"Kann ick mir nich leisten", sagt die Frau mit den Bratwürsten am Potsdamer Platz, "will ick och nich", schiebt sie trotzig nach: Ein Kreischen weht vom Berlinale-Teppich zu ihrem Stand, sind es die Stones, die zur Eröffnung kommen, ist es Scorsese? Sie kann es sich nicht leisten, ihren Stand zu verlassen, und auch nur selten, ins Kino zu gehen. Die sieben Euro Eintritt entsprechen ihrem Stundenlohn. Wohl aus solchen Gründen sackten im letzten Jahr die Besucherzahlen. Doch immer noch sind es 125 Millionen Zuschauer im Jahr. Deutlich mehr als die rund sechs Millionen, die jährlich die Fußball-Bundesligastadien besuchen. Das Kino ist eine kulturelle Macht. Einmal im Jahr formiert sich diese Kraft in Berlin, um die Ausbeute eines Jahres zu präsentieren.

Mit "Shine a light" präsentiert das Festival einen Musikfilm zur Eröffnung: Die Rolling Stones in einem berauschenden Konzert, im Film inszeniert von Martin Scorsese. Meisterlich und ironisch ist das Intro des Films: Es zeigt all jene Verwirrungen, die eintreten, wenn der disziplinierende Film mit der chaotisierenden Rock-Musik zusammentrifft. "Don´t be nervous", sag Scorsese zu einem der vielen, die den Auftritt der Stones für den Film organisieren sollen, und jeder kann sehen, dass er nervös ist. Völlig gelassen die Stones, die bösen Buben der sechziger Jahre, scheinbar nicht mehr von dieser Welt, sie finden Scorsese komisch. Doch sobald sie auf der Bühne stehen, ist die Gelassenheit jener inneren Spannung gewichen, die aus den vermeintlich am Geschehen Uninteressierten die magischen Vier macht, unwiderstehlich.

"Besser geht´s nicht", sei ihr Lieblingsfilm, sagt die Bratwurstverkäuferin, "der mit Jack Nicholsen." Das erinnert daran, dass die amerikanischen Filme über sechzig Prozent des deutschen Marktes bespielen, in Deutschland ist ein Umsatz von mehr als 800 Millionen € zu machen, das ist ein hübsches Geschäft. Dem wunderbaren Liebesfilm, dem Lieblingsfilm der Verkäuferin, mit Nicholson und Helen Hunt war der Erfolg mehr als zu gönnen. Filme aus den USA werden nicht in Washington verordnet, nicht selten sind sie, wie jene von Michael Moore, gegen die dort verbrochene Politik gerichtet. George Bush dürfte sich über Moores Filme nicht amüsiert haben.

In dem Film mit den und über die Stones tritt auch Bill Clinton auf, als Vorgruppe, wie er betont. Ob es eine Spendengala sein könnte, rätselt Mick Jagger, als er und die anderen Band-Mitglieder brav Händchen geben: Ein Familienmitglied der Clintons nach dem anderen erklimmt die Bühne. Soll der Wahlkampf von Hillary mit diesem Abend finanziert werden? Der Film klärt uns nicht auf. Ein wenig hilft der Blick ins Publikum: Es sieht so aus, als habe es mindestens tausend Dollar für den Platz im New Yorker Beacon Theatre gezahlt. Nicht einmal bei "Satisfaction", Jagger hat längst sein verschwitztes Outfit mehrfach gewechselt, ist den Damen der Gesellschaft das Dekolleté verrutscht. Clinton verabschiedet sich mit "God fuck you", glaube ich gehört zu haben. War er nicht damals, als die Stones und die Beatles die Jugendkultur bestimmten, auch dabei? Irgendwie gegen Vietnam, und Zeugs geraucht hat er auch. Aber er wird wahrscheinlich nur "God bless you" gesagt haben, was ich gehört habe, muss ein Echo aus vergangen Zeiten gewesen sein.

Scorseses Film ist brillant gemacht. Opulente Bilder, wunderbare Kameraleute und erlesene Gastauftritte - Christina Aguilera, Buddy Guy und Jack White - geben der Leinwand jenen Glanz, der zu Festivaleröffnungen passt. Trotz artistischer Leistungen von Mick Jagger, die nahen Kameraeinstellungen bekommen den älteren Herren weniger. Natürlich werde auch ich meinem Großvater immer ähnlicher, aber bei Keith Richards kommt die Großmutter raus, das kann natürlich an dem Trümmerfrauenkopftuch liegen, das er auf der Bühne trägt. Doch wer die Stones mag und Musikfilme schätzt, der wird an Scorseses Film sein Vergnügen haben.

Kaum ein Sender ohne Berlinale, die großen Zeitungen haben dem Filmfest ihre Reverenz erwiesen. Mehrseitige Beilagen versuchen der geballten Ladung Film gerecht zu werden. In einer ist ein Interview mit dem Präsidenten der Festival-Jury, Costa-Gavras, veröffentlicht. Er nennt den Irak-Krieg eine "Tragödie". Wie man Unfälle oder Naturkatastrophen Tragödien nennt, auch blutige Familienstreitigkeiten fallen in diese Rubrik. Costa-Gavras ist Mitglied der Entourage des französischen Präsidenten. Das ist der, der gerade geheiratet hat. Und der die Nähe zu den USA sucht. Die Welt ist eine Soap. Glaubt die neue Frau des neuen Präsidenten, Carla Bruni. Aber die ist nicht in Berlin.

Wenn die Gäste der Eröffnungsgala den Berlinale-Palast verlassen haben, ist der Bratwurststand längst geschlossen. Ein kalter Wind weht über den Potsdamer Platz. Die Zuschauer werden noch mehr Musikfilme sehen können: Mit Madonna und mit Neil Young zum Beispiel. Aber sie müssen nicht. Mehr als dreihundert Arbeiten werden in den nächsten Tage zu sehen sein. Unter denen sind nicht wenige, die von dieser Welt handeln. Die neben dem Glanz auch den Dreck zeigen. Und die Schattierungen, wie die Wege zwischen den beiden Polen. Filme, die ihre verführerische Macht nutzen, den Zuschauer klüger nach Hause zu entlassen.

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