Dunkel dräut der Himmel über der Heimat. Mensch und Tier sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Vereinzelte Radfahrer nehmen die Straße als das, was sie ist: Eine Fluchtbahn. Längst sind die Vögel in andere Länder abgezogen. Spärliche Tränen rinnen an Nasen von Taubenliebhabern herunter. Wer kann setzt sich in sein Auto. Nicht, dass die Autofahrt die Katastrophe abwenden könnte, aber ein Hauch von letzter Freiheit weht aus den alten Polstern: Antenne raus, die Türen fest geschlossen, pfeift es aus dem Radio. Auch aus dem letzten Loch, in das Deutschland jüngst gestossen wurde. Der Streik der Lokführer, sagt der Chef der Deutschen Bahn, ist Krieg.

Kein Wort kann zu klein sein für das Unheil: Es wird Strecken geben, da fährt nie wieder ein Zug. Auch wenn sie schon vor Jahren stillgelegt worden sind mutmaßt man, dass schon damals die Gewerkschaft in ihrer Heimtücke kleine Städte für immer vom Netz abgehängt hat. Dieser nackte Terror gegenüber den Kleinsten unter uns, den Dörfern und Flecken, hätte eine Warnung sein sollen. Nicht genug, dass ganze Landstriche für immer aus dem Fahrplan gestrichen wurden. Jetzt droht der totale Krieg auch gegen Stuttgarter, Düsseldorfer und Münchner. Die Herzen des Reichs sollen nicht mehr versorgt werden. Kein Ausflug nach Garmisch, keine Ersatzteile für Wolfsburg und wer glaubt, er könne um Acht von Gelsenkirchen nach Wermelskirchen fahren, dem hilft auch Beten nicht. Das Ende aller Fahrten zur Arbeit ist eingeläutet. Deutschland steht still.

Fast einsam steht König Mehdorn in diesem Kampf. Ausser den Schranzen in den Medien springt ihm bisher keiner bei. Doch was sollen uns Schlagzeilen in einer Lage, in der es der Kampfkraft bedarf. Verunsichert schauen die Deutschen über ihre Grenzen: Gewohnt von dort den Feind zu erwarten, mindestens aber ihn von den eisigen Höhen des Hindukusch grölen zu hören, sind sie auf den Feind im Innern nicht vorbereitet. Denn er sieht aus wie Du und Ich, oder noch schlimmer. Manches Blondhaar schimmert über grimmigen Lokführerschädeln, auch blaue Augen sind nicht selten, welch eine Maskerade: Die Mehrheit der Lokführer zählt sich gar zu den Christen.

In diesen Tagen erfahren wir, das alles ganz anders ist. Jetzt ist die Zeit der Schäuble und Jung gekommen: Panzer vor die Bahnhöfe, das Langrohr auf das Pack gerichtet, da darf kein Gleis trocken bleiben: Der Feind steht im eigenen Land. Reißt die Festplatten aus den Wohnungen der Täter, runter die Mützen mit dem roten "DB". Wer jetzig Zeiten fahren will, der braucht ein tapfres Herze, es sind der Streikverbrecher viel, bereiten ein groß Schmerze. Lastwagen der Armee sollten zum fahrplanmässigen Einsatz kommen. Maschinengewehrnester an die unbeschrankten Bahnübergänge, Korvetten auf Rhein und Elbe nehmen verzweifelte Fahrgäste auf.

Doch während das Volk der notwendigen Maßnahmen harrt, schweigt das Kanzleramt. Kein Befehl erreicht die Truppe, kein flammender Aufruf mobilisiert die Freiwilligen. Hat sie früher mit Eisenbahnen gespielt? Wollte sie ursprünglich Lokführerin werden? Wir wissen es nicht, doch bitten wir um Führung. Angela: Hilf.

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