Es war im Frühjahr 2003, auf Mallorca, der Insel der Bierseligen. Es gab keinen Ort, kein noch so kleines Dorf, in dem nicht Transparente mit der Inschrift NO A LA GUERRA hingen. An den Fenstern kleiner Bauernhäuser, in den Schaufenstern von Metzgern, an Brunnen pittoresker Marktplätze, überall war dieses Nein zum Irak-Krieg zu lesen. Die Mallorquiner, in Deutschland eher als notwendiges Servicepersonal für orgiastisches Sangria-Kampftrinken begriffen, zeigten das Gesicht der Vernunft. So wie für einen atemberaubenden Moment Millionen Menschen in der Welt, nicht selten gegen ihre politischen Eliten, ihren Kopf zum Denken und zur Verneinung benutzten. Nur mühsam mochten deutsche Zeitungen und TV-Sender ihren Lesern und Zuschauern folgen: Von Antiamerikanismus war die Rede, davon, dass der kleine Mann die Lage nicht überblicke und dass Kanzler Schröder, mit seiner öffentlichen Ablehnung der US-Irakpolitik, Populismus betreibe.

Das Volk, damals wie heute, gilt der Medienöffentlichkeit als ein störrischer Esel, der geführt werden will, notfalls mit Lügen gefüttert und von eigener Entscheidung abgehalten werden muss. Und natürlich ist der, der dem Volke nach dem Munde redet, ein Populist. Es mangelte nicht an Warnungen in den Tagen vor dem 20. März 2003. Ganz entschieden war jene des Chefs der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohammad El Baradei, der, im offenen Konflikt mit der US-Regierung, die Existenz von illegalem, nuklearen Material auf dem Boden des Iraks bestritt und so den von Bush vorgeschobenen Kriegsgrund als Propagandalüge entlarvte. Der selbe El Baradei meldet sich in diesen Tagen und bestreitet, dass der Iran und sein Atomprogramm eine Bedrohung für die internationale Gemeinschaft seien. Erneut ist El Baradei, der Mann dessen Telefongespräche einem Lauschangriff des US-Geheimdienstes ausgesetzt waren, im Visier der USA.

US-Vizepräsident Cheney hält eine militärische Lösung für unausweichlich, der französische Außenminister will einen Krieg nicht ausschließen und in Deutschland findet sich kein »Populist« in der Regierung, kein Mainstream-Journalist, der eine schlichte Wahrheit aussprechen mag: Wer sich an den Atomwaffensperrvertrag hält der muss sogar dem Iran die zivile Urananreicherung gestatten. Statt dessen die Androhung von Sanktionen, statt dessen kappen die Deutsche, die Dresdner und die Commerzbank ihre Geschäftsbeziehungen zum Iran. Der Druck aus Washington auf die deutschen Banken, die Drohungen des US-Finanzministeriums mit Nachteilen im US-Geschäft, lässt das Gerede vom Freien Markt als so leer erscheinen wie es ist. Und weil Irans Staatsoberhaupt so unsympathisch wie nur möglich auftritt, sind die willigen Medien nur zu gerne bereit, auch im Iran einen patentierten Feind zu sehen. Aus dem fatale Saddam-Effekt wurde nicht gelernt. Nicht einmal die US-Hilfe für das Atomprogramm Indiens, ein Land das den Atomwaffensperrvertrag nicht unterschrieben hat, lässt Zweifel am bequemen Feindbild aufkommen. Auch der Rückblick auf die Jahre des Irak-Krieges, in dessen Ergebnis die Bereitschaft zum Terror weiter gestiegen ist, regt die deutschen Eliten kaum zum Denken an.

Es war Angela Merkel, die kurz vor dem Irak-Krieg zur Koalition der Willigen zu sagen wusste: "Wäre die CDU an der Macht, hätte Deutschland den Brief der Acht (Staaten, die dem Irak den Krieg ankündigten) unterzeichnet.« Wenige Monate zuvor musste die SPD-Justizministerin zurücktreten, weil sie den Präsidenten der USA mit Hitler verglichen hatte. Auch wenn der Vergleich eine unzulässige Verkleinerung der Nazi-Verbrechen bedeutete: So völlig unähnlich sind sich die beiden Führer nicht. Kaum durch Wahlen legitimiert hat Bush zwar bisher keinen Weltkrieg angezettelt. Aber ein durch nichts legitimierter Angriffskrieg geht fraglos auf seine Rechnung, eine Dauerbrandstiftung im Nahen Osten ist ein Fixpunkt seines Regierungsprogramms und ein Götterdämmerungsreflex ist ihm allemal zuzutrauen.

Die Vernunft der Vielen hat den Irak-Krieg nicht verhindert. Die Dummheit und Böswilligkeit der Wenigen bestimmt noch die öffentliche Meinung. Die Schrift an der Wand ist schon erschinen. Sie könnte gelesen werden: Wann wird sie gesendet oder gedruckt?

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