Ein Wolf sei er, in der Kleidung eines Mönchs und ein Teufel mit dem Gesicht eines Menschen, verbreitet ein chinesischer Funktionär über den Perma-Lächler Dalai Lama. Das Volksmärchen über den bösen Wolf, der sich als gute Oma ausgibt, feiert fröhliche Urstände, wo es einen Hölle gibt, da gibt es auch einen Himmel, die Politik ist weltweit in der Religion gelandet. Neben dem frömmelnden Präsidenten der USA, den Satansgläubigen im Iran und der deutschen Pastors-Tochter, die sich christliche Bekenntnisse in der europäischen Verfassung wünscht, nun auch China. Warum nicht? Ist doch der aktuelle Gegner der VR China in der Auseinandersetzung um Tibet die Wiedergeburt einer Wiedergeburt einer Wiedergeburt, ein religiöses Wunder also, der Dalai Lama.

Der nette alte Herr in der Mönchskutte vertritt jene Sorte Buddhismus, der gerade in den westlichen Ländern Konjunktur hat und dessen Heimatland Tibet den Deutschen wesentlich über Heinrich Harrer bekannt wurde, der in seinen "Sieben Jahren in Tibet" zum Freund und Lehrer des jetzigen Dalai Lama wurde. Weniger verbreitet ist die Information, dass der Österreicher Harrer schon vor dem `Anschluss´ Mitglied der in Österreich illegalen SA war, um dann später ein legales Mitglied von NSDAP und SS zu werden. Harrer war im Auftrag der "Deutschen Himalaya Stiftung", einer okkulten Rasse-Such-Und-Find-Vereinigung, in Tibet unterwegs, auch um Verbindungslinien zu "arischen" Bergstämmen zu finden. An diese Glaubens-Achse mag sich der Dalai Lama heute kaum erinnern.

Dass sich der Konflikt um das Land der Wiedergeburt ausgerechnet während des christlichen Osterfestes zuspitzt, ist ebenso zufällig wie komisch. Soll doch die Wiederauferstehung Christi, die sich zu Ostern manifestiert, die Erlösung der Menschheit sichern und dem jeweils wiedergeborenen Lama spricht die tibetische Variante des Buddhismus eine ähnliche Rolle zu. Wer dem Wiedergeburtsmythos auf der Spur bleibt, wird unweigerlich auf den Hasen treffen, jenen flinken Rammler, dessen legendäre Fruchtbarkeit den Menschen schon früh ein Symbol für den Zyklus der Geburten war. Kein Kreissen, keine Konvulsionen und gewaltsamen Hervorbringungen scheinen diesen Kreislauf zu stören. So gilt auch der Buddhismus als besonders widerspruchsfrei. Warum nun die Reinkarnationsreligion, und mit ihr das jetzige politische und religiöse Tibet, als besonders friedfertig gilt, gemahnt schon wieder an ein Wunder.

Von der gewaltsamen Missionierung der Mongolen im 17. Jahrhundert zum Tibet-Buddhismus über den der blutige Bürgerkrieg zwischen buddhistischen Singhalesen und hinduistischen Tamilen in Sri Lanka bis zum aggressiven Zen-Buddhismus, der den rassistischen Krieg Japans gegen seine Nachbarn ideologisch untermauerte: Auch der Buddhismus trägt den typischen religiösen Ausschließlichkeitsanspruch in sich, der die latente Aggressivität ebenso birgt wie verbirgt. Nicht zuletzt waren es die inneren, die sozialen Bedingungen des feudalen Tibet, mit seinen monastischen Zwingburgen, seinem klösterlichen Bildungsmonopol, seiner Unterdrückung der unfreien Bauern durch eine dünne aristokratische Schicht, zu der selbstverständlich auch der jetzige Dalai Lama gehört, die ein anderes, reales Bild des religiös verklärten Tibet der ewigen Butterlämpchen zeichneten.

Dass sich das sozialistisch firmierende China unter anderem auf die Heirat einer chinesischen Prinzessin der Tang-Dynastie mit einem tibetischen König beruft, wenn es seinen Anspruch auf Tibet begründet, könnte erheitern, wären die Folgen solch mythologischer Begründungen nicht blutig. Wenn Tibet 1720 zum Protektorat des chinesischen Kaiserhofs geworden war, dann fundiert das den chinesischen Machtanspruch ebenso wenig, wie die kurze Phase staatlicher Autonomie Tibets, von 1912 bis 1950, einen modernen Staat Tibet begründet. Wer weiss, dass Tibet im Rahmen des `Great Game´, des großen, imperialistischen Spiels um Einflusssphären, ab 1904 zeitweilig von den Briten besetzt war, der wird die chinesische Besetzung Tibets im Jahr 1950 als zumindest damals antiimperialistische Aktion werten dürfen. Die Nähe der wenig zimperlichen, in Indien stationierten britischen Armee, musste der jungen chinesischen Revolution Sorgen bereiten. Immerhin hatte sich der Nachbar Indien erst Ende 1949 von der britischen Monarchie unabhängig erklärt.

Der alte Freund junger Nationalstaaten auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, Joschka Fischer, hat der VR China schon 1989 feierlich versichert, dass "Tibet der integrale Bestandteil" Chinas sei. Mit Begründungen wollte uns Fischer nicht versorgen. In dieser Begründungsverlegenheit gibt uns der Parteichef Tibets einen sachdienlichen Hinweis: Es sei ein Kampf um Leben und Tod mit der Dalai Lama-Clique entbrannt, erzählt er einer staunenden Öffentlichkeit. Das großmächtige China fürchtet seinen Tod durch die Hand einiger tausend Tibeter, will er uns glauben machen. Da erscheint der Glaube an den Osterhasen in einem ganz anderen Licht: Vielleicht gibt es ihn doch.

Während im Kosovo die Nation-Building-Politik der NATO gerade mal wieder brennt, sagt uns die mutige Bundeskanzlerin mit Blick auf den Tibet-Konflikt "Ich halte nichts von einem Olympia-Boykott«. So belegen sich die wechselnden Glaubensbekenntnisse in der Politik durch sich selbst: In meinem Hinterhof bespringe ich die Hühner, was Du in dem Deinen machst, interessiert mich nur in soweit, als es meinen Eier-Export fördert oder behindert.

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