Was wäre, gäbe es keine Autos mehr? Markt und Strassen blieben verlassen, Ampeln spielten ihre Farben vergeblich aus, eine grausame Ruhe läge über den Städten und Krieg in der Luft. Denn, übersetzt man die alte These des Verhaltensforschers Konrad Lorenz von der Kanalisierung menschlicher Aggressivität in die Jetztzeit, wären die Kreuzungskonkurrenzen, das Auffahrsyndrom und das Aufblendfeuer abgeschafft, gäbe es einen schweren Aggressionsstau, der sich fraglos in neuen Kriegen entladen müsste.

Noch gibt es sie, die Autos, nicht nur die penisverlängernden Porsche oder die paramilitärischen, allradgetriebenen Sport Utility Vehicle, es gibt auch die vielen anderen, normalen PKW´s: In unserem Land 46 Millionen an der Zahl und sie sind nicht nur eine friedenssichernde Anschaffung, auch der Freiheit tun sie das Ihre: Sie machen uns unabhängig. Wenn auch nicht vom Öl, so doch von der fürchterlichen Disziplin, sich nach Fahrplänen zu richten. Wohin Pläne führen können, wüssten die Deutschen, erinnerten sie sich an die DDR.

Die Freiheit, soll sie nicht in Vergessenheit geraten, muss sie besungen werden. Denn erst im Wort wird die Kraft des Fahrzeugs sichtbar, erst im Text manifestiert sich die mobile Kultur. Die Dichter automobiler Größe arbeiten im Verborgenen, kein Henry-Ford-Preis ehrt sie, keine Akademie der Fahrkünste nimmt sie auf, namenlos verrichten sie ihre poetische Arbeit. Auch der alljährliche Autosalon in Genf täuscht mit dem Wort Salon: Dort werden nur Autos gezeigt, ihre Barden bleiben im Dunklen, keine Lesung, keine Rezension wertet ihre Leistung.

Wer einen Auto-Prospekt in die Hand nimmt, denkt zuweilen an die lateinische Herkunft des Wortes: Prospectus, der Hinblick. Er ist von den Herstellern gewünscht und wird durch eine eigene, dem Auto gewidmete Lyrik auch erreicht. "Unsere Philosophie ist ganz einfach", vertraut uns in einem Mercedes-Pospekt der Chef von Daimler an: "Wir geben unser Bestes für Menschen, die das Beste erwarten." So klingt Upper-Class-Philosphie, Niedrigkeiten wie Skepsis, Zukunftsangst oder Merkel-Phobie werden hier nicht geduldet. Denn mit "Bereit sein für das Unvorhersehbare" wird das Heideggersche Geworfensein beschworen, ein Gedanke, den der unbekannte Prospektautor für das Bremssystem der E-Klasse bereit hält.

"Passanten als dunkle Silhouetten, blinkende Ampeln und faszinierende Spiegelungen auf dem Asphalt" imaginiert ein Dichter im Prospekt des Fünfer-BMW. Wen erinnert das nicht an den Sprachduktus der jungen Françoise Sagan, die in "Bonjour tristesse" über ein amerikanisches Kabriolett schrieb: "Voll von glitzernden Gegenständen, leise, eine Welt für sich". Davon augenscheinlich inspiriert formuliert ein Daimler-Dichter "Für Ruhe und Abgeschiedenheit können Sie weit fahren. Müssen Sie aber nicht." Das ist ein wahrhaft großer Gedanke: Man verlässt das Haus, setzt sich in seinen Mercedes und fährt eben nicht! Man frönt der Ruhe und genießt eine Abgeschiedenheit, die zuletzt nur Diogenes in seiner Tonne hatte zelebrieren können.

"Einfach alles erreichen" verspricht der anonyme BMW-Poet und verblüfft mir seiner intellektuellen Doppeldeutigkeit: Nicht nur, dass dem Besitzer eines BMW jeder Erfolg möglich ist, er "findet auch alle Schalt-und Bedienelemente genau dort, wo Sie sie intuitiv erwarten". Dass einem ein solches Automobil "Glücksmomente" verschafft, ist dem Preis für Autos dieser Klasse durchaus angemessen. So lässt uns der Mercedes-Autor mit seinem Text sogar an einem Aspekt der aktuellen, gesellschaftlichen Debatte teilhaben: "Das ganze Jahr über ein perfektes Klima. Früher musste man dafür auswandern." Es versteht sich, das ein eigenes Klima nicht billig sondern preiswert ist wenn man die Kosten einer Auswanderung bedenkt.

"Jeder Lord fährt Ford, jeder Popel nur Opel", dieser volksmundige Satz aus den Fünfziger Jahren mag keinen sonderlichen Wahrheitsgehalt besitzen, und doch verweist der populäre Vers auf die soziale Bedeutung des Autos: Gäbe es die Automobile nicht, wir müssten den Adel wieder etablieren. Denn wo früher der Herr Graf dem Fräulein Dienstmädchen eine Ehre antat, da nimmt heute die S-Klasse dem Golf die Vorfahrt. Mit einem Golf kann man niemals vorfahren, außer vielleicht vor dem Eingang eines Campinglatzes. Während in Vorzeiten der Mensch erst mit einer ordentlichen Uniform begann, manifestiert sich die wirkliche Menschwerdung heute ab einem größeren Audi. So dient die Kraftfahrzeug-Typologie, und mit ihr deren Dichtung, in ihrer Fächerung auch einer gewissen Gesellschaftshygiene.

Es war Bertold Brecht, der über die "Singenden Steyrwägen" zu dichten wußte: "Wir liegen in der Kurve wie Klebestreifen. Unser Motor ist: Ein denkendes Erz." Ihm wurde jener Rum zuteil, der den heutigen Prospektschreibern nicht gegönnt wird. Obwohl sie genau jene pessimistische Haltung vermeiden, die von der Sagan als Mitfahrerin noch so beschrieben wurde: "Erlebten wir die gleichen Freuden: Schnelligkeit und Wind - und vielleicht den gleichen Tod." Eine solche menage á trois, Fahrer, Beifahrer, Tod, ist in der "Sicherheitsphilosophie" des Hauses Daimler nicht vorgesehen. Und selbst der Autor der Bayerischen Motoren Werke, der mit dem "Gesetz der Strasse" an nasses Laub, Platzregen und Schneefälle erinnert, weiß den Leser zu beruhigen: Er könnte das "intelligente Allradsystem xDrive" ordern, dann wäre ihm, trotz aller Wetterunbilden, das Fahren gesichert. Solange das Automobil noch über solche Barden verfügt, muss uns nicht bange sein: Freiheit und Frieden bleiben erhalten.

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