Die etwas andere Wirtschaftszeitung "brand eins" erscheint, mit beachtlichen 100 000 Exemplaren, nun im siebten Jahr. Während die Konkurrenz, die Handelsblätter, Wirtschaftswochen oder Capitals nur über Geld, Gelderwerb, Geldverlust oder Geldpolitik schreiben können, kann "brand eins" ganz anders: Dort kennt man Wirtschaftsgeschichte, traut sich ein Interview mit Gregor Gysi über unternehmerische Freiheit oder eine lange, gut recherchierte und geschriebene Arbeit über das erste Buchdorf in Deutschland. Unglaublich spannend ist die Serie über Mikroökonomie, zum Beispiel über einen Buchhändler in Afghanistan, der wird ins gesellschaftliche Verhältnis gesetzt und den Mitteleuropäern in einer Weise nahe gebracht, die Respekt abnötigt. "Brand eins" steht für neue Zugänge zur Wirtschaft, für Verständlichkeit und Vielfalt.

Das Magazin widmet sich in der Septemberausgabe dem Mangel an Arbeitsplätzen, eine fraglos verdienstvolles Unterfangen, bereits im Editorial stellt die Chefredakteurin fest: "Dass uns die Arbeit ausgeht, ist seit zehn Jahren kein Geheimnis mehr" und so macht sich denn Wolf Lotter in einem Leitartikel daran, die "Arbeitslüge" zu entlarven. Ziemlich widerspruchslos nimmt er die These von der Zwei-Drittel-Gesellschaft (Zwei Drittel dürfen mitspielen, ein Drittel ist draußen) auf und kommt mit Peter Glotz zum Punkt: "Das Gerede von der Vollbeschäftigung ist nichts weiter als sinnloses Geschwätz." Auf dem Weg zu seinem Punkt weiß er immerhin zu berichten, dass es der immense Produktionsfortschritt ist, der immer mehr Wert mit immer weniger Beschäftigten erreicht. Ein paar Seiten weiter im Blatt assistiert ihm der Chef des Hamburger Welt-Wirtschafts-Institutes (HWWI), Thomas Straubhaar: "Früher haben Arbeit und Kapital den Mehrwert erwirtschaftet. Heute sind es Maschinen, die durch Automation dafür sorgen, dass es voran geht." Mit der wissenschaftlichen Qualifikation des HWWI geht es eher abwärts. Mit so spannenden Fragen wie: wer bedient die Maschinen, wer hat sie angeschafft, wie ist die Akkumulation des Kapitals zur Anschaffung der Maschinen entstanden, mag sich der Herr Professor nicht beschäftigen. Er könnte ja unversehens in die Analyse geraten.

Auf dem Weg zur Lösung der Arbeitslosenfrage entdeckt Wolfgang Lotter die "Ursache des Arbeitswahns", es ist "der Industrialismus". Arbeitswahn ist dem Autor die Überlegung, dass alle Arbeitsfähigen auch eine Arbeit haben sollten und, dass sich Menschen über Arbeit definieren. Das ist dem Autor altmodisches Zeug und weil seine neuen Kleider auch eine linke Applikation brauchen können, zitiert er mal eben den ausgewiesenen Marxisten André Gorz, der sich, wie der Herr Lotter auch, für eine "Grundausstattung für alle" eingesetzt habe. Wenn Gorz für "eine einheitliche Lebensarbeit für jeden" plädiert, meint er eine besser Verteilung von Arbeit, das aber widerspricht so ziemlich allem, was Lotter zusammengetragen hat und als Argumente ausgibt, auf ein unsauber interpretiertes Zitat mehr oder weniger kommt es ihm dabei nicht an.

Das Grundeinkommen, das "Bürgergeld", ein staatliches Fixum für alle die keine Arbeit haben, ist auf den ersten Blick eine attraktive Lösung: Keine Demütigung mehr auf den Arbeitsämtern, keine beschämende Nachweispflicht und keine untertänige Bettelei mehr. Wer sich die Begründung für das "Bürgergeld" anschaut, kann hinter all dem Schaum von "neuer Arbeit" , "Abschaffung öffentlicher Almosen" und "Allgemeiner Nährpflicht" die bekannte, alte Klassengesellschaft erkennen. Denn mit der Zahlung des "Bürgergeldes" können sich die anderen, "Die, die leistungsfähig sind, voll und ganz auf ihre Leistung konzentrieren" (Lotter). Und der HWWI-Profesor legt nach, das Grundeinkommen "... dient dazu, dass der Gutverdienende und Kapitalist in Ruhe seine Arbeit machen kann." Na, bitte, keine Montagsdemos, keine Hungermärsche, kein Sozialgequatsche und die Quartiere, in denen das letzte Drittel vegetiert, die kann man ja umfahren oder im Daimler die Jalousie herunterlassen.

Wie das "Bürgergeld" bezahlt werden soll, das landet dann ganz schnell beim dreifachen Merkel, der Erhöhung der Mehrwertsteuern, dem Gift für die Binnenkaufkraft und dem Treibsatz für weitere Arbeitslosigkeit. Wirklicher Höhepunkt ist dann der Betrag der ausgezahlt werden soll: Er liegt ungefähr bei Hartz IV (mit dem nötigen Wohngeld). So viel schönes Papier, so viel elegante Formulierungen und so wenig Substanz.

Erst Arbeit hat den Affen zum Menschen werden lassen, erst die planvolle, organisierende Tätigkeit der Primatenhorde, die Herstellung von Werkzeug und das Entwickeln von Kommunikation trennte den Menschen vom Tierreich. Arbeit ist bis heute das Fundament sozialer Beziehung, Sinnstifter unserer Existenz. Dass es dabei unterschiedliche Qualitäten gibt, dass Bandarbeit dem Einzelnen sicher weniger Sinn stiftet als die Entwicklung eines neuen Computers oder das Schreiben eines Romans ist unbestritten. Aber man muss nur all den Theoretikern vom Ende der Arbeit die ihre nehmen, bitte gerne bei Beibehaltung ihrer Gehälter, sie damit abschneiden vom Diskurs, ihre Artikel nicht mehr drucken, ihre Bücher nicht mehr verlegen und schon würden sie wütend um ihren Arbeitsplatz kämpfen.

Es ist im günstigsten Fall die Verdrängung von Elend, die Beruhigung des eigenen Gewissens, die den "Abschied von der Vollbeschäftigung" wortreich begleiten. Der Verdacht, dass hinter dem "Bürgergeld" die gewollte Zementierung der Zwei-Drittel-Gesellschaft lauert, ist kaum von der Hand zu weisen: Wie soll den der Jugendliche ohne Ausbildung und Arbeit jemals in die Liga der Arbeit-Habenden aufsteigen? Wo soll der, der im zweiten, dritten Jahr der Arbeitslosigkeit existiert, das kreative Potenzial zum "alternativen Beruf" her bekommen? Das beantwortet Straubhaar klar und unmissverständlich: "Ein wichtiger Effekt dabei (gemeint ist das "Bürgergeld") ist auch, dass die Anzahl derer, die sich am unteren Arbeitsmarkt um einen Job bemühen, wahrscheinlich sinkt."

Es gibt jede Menge Arbeit im Land. Man muss sich nur den Zustand unserer Straßen, unserer Schulen und Kindergärten ansehen. Und wenn die dort ruhenden Jobs nicht ausreichen würden, gilt es über die Verteilung von Arbeit nach zu denken. Aber wer, trotz täglicher Gegenbeweise, dem Aberglauben an die Selbstheilungskräfte des Marktes verfallen ist, wer zur Besserung der Ökonomie den Staat weiter abbauen will, auch auf dem Sektor haben wir mehr als ein Jahrzehnt des Misserfolgs hinter uns, der darf auch an den Weihnachtsmann glauben.

Das Wirtschaftsmagazin "brand eins" zeichnet sich durch ein brillant klares Design und frisches ökonomisches Denken aus. Im Fall der Titelgeschichte des Septemberheftes bleibt das Design zu loben.

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