Im skeptischen, ungläubigen Berlin konnten 37.000 Unterschriften für die Wiedereinführung des Religionsunterricht gesammelt werden. Die Evangelische Kirche im Rheinland verzeichnete jüngst, wie die beiden großen Kirchen in anderen Teilen Deutschlands auch, mehr Eintritte als Austritte. Wer sich an den Taumel um den Tod des einen Papstes und die Wahl des anderen erinnern mag, der ahnt Zusammenhänge: In Zeiten der Unsicherheit wächst objektiv das Bedürfnis nach Wissen, subjektiv jenes nach Trost. Und was auch immer die vorgeblich regierenden Parteien erzählen, weder macht der Krieg in Afghanistan das Land sichererer noch bringt der Aufschwung mehr soziale Sicherheit. Dass diese instabile Lage in vielen Ländern der Welt um sich gegriffen hat, verlangt nach Hoffnung. Wohl deshalb ist die jüngste Enzyklika des aktuellen Papstes mit "SPE SALVI" (Gerettet durch die Hoffnung) betitelt.

Hoffen und Harren, berichtet der deutsche Volksmund, mache manchen zum Narren. Tatsächlich versucht sich das Oberhaupt der katholischen Kirche erneut in der Überzeugung durch Behauptung: "Die Epheser", schreibt der Papst in Erinnerung an den Apostel Paulus, "waren ohne Gott in der Welt." Das muss man Christus-Marketing nennen. Denn natürlich glaubten die Bewohner der kleinasiatischen, griechisch geprägten Stadt Ephesus an mehrere Götter, nicht zuletzt an die Göttin Artemis, der sie einen florierenden Tempel gewidmet hatten, der nicht wenige Religionstouristen anzog. Aus dieser Konkurrenz-Situation bezieht der vermeintlich intellektuelle Benedikt XVI in der Enzyklika seine schlechte Meinung über die Epheser: Sie seien damals hoffnungslos gewesen. Wer immer das milde, schwebende Lächeln des deutschen Papstes, ein Lächeln das in der Luft zu bleiben scheint wenn Benedikt längst den Balkon verlassen hat, für gütig hält, der irrt.

Um die Hoffnungen auf die Kirche und den Glauben nicht ins soziale Kraut schießen zu lassen, grenzt sich der Papst ab: "Jesus war nicht Spartakus", deshalb habe das Christentum auch keine sozialrevolutionäre Botschaft, selbst wenn die frühen Christen häufig den "niedrigen sozialen Schichten zugehörten". Nicht die Tat, nicht die Praxis könne und dürfe Quelle der Hoffnung sein, sondern »eine gewisse wissende Unwissenheit". Weil diese ungewisse Formulierung dem Gläubigen diffus erscheinen könnte, schiebt Benedikt einen Angriff auf den Renaissance-Philosophen Francis Bacon nach, denn der sei dem Irrglauben erlegen, der Mensch werde durch die Wissenschaft erlöst. Zudem schäle sich im Gefolge der Wissenschaftsgläubigkeit der Doppelbegriff Freiheit und Vernunft heraus, der nichts anderes sei als die Absage an den Glauben, weil er eine irdische Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben verspreche, wo doch die Kirche dies erst nach dem Tod anbieten könne.

Mag Benedikt nicht wirklich intellektuell sein, dumm ist er nicht. Deshalb ist es auch keineswegs der alte antisozialistische Reflex, der ihn aktuell gegen Marx argumentieren lässt. Der habe zwar mit "eingehender Genauigkeit, wenn auch parteilich einseitig, die Situation seiner Zeit beschrieben", doch dem sei dann, mit dem Sieg der Revolution in Russland, das dicke Ende gefolgt. Was an dieser Stelle der Enzyklika geübt wird, das ist Prophylaxe: Die sozialen Widersprüche sind, nach dem Wegfall des sozialistischen Praxis-Versuchs, größer geworden. Angesichts dieser Kluft behauptet der Papst schnell eine Stammtischweisheit nach der "der Mensch immer Mensch bleibt". Und ohne den anderen, den neuen Menschen keine Befreiung. Falls dieser menschliche Mangel als Mahnung nicht ausreichen sollte, wird noch hinterher geschoben, dass "die Freiheit auch immer Freiheit zum Bösen bleibt."

Nie wäre Benedikt so plump, das "Reich des Bösen" zu zitieren, das überlässt er amerikanischen Präsidenten, von Reagan bis Bush. Aber den Verweis darauf, dass Sozialismus böse enden kann, den kann er doch nicht lassen. Zumal dieses Schwarz so schön mit dem Weiss der Erlösung durch christliche Liebe kontrastiert. Kein Gedanke wird an alte oder neue Kreuzzüge verschwendet, kein Aufenthalt bei diversen, sehr endgültigen Erlösungen durch Feuer und Schwert, eher noch wird der Schrecken des Holocaust für einen christlichen Märtyrer reklamiert, ein Vietnamese der um 1850 gefangen saß und erschreckende Briefe nach draussen schrieb. Scheinbar davon ergriffen, wird dem Papst beim Lesen "Das ganze Grauen eines Konzentrationslagers" sichtbar. Wer sich an die antisemitische Haltung der katholischen Kirche auch und gerade zur Zeit des industriellen Judenmordes erinnert, dem wird das ganze Ausmaß dieser zitierenden Geschmacklosigkeit deutlich.

»Würdest Du mir bitte sagen, welchen Weg ich einschlagen muß?" Fragt Alice im Wunderland die Grinsekatze. "Das hängt in beträchtlichem Maße davon ab, wohin du gehen willst", antwortete die Katze. "Oh, das ist mir ziemlich gleichgültig", sagte Alice. "Dann ist es auch einerlei, welchen Weg du einschlägst", meinte die Katze. "Hauptsache, ich komme irgendwohin", ergänzte sich Alice."Das wirst du sicher, wenn du lange genug gehst", sagte die Katze und ihr Grinsen blieb noch in der Luft, als sie längst verschwunden war. Solange Alice nicht weiß wo sie hin will, stehen ihr alle Himmel offen.

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