Ganz ausführlich heißt die von den USA vor einem Jahr in Tunis versammelte Syrien-Eingreif-Truppe "Gruppe der Freunde des syrischen Volkes". Mal wieder hat die USA ein Volk konstituiert, das es nicht gibt. Das, so hoffen die Strategen, hat schon in Libyen prima funktioniert: Das alte Regime ist weg, das neue kaum installiert, da ist die Neuverteilung der Rohstoff-Konzessionen einfacher. Von Demokratie, jener Fahne der Freunde Libyens, ist nicht viel zu sehen. Nun also die Syrien-Freunde: Rund 60 Länder gehören dazu, unter ihnen die EU, die USA und jede Menge arabischer Länder, deren Demokratie-Verständnis sich auf der Ebene der Scharia abspielt. Diese Freunde machen gerade 60 Millionen Dollar für die syrische Opposition locker. Nein, nicht für Waffen, sondern damit in den "befreiten Gebieten" die neuen Regierungsstrukturen aufgebaut werden können. Das macht allerdings Geld für Waffenkäufe frei.

Es wäre eine Freude, könnte man den hehren offiziellen Zielen der "Freunde" glauben: Ein schnelles Ende des Bürgerkrieges in Syrien, eine neue demokratische Regierung, ein Gerichtsurteil oder ein Exil für Assad: Auf diese verständlichen Wünsche anständiger Menschen spekuliert eine Medienlandschaft, die nicht anständig ist. Die häufig verschweigt, dass es - von den syrischen Christen, über die Alawiten bis zu den nicht-islamistischen Sunniten - große Ängste vor einem Regime-Wechsel gibt, der die radikal-islamischen Kräfte der syrischen Opposition an die Macht bringen könnte. Denn die dominieren die bewaffneten Formationen der Opposition.

An der Spitze der radikalen muslimischen Kräfte steht die "Al-Nusra-Front". Deren Kämpfer wünschen sich einen Gottes-Staat und haben in ihren befreiten Gebieten schon mal Sharia-Gerichte etabliert. Finanziert wird die Truppe aus den Golf-Staaten, jenen Gegenden, in denen der deutsche Kampfpanzer Leopard ein neues Zuhause gefunden hat, um die eigene Bevölkerung zu unterdrücken. Als relativ säkulare Formation gilt die sunnitisch geführte "Freie Syrische Armee". Sie wird sowohl von Saudi Arabien unterstützt als auch von Freunden aus Libyen: Der "Libysche Nationale Übergangsrat" sendete Geld, Waffen und mindestens 600 bewaffnete Kämpfer. Wie sich der säkulare Ruf dieser Truppe mit den Klagen der "Syrisch Orthodoxen Kirche" über "ethnische Säuberungen" verträgt, konnte bisher nicht geklärt werden. Schließlich gibt es dann noch die "Syrische Befreiungsfront". Deren Chef, Ahmed Scheik, sagte jüngst: "Wir wollen einen islamischen Staat, und wir kämpfen für ihn."

Doch wirkliche Freunde müssen manchmal, wenn es um den Regimewechsel geht, ein Auge zudrücken. Schließlich ist man auch ein Freund der geordneten westlichen Rohstoffversorgung. Und der steht das Assad-Regime nun wirklich im Wege. Denn das wollte doch vor mehr als einem Jahr - gemeinsam mit dem Irak und dem Iran - eine Erdgas-Pipeline bauen, um iranisches Erdöl außerhalb westlicher Kontrolle ans Mittelmeer zu schaffen. Das fand man im Westen nicht freundlich. Zumal das diktatorische Königreich Katar, ein wichtiger Finanzier des syrischen Aufstandes, auch eine Erdgas-Pipeline bis in die Türkei bauen möchte und Assad, unfreundlich wie er ist, diesem Bau über syrischem Boden nicht zustimmen wollte. Diese Haltung macht auch Joschka Fischer, der für die Nabucco-Pipeline die Türkei als Partner gewonnen hatte, zu einem der Freunde Syriens: Die dort von Katar geplante Röhre könnte mit ihrem Erdgas die Nabucco-Auslastung deutlich verbessern. Aber erst mit einer "flexibleren" syrischen Regierung.

Dass an der Spitze der syrischen "Nationalen Koalition", dem Empfänger der 60-Millionen-Freundschaftsspende, mit Scheich Ahmad Moaz Al-Khatib ein Lobbyist der Shell-Gruppe steht, die sich um Öl- und Gaskonzessionen in Syrien kümmert, kann kaum Zufall sein. Ganz sicher kein Zufall ist es, dass sich mit dem Boulevard-Philosophen Bernard-Henri Lévy ein Freund Syriens eingefunden hat, der, wie damals in Libyen, lauthals für ein bewaffnetes Eingreifen plädiert. Dass ein guter Freund wie der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, dem alljährlichen Rüstungstreffen in Bayern, Wolfgang Ischinger, sich für Waffenlieferungen an die syrische Opposition ausspricht, macht auch die Rüstungsindustrie zu Freunden Syriens. Und wenn der alte Syrien-Freund und Nato-Generalsekretär Rasmussen aus heiterem Himmel barmt: "Die Nato als Organisation wird alles tun, um die Türkei zu beschützen und zu verteidigen", so, als würde die Türkei von Syrien angegriffen, dann muss man sich um Syrien wirklich Sorge machen: Denn wer solche Freunde hat, der braucht keine Feinde mehr.

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Sie machen faktisch Werbung für das Assad-Monster. Streichen Sie mich gefälligst aus Ihrem Verteiler.

Florian Martens
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Hiermit möchte ich mich herzlich bedanken für all die zugesandten mails.

Jutta Schröder
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Danke für den ausgezeichneten Syrienartikel.

Friedemann Wehr
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Manchmal schau ich täglich vorbei, manchmal bin ich in anderen Galerien, Galaxien oder in Ravensburg oder Nürnberg unterwegs. Dann wandele ich mal wieder durch die Rationalgalerie - eine der wenigen Galerien mit freiem Eintritt - und freue mich...

Manchmal schau ich täglich vorbei, manchmal bin ich in anderen Galerien, Galaxien oder in Ravensburg oder Nürnberg unterwegs. Dann wandele ich mal wieder durch die Rationalgalerie - eine der wenigen Galerien mit freiem Eintritt - und freue mich über die schönen Ausstellungsstücke. Es sind kostbare Raritäten in der deutschen Wortlandschaft. Selten werden die paar Buchstaben des Alphabets so erheiternd, informativ, mitunter sarkastisch zusammengestellt wie hier.
Danke dafür!

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Arnulf Rating
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Die Parallelen zu Afghanistan sind augenfällig: Auch dort ging es um Pipeline-Bau von Kasachstan zum Indischen Ozean. Folgerichtig installierte die "Westliche Wertegemeinschaft" auf dem Petersberg bei Bonn einen Mann vom Fach als...

Die Parallelen zu Afghanistan sind augenfällig: Auch dort ging es um Pipeline-Bau von Kasachstan zum Indischen Ozean. Folgerichtig installierte die "Westliche Wertegemeinschaft" auf dem Petersberg bei Bonn einen Mann vom Fach als Präsidenten-Marionette, den CIA-Kontaktmann und Berater von UNOCAL, einer US-amerikanischen Ölfirma, den korrupten Hamid Karsai, weil die Taliban, die man bis dahin für "gute" (also dem Westen dienliche) Terroristen gehalten hatte, nicht mehr so wollten wie bis dahin. Ein geplantes Abkommen kam (noch vor der Jahrtausendwende) nicht zustande, und so kamen sie (nach der Jahrtausendwende) plötz­lich auf die Abschussliste. Da nutzt es auch nichts, dass die Taliban-Regierung die Auslieferung Bin Ladens anbot, sollte sich der saudi-arabische Straßenbauclan-Abkömmling tatsächlich im Lande aufhalten. Das un­erwartete Angebot wurde von den USA in Bausch und Bogen abgelehnt. Mit den "Freunden Syriens" wird es ähn­lich laufen: Haben sie ihre Schuldigkeit getan, werden sie abserviert. Bis dahin duldet man ihre "Recht­spre­chung" nach der Sharia, weil das mit der "Rechtsstaatlichkeit" in Zeiten des (Anti)Terrors eh nicht mehr wich­tig zu sein scheint, wie man an Guantanamo sieht. In der deutschen Besatzungszone werden ohnehin unter den Augen der Bundeswehr Todesurteile gegen "Gotteslästerer" gemäß der Sharia vollstreckt, ohne dass die hiesige Justizministerin laut aufheult. So ist das mit der Rechtsstaatlichkeit: Für die Staatsraison ist alles recht, und die ist auf ihre Weise gleichsam religiös: Ihr angebeteter Gott heißt "Goldenes Kalb", eine allzeit gefräßige, alles erheischende, gänzlich moralfreie Gottheit. Solle keiner von Rationalität oder Aufgeklärtheit schwafeln, solange er dies nicht zu erkennen vermag! Die NATO ist nicht einmal zu einer sauberen Buch­führung bereit, wenn es darum geht ihren "Einsatz für Demokratie und Menschenrechte" schön zu schreiben: Nun musste sie zugeben, dass die Angriffe auf die Besatzungstruppen 2012 nicht weniger geworden sind wie großtönend behauptet; angeblich waren die voreiligen Jubelmeldungen einem Statistik-Fehler geschuldet, viel wahrscheinlicher aber quasi-religiöser Verblendung gegenüber einem ihrer Nebengötter, der Kriegslüge.

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Wolfgang Blaschka
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Solche syrische Erkenntnisse kann man (nahezu) nur in der RATIONALGALERIE lesen. Dafür herzlichen Dank!

Dana Überreiter
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