dramaturgin Heike Müller-Merten, gibt.

Dem entsprach, wen wundert's, natürlich die Liste der Kuratoren mit Vorschlägen für den kommenden Preisträger. – fast alles durchgesetzte, prominente ältere Herren (Ich mische, der Vertraulichkeit wegen, die wirklichen Vorschläge mit erfundenen, die ihnen aufs Haar gleichen.) : Peter Stein, Siegfried Lenz, Jürgen Habermas, Claus Peymann, Peter Wapnewski, Wolfgang Engel usw. Ebenso versteht sich, daß sich für die beiden einzigen, von Frau Müller-Merten und mir vorgeschlagenen Damen
keine einzige Stimme außer unserer eigenen fand. (Die eine davon eine höchst aufgeklärte jüngere Schriftstellerin, die gerade auch durch ihr zivilcouragiertes politisches Engagement von sich reden gemacht hat.)

Aber das hat ja in diesem abartigen Elferrat durchaus Tradition. Auch unter den bisher acht Preisträgern ist ja mit Ruth Klüger nur eine einzige Alibi-Frau vertreten. Auch die halbherzige Geste des Tages-Vorsitzenden, mit der er spontan Christa Wolff vorschlug, durchbrach ja nicht das Denken in Kategorien bereits preisgekrönter Prominenz (und wurde entsprechend rasch, zudem mit desavouierenden Untertönen, abgetan).

Wie Sie wissen, ist das Gremium – mit meiner Gegenstimme – auf die unglaublich innovative Idee gekommen, den Preis dem unbekannten jungen Poeten Hans Magnus Enzensberger zuzuerkennen. Leider hat dieser nun, bevor die Öffentlichkeit sich vielleicht hätte fragen können, ob seine Propaganda des Irakkriegs besonders auffällig mit jenem Geist Lessings korrespondiert, den das Preisstatut der Verleihung zugrundelegt, die Annahme abgelehnt. Seine von Ihnen mitgeteilte Erklärung ruft den Widerspruch in Erinnerung, daß Enzensberger außer Bellizist auch immer aufgeklärter Zeitgenosse geblieben ist : daß durch permanente Preisaufhäufung wie in seinem Fall "eine Anzahl von weniger bekannten, aber gleichwohl guten Autoren bei der Preisvergabe leer ausgingen" bedeutet eine Münchner Watschn für das phantasielose Gremium aus Sachsen, das mit dem Geist Lessings null zu tun hat.

Diese respektable Verweigerung führt nun also dazu, daß der Preis jemandem anderen angetragen wird – einem weiteren betagten und offenbar nicht mehr gänzlich unbekannten Herrn. Obwohl ich das Verfahren des Kuratoriums grotesk fand, in Antizipation von Enzensbergers möglicher Ablehnung einen Ersatzkandidaten zu benennen, stellte ich bereits damals die Frage, inwieweit das Werk jenes greisen Poeten "in der von Lessing geprägten geistigen Tradition" stehe, wie Artikel 2 des Preisstatuts sie für eine auszuzeichnende Persönlichkeit fordert. Eine Antwort habe ich nicht bekommen.

Auf dieses ganze Bündel rückwärtsgewandter Denk- und Verhaltensweisen setzte der Sitzungsleiter dann noch eins drauf, als es am Ende um Vorschläge für jene Laudatoren ging, die den Preisträgern von Haupt- und Förderpreis beim Verleihungsakt die Lobrede halten sollten : dabei, so der Vertreter des Ministeriums, könne man ja nun dem von mir vertretenen Interesse Rechnung tragen und bevorzugt Frauen berücksichtigen... Würde ich diese Situation in einem Roman um die Delikatesse anreichern, daß jener Sitzungsleiter einmal zu den Berliner Wortführern der Studentenbewegung gehörte – jeder Lektor schlüge mir eine solche Erfindung als allzu kabarettistische Kolportage aus der Hand !

Gotthold Ephraim Lessing war ein aufklärerischer Geist, streitbarer Vorkämpfer bürgerlicher Demokratie in einer tyrannischen Gesellschaft, ein Humanist von Rationalität und Phantasie – nicht zuletzt auch ein Dramatiker, der mit mehreren seiner Frauenfiguren das patriarchalische Weiblichkeitsbild seiner Zeit in poetischer Hellsicht kühn durchbrach. Mit einem solchen, keineswegs revolutionären Lessingbild hat die große Mehrheit des Kuratoriums nichts zu tun. Hier hat sich offenbar über Jahre das Phlegma eines selbstherrlichen Rituals ausgebildet, das sich längst abgeschlossen hat von der Dynamik, den Widersprüchen, der Lebendigkeit, den Gefährdungen und Innovationen der umgebenden Gesellschaft.

Wer immer mich für das Gremium vorgeschlagen hat – er hat sich in mir geirrt. Einen solchen Club hätte ich nicht für möglich gehalten. Um nicht mißinterpretiert zu werden, betone ich, daß eine solche Erfahrung in meinen Augen weder mit Ost-West-Unterschieden etwas zu tun hat noch etwa mit denen zwischen Metropole und Provinz. Rückständigkeit, demokratische Defizite gibt es leider überall.

Mir fehlt jeder Glaube daran, daß sich in diesem erstarrten Männerbund etwas zum demokratisch Besseren ändern könnte. Weder mein Geist noch meine Neugier noch gar meine Lust kommen hier auch nur annähernd auf ihre Kosten. Während der Sitzung enttäuscht, schüttle ich inzwischen nur noch den Kopf über soviel Trägheit des Herzens und des Kopfs.

Daß allerdings das Kuratorium dieses Preises seine Rückwärtsgewandtheit im Namen Lessings praktiziert, ärgert und provoziert mich. Da ich den Statuten des Preises nichts darüber entnehmen kann, daß seine Entscheidungen vertraulich wären, erlaube ich mir (in den zuvor bereits angesprochenen Grenzen), diese meine Kritik an einem der Öffentlichkeit verpflichteten Gremium auch öffentlich zu machen (s. Notiz unten). Ebenso möchte ich Sie bitten, diesen meinen Brief auch an das Kuratorium weiterzuleiten. (Die zwei seiner Mitglieder, die an dem Lessing verpflichteten Anspruch festzuhalten suchten, bitte ich um Verständnis für meinen Schritt.)

Im übrigen empfehle ich Ihnen, das Kuratorium aufzulösen und gänzlich neu zu besetzen : mit einer Mehrheit von Menschen unter 60, mit weniger Prof.Dr. und mit einer Geschlechterproportion, die einem - u.a. von Lessing - aufgeklärten Zeitalter entspricht.

Ich erkläre meinen Rücktritt als Mitglied des Kuratoriums.

Freundliche Grüße
von


J. Hofmann

Kommentare (2)

Einen Kommentar verfassen

0 Zeichen
Leserbriefe dürfen nicht länger sein als der Artikel
Anhänge (0 / 3)
Deinen Standort teilen
Gib den Text aus dem Bild ein. Nicht zu erkennen?
This comment was minimized by the moderator on the site

Das Problem: Ross wie Reiter sind Nicht-Sachsen und -Insidern eher
unbekannt. Die Zielgruppe des Beitrags dürfte deshalb überschaubar
sein.Sie wissen ja: Wen interessiert?s, wenn hinter dem Ural....
Oder?
Mehr vom Umgang mit der Personalie Wolf...

Das Problem: Ross wie Reiter sind Nicht-Sachsen und -Insidern eher
unbekannt. Die Zielgruppe des Beitrags dürfte deshalb überschaubar
sein.Sie wissen ja: Wen interessiert?s, wenn hinter dem Ural....
Oder?
Mehr vom Umgang mit der Personalie Wolf zu lesen, wäre da schon spannender gewesen.

Weiterlesen
Max Mütze
This comment was minimized by the moderator on the site

Dass Sie Sachsen hinter dem Ural verorten?! Wenn es der Oral gewesen wäre , , ,

Uli Gellermann
Bisher wurden hier noch keine Kommentare veröffentlicht