Privat: Wie warm das klingt. Ganz privat, unter uns, vertraut und sehr persönlich. Die Deutsche Bahn soll privatisiert werden. Mehr als zweihunderdtausend Mitarbeiter, ein Jahresumsatz von rund dreißig Milliarden Euro und ein Vermögen, das kaum abzuschätzen ist. Manchmal, in den letzten Jahren, dachte man die Bahn sei schon privatisiert: Ihr Chef, der kleine König Mehdorn, richtete den Berliner Hauptbahnhof so zu, als sei er der größte Architekt aller Zeiten. Einmal wollte er die Bahn-Zentrale nach Hamburg verlegen ohne den Inhaber des Ladens, die Bundesrepublik Deutschland, zu fragen. Großmächtig lehnte er es ab, der Ausstellung über die elftausend jüdischen Kinder, die ihre letzte Reise mit der Deutschen Reichsbahn nach Auschwitz antreten mussten, einen Platz in einem seiner Bahnhöfe zu geben. Aus Sicherheitsgründen. Jetzt soll sie wirklich privat werden, die Bahn.

Privat: Das Zauberwort einer entstaatlichten Welt, ein Wort, das Genesung von allen öffentlichen Übeln verspricht. Ein Wort des gesunden Wettbewerbs und der niedrigen Preise, der Kundenfreundlichkeit und des Service. Millionen Stromkunden können davon ein Lied singen. Auch wer sich kühn in die Call-Center der privatisierten Telekom begeben hat, kennt den Preis der Privatisierung. Nach der Lufthansa, der Post und der Telekom soll nun das letzte große Staatsunternehmen privatisiert werden. Irgendein sachlicher Grund dafür ist nicht zu finden. Denn auf der Subventionsseite wird die Bahn auf Jahrzehnte staatlich bleiben: Rund sechzehn Milliarden jährlich gehen aus Steuergeldern an den Verkehrsbetrieb. Zur Pflege des Schienennetzes, zur Sicherung des Regionalverkehrs, zum Unterhalt von Bahnhöfen. Wer rechnen kann, stellt fest: Gut die Hälfte des Bahn-Umsatzes stammen aus staatlichem Geld. Aber Tiefensee, der Minister, der schon einmal die Hartz IV-Empfänger zu Hilfssheriffs auf den Bahnhöfen machen wollte, kann leider nicht rechnen. Denn es geht nicht um Effizienz oder Wirtschaftlichkeit, es geht um eine Sorte von Religiosität, deren Credo der Markt ist.

Wann immer der Steuerzahler zu schröpfen ist, bekommt der Privatisierer Mehdorn glänzende Augen: Es gäbe da eine »Flüsterbremse«, die würde bei den einhundertfünfunddreißigtausend Güterwagen der Bahn den Lärm drastisch reduzieren. Bezahlt werden soll sie natürlich aus dem Staatshaushalt. Noch dreister ist der Tiefensee-Privatisierungsvorschlag: Der Bahn wird das Streckennetz und die Bahnhöfe für fünfzehn Jahre überlassen, dann muss es der Bund zurück kaufen. Das ist lustig, denn der Bund ist laut Grundgesetz bereits Besitzer der Bahn-Infrastruktur. Die schenkt er also demnächst, durchaus grundgesetzwidrig, einem privaten Unternehmen, um sie dann später teuer zurück zu kaufen. Man muss die viel gescholtenen Milchmädchen in Schutz nehmen. Deutsche Minister sind die eigentlichen, die sprichwörtlichen Meister der Rechenkunst. Sobald Worte wie »globaler Player« oder »integrierter Konzern« auftauchen, verliert die Regierung grundsätzlich das bisschen Gehirn, das ihr im Ergebnis des Koalitionsvertrages noch geblieben ist.

Andrea Ypsilanti, die hessische SPD-Vorsitzende, gilt als Linke. Das ist in der SPD leicht möglich: Man sagt einmal kurz »Heuschrecke« und guckt drohend. Der linken Ypsilanti verdankt die deutsche Öffentlichkeit einen weiteren Privatisierungsvorschlag: Die Bahn solle doch, via Volksaktie, an das Volk verkauft werden. Also die Bundesregierung verkauft Volksvermögen an das Volk. Das kann man durchaus auch Volksverdummung nennen. Aber der Privatisierungswahn legt sich wie Mehltau auf die Hirne der Mainstreampolitiker und löscht dabei auch das Gedächtnis. Es gab schon die VW-Volksaktie, die schließlich unter den Startkurs fiel und erst kürzlich ging es den Telekom-Volksaktieonären ähnlich: Kein Kurs, keine Dividende, aber das tolle Gefühl ein richtiger Aktionär zu sein. Parallel zur Privatisierung sank die Leistungsfähigkeit des Unternehmens während die Zahl der Entlassungen stieg. Da freut sich das Volk aber.

Doch die wirkliche Pointe steht noch aus: Die staatlichen Russischen Eisenbahnen haben ihr Interesse an der Deutschen Bahn angemeldet. Nach der herrschenden Ideologie müsste ein faires Angebot angenommen werden. Wer an amerikanische Heuschrecken verkauft, darf vor dem russischen Borkenkäfer nicht halt machen. Doch vorher muss die Deutsche Bahn noch aufgehübscht werden: Weniger Stationen und weniger Personal versprechen höhere Renditen, weniger Service ist allerdings kaum noch denkbar. Aber um das Image aufzubessern, könnten vielleicht die Notbremsen ausgebaut werden: Wie das schon klingt, als ob die gute Deutsche Bahn jemals in Not geraten könne. Außer vielleicht, wenn das deutsche Volk die Bahnsteigkarte löst und – aber was es dann machen könnte, dieses schlimme Wort wollen wir lieber nicht geschrieben sehen.

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