Mit einer scheinbar eleganten Anglizyste beginnt im jüngsten RUBIKON ein Artikel über die Lage in Bolivien: „Neoliberalismus reloaded“. Zwei Autoren erklären aus der sicheren Berliner Schreibtisch-Lage, wie man die Niederlage der sozialistischen Regierung in Bolivien hätte verhindern müssen. Über die Macht und Kräfteverhältnisse im lateinamerikanischen Land erfährt der Leser kein Wort. Als habe der sozialistische Versuch des Evo Morales im Reagenzglas stattgefunden, als gäbe es kein internationales Kräfte-Verhältnis, als habe nicht die Liquidierung des Real-Sozialismus rund um die Sowjetunion dem US-Imperialismus und seinen Epigonen in der Welt der Konterrevolution jede Menge neue Räume im tödlichen Spiel um die Macht eröffnet.

Die beiden Autoren des RUBIKON gehören wie auch immer zur deutschen Friedensbewegung. Von der ist aktuell leider auch kein Sieg zu vermelden: Die Zahl der Aktivisten stagniert. Die NATO-Propaganda hat sich so weit durchsetzen können, dass Erscheinungen wie Frau Kramp-Karrenbauer und Heiko Maas ihren Neo-Imperialismus über die Mehrheits-Medien nahezu unwidersprochen verbreiten dürfen, und aus der alternden Bewegung wird gern beklagt, dass eine junge Bewegung sich dem Thema Umweltschutz widmet.

Der Name RUBIKON selbst ist ein Musterbeispiel für großsprecherische Fehlleistung: Er spielt programmatisch auf Cäsars Marsch gen Rom an und dessen Eroberung der Macht. Diese Anspielung ist analytisch so einfältig wie möglich: Die deutsche Linke ist nicht mal in der Nähe der Macht, geschweige, dass sie den Hebel gefunden hätte, sie zu erobern. Auch der Untertitel "das Magazin für die kritische Masse", der mit einem Begriff aus der Kernphysik tändelt, ist so verblasen wie möglich: Die Massen in Deutschland sind fest im Griff der unkritischen Massenmedien und von einer Kettenreaktion zur eigenen Befreiung so weit entfernt, wie der RUBIKON von Cäsars alea iacta est, seinem Satz kurz vor der Machtergreifung. Dass im RUBIKON jede Menge kluger Autoren schreiben, mindert seinen aufgeblasenen Ansatz, beseitigt ihn aber leider nicht, wie in „Neoliberalismus reloaded“ zu lesen.

Wollte man die Methode des ebenso ahnungslosen wie wichtigtuerischen Ratschlags auf die beiden Autoren selbst und ihre Bewegung anwenden, käme Folgendes heraus: Beendet die spalterischen Tendenzen in der Friedensbewegung, bekämpft die parlamentarischen Illusionen in der deutschen Linken, hört mit dem Überfliegen auf - lernt erst mal fliegen.

Erst jüngst beglückte Jens Wernicke, der Geschäftsführer der Trägergesellschaft des RUBIKON, die Welt mit einer Marketing-Mail, in der er einen baldigen Krieg mit Russland weissagte und zu dessen Abwehr empfahl, den Newsletter seines Magazins zu abonnieren. Dicke Backen wo man auch hinliest, Bezüge zur Wirklichkeit eher gering.

Nach der Methode RUBIKON sollte man dringend die schweren Fehler von Nelson Mandela untersuchen, dessen Arbeit in Südafrika bis heute nicht zu einer wirklichen Revolution geführt hat. Auf dem Zettel der Schein-Analysten stehen sicher auch schon Liebknecht und Luxemburg, denen nach dieser Methode die verlorene deutsche Revolution anzukreiden wäre.

Ganz sicher würde ein echter Aufschwung der deutschen Friedensbewegung dem Todfeind des Fortschritts in Lateinamerika, den USA, sehr schaden. Denn wenn die Bewegung die sicheren Basen der US-Armee so verunsichern würde, dass diese USA nicht mehr weltweit jede auch nur denkbare Alternative zum Kapitalismus mit Geld und militärischer Macht liquidieren könnte, dann hätten die Latinos sicher mehr Platz zum Atmen. Doch wo die Besserwisserei zur Tugend erklärt wird, sinkt das intellektuelle Niveau weit unter das der Solidarität: So wird Räsonieren zum preiswerten Ersatz für die revolutionäre Theorie.

Kommentare (32)

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Aus diesen Zeilen spricht ja wohl der der pure Neid.

Peter Petersen
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Neid auf ein ein schiefes Sprachbild?

Uli Gellermann
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Rubicone? Ist en großer Campingplatz an der Adria. Da wären die Autoren besser aufgehoben als in einer intellektuellen Debatte.

Angela Canzetti
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Ich habe mir den Artikel auch angetan und fragte mich zunächst, was in eitlen Schriftsetzern vor sich geht, die sich ohne rosarot zu werden freiwillig der Lächerlichkeit preisgeben? Ein Phänomen, das so wie in diesem konkreten Fall eigentlich nur...

Ich habe mir den Artikel auch angetan und fragte mich zunächst, was in eitlen Schriftsetzern vor sich geht, die sich ohne rosarot zu werden freiwillig der Lächerlichkeit preisgeben? Ein Phänomen, das so wie in diesem konkreten Fall eigentlich nur Linke fertig bringen können.

Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Da sitzt ein Autorenpaar am warmen bundesdeutschen Kamin und spricht mal so eben Morales, Chávez, Mujica, Correa, Funes, Lula, Rousseff, Cristina Fernández jede weiterreichende Revolutionskompetenz ab und schlägt ihnen 11 Thesen in ihre dummen Hirne, auf dass sie es beim nächsten Mal besser machen. Und das wird gedruckt! Das allein macht fassungslos.


Da will Großintellekteller Braun „Muster“ erkannt haben, die er als gefährliche Defizite im Tun und vor allem im Nichttun der von ihm vigilierten, aber leider zu beschränkten Präsidenten-Doofies sieht.

Heraus kommen unterirdische „Analysen“, nichts weiter als staubtrockene Revolutionstheoreme, die mit der Realität dieser Länder, also der Chance auf die Umsetzung dieser revolutionären Selbstverständlichkeiten so gar nichts zu tun haben. Die wichtigsten Gründe dafür hat Uli ja genannt. Herzlichen Dank dafür!

Natürlich sind die Genannten nicht sakrosankt, selbstverständlich nicht! Da gäbe und gibt es im Einzelnen dies und jenes zu kritisieren und in Frage zu stellen. Aber mit einer derartig profilneurotisch anmutenden Verve diese mutigen Führer, allen voran Evo Morales, Hugo Chávez und Rafael Correa zu Deppen zu degradieren, das ist abenteuerlich. Dieser Artikel eines deutschen Autors in Deutschland, veröffentlicht auf jeweils linken Portalen in den von Braun aufgezählten Ländern, würde nichts anderes als wieherndes Hohngelächter zuzüglich immenser Verärgerung erzeugen. Garantiert. Fast juckt es mich, die abgestandene Chose zu übersetzen und genau das zu tun.

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Rosa Perez
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Ist das linke Solidarität? Mussten sie unbedingt ein linkes Medien so scharf kritisieren?

Sven Baumgartner
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Solidarität gegenüber den kämpfenden Menschen in Lateinamerika ist den Autoren offenkundig unbekannt. Womit hätten sie denn Solidarität verdient?

Uli Gellermann
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Danke für den Artikel über den Rainer Braun -Artikel in Rubikon. Mit solchen Besserwissern habe ich hier in Hanau auch zu kämpfen

Hartmut Barth-Engelbart
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Wohl wahr, was der Uli in seinem heutigen sehr guten Artikel schreibt.
Den Rubikon hab ich vor längerer Zeit abbestellt. Ein wüstes Sammelsurium von Artikeln, die mich meist inhaltlich nicht überzeugen konnten, Wernickes eingeschlossen !
Danke...

Wohl wahr, was der Uli in seinem heutigen sehr guten Artikel schreibt.
Den Rubikon hab ich vor längerer Zeit abbestellt. Ein wüstes Sammelsurium von Artikeln, die mich meist inhaltlich nicht überzeugen konnten, Wernickes eingeschlossen !
Danke an den GALERISTEN für diesen klaren und eindeutigen Artikel, dem Leser die schwierige Lage in Bolivien und anderer lateinamerikanische Länder so näher zu bringen. Bolivien besitzt die größten Lithium Reserven der Welt und beabsichtigte mit China gemeinsam diese Lithium Vorräte zu erschließen. (Das musste u.a. verhindert werden)!
Unter Juan Evo Morales Ayma, seiner Nationalität nach ist Evo Morales ein Vertreter der amerikanischen Ureinwohner, der Aymaranakaja, die seit mehr als vierhundert Jahren, d.h. seit Beginn der spanischen Kolonialzeit unterdrückt wurden.
Unter Morales haben Armut, Arbeitslosigkeit und Analphabetentum bedeutsam abgenommen.
2005 wurde Evo Morales zum Präsidenten gewählt, zu dem Zeitpunkt betrug die Armut 38 %. In den darauffolgenden Jahren bis heute verringerte sich der Anteil der Armut auf 15 %.
Das Bruttosozialprodukt pro Kopf ist in diesem Zeitraum laut Angaben (Inter-American Development Bank) um das Vierfache gewachsen. Tatsächlich war Bolivien, gemäß einem Bericht der des Zentrums für den Wirtschafts- und Politikforschung (CEPR), die am schnellsten wachsende Wirtschaft in Südamerika , die seit einem viertelhundert, bevor Evo Präsident wurde, stagnierte.
Um aber so handeln zu können wurden klare Verhältnisse geschaffen: ...."hat die bolivianische Regierung 2006 alle IWF-Abmachungen für beendet erklärt" meldete derselbe Report.
Außerdem mussten sämtliche Militärbasen der Totbringer USA das Landes verlassen. Und wie immer bleibt der Kriegsverbrecher Mickey mouse mit Drohungen, Bedrohungen und Ängsten schüren erkennbar.
Über ALBA zu schreiben würde den Rahmen sprengen, soll aber nicht unerwähnt bleiben.
Nach 1989/91 haben sich die Macht- und Kräfteverhältnisse dramatisch zugunsten des Imperialismus in der Welt verändert und er greift nach der ganzen Welt, weil hemmungslos von Gier, Neid und Hass zerfressen.
1995 gründete sich mit Morales an ihrer Spitze die Partei "Bewegung zum Sozialismus" ("Movimiento al Socialismo"). 2005 erhielt sie von 130 Sitzen im Abgeordnetenhaus 72 Sitze. Sie vertritt boliviararische und antiimperialistische Positionen, setzt sich für Gleichheit und für das Recht der indianischen Minderheiten ein. Führte Bodenreformen durch , setzte Verfassungsreformen in Kraft und begann mit der Verstaatlichung der Schlüsselindustrien. (Alles braucht seine Zeit, sei den Ungeduldigen gesagt) "Den Fluss kann man nicht anschieben, denn Alles ist immer in ständiger Bewegung." Wer will denn von außen beurteilen können, welche Schritte als nächstes gegangen werden müssen um den weiteren Aufbau einer sozialisten Gesellschaft zu befördern ? Nur Besserwisser und Ignoranten die die historische Dimension nicht begriffen haben. Und nur der Mensch kann irren ! Fehler wurden und werden gemacht und gerade die bittersten Erfahrungen zwingen zur Korrektur wenn man weiter kommen will.
Dass die Feinde und die elenden Gestrigen längst im Hintergrund mit ihren mächtigen Kartellen an den Webstühlen der Macht mit blutigen Fäden Bolivien zurück in alte Verhältnisse zwingen wollen war und ist immer die Sorge aller Internationalisten in der Welt gewesen.
Es betrifft ja nicht nur Bolivien, wie man weiß. Der Innenminister Uruguays sagt sehr klar, dass die Mörderbande USA versucht überall in Südamerika ihren Einfluss zu erweitern.
Dass wir es in Deutschland mit einer Michel-Zipfelmützen- Regierung zu tuen haben bewahrheitet sich täglich.
Bolivien braucht unsere Hilfe und unsere Solidarität. Die deutsche Regierung ist ein Jammerlappen und eine Heulsuse, die immer wieder in die Arme der USA flüchtet, weil unfähig trotz Miliarden Beraterverträgen, Kommissionen, Arbeitsgruppen usw. Alle in Hartz 4 mit allen Konsequenzen....
Schweizer Parlamentarier sprechen von einem Staatsstreich.
81 Parlamentarier haben diesen auf das schärfste öffentlich verurteit.
Evo Morales und seine Famile wurden bedroht. Das Haus der Schwester des Präsidenten wurde abgefackelt und der Neffe des Bergbau-Ministers wurde entführt.
Zahlreiche Mitglieder der Regierung reichten unter Zwang ihren Rücktritt ein.
Die Fundamentalisten mit der Bibel in der Hand sahen ihre große Stunde kommen, als das Militär dem Präsidenten, der Regierung,öffentlichen Personen und Einrichtungen den Schutz verwehrte. Morales hat mit seiner Haltung ein Blutbad verhindert und ging auf die Forderungen der Putschisten ein.
Eine ähnliche Haltung ist undenkbar für eine deutsch-amerikanische Regierung. Was würde denn der heimliche Kanzler Grenell seinem Chef in den USA ins Twitter-Öhrchen flüstern ?
"Die Geschichter aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von KLASSENKÄMPFEN".
(Karl Marx)

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Ulrike Spugat
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Lieber Herr Gellermann,

ich kann Ihr Unbehagen gegenüber dem Portal Rubikon nachvollziehen. Allein die Selbstbeschreibung des Magazins empfinde ich in ihrem distanzlosen Weihrauchschwenken irgendwie abstoßend. Die imponierende Galerie des Beirats...

Lieber Herr Gellermann,

ich kann Ihr Unbehagen gegenüber dem Portal Rubikon nachvollziehen. Allein die Selbstbeschreibung des Magazins empfinde ich in ihrem distanzlosen Weihrauchschwenken irgendwie abstoßend. Die imponierende Galerie des Beirats verstärkt diesen Eindruck immens.

Nichts gegen ein gesundes Selbstvertrauen und Selbstbild, aber die aufdringliche Demonstration seiner Andersartigkeit, also Besserartigkeit im Zusammengehen mit diesen Star-Schnitten des Who-is-Who der deutschsprachigen linken „Gegenöffentlichkeit“ wirkt auf mich unangenehm überzogen. Ich fühle mich einfach nicht wohl, wenn ich diese Seite besuche. Wenn dann noch so ein Stuss wie in dem von Ihnen angesprochenen Artikel steht, ist das zum Fremdschämen.

Viele werden Ihnen, wie schon zu lesen, vorwerfen, Sie seien bloß neidisch auf den Erfolg des akademischen Herausgebers Wernicke. Oder, besser noch, daran gemahnen, dass sich die linken Portale untereinander doch solidarisieren sollten statt Kritik aneinander zu üben. Ich finde, dass beides möglich sein muss – Kritik und Solidarität.

Man kann kaum behaupten, dass beispielsweise das Portal KenFM von jemandem betrieben werden würde, der seinen großartigen Erfolg tiefstapelnd von sich weisen würde. Nein, Jebsen weiß, was er da geschaffen hat – und wirkt trotzdem nie überheblich, akademisch und selbstbeweihräuchernd. Das Gleiche bei den NachDenkSeiten: Niemand wird ernsthaft Urgestein und Patriarch Albrecht Müller mangelndes Selbstbewusstsein attestieren wollen. Und trotzdem fühlt man sich auch auf dieser Seite wohl, einfach dadurch, dass die Rahmenfassung der Seite eins zu eins mit ihrem Anspruch liiert ist.

Und Ihr Portal, lieber Herr Gellermann ist sowieso eine Ausnahme. Die Qualität Ihrer Artikel ist schlicht herausragend. Das Layout bescheiden und zweckmäßig. Ich möchte die Rationalgalerie als Überblick nicht missen, auch wenn ich nie kommentiere. Das können andere Leser besser als ich.

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Rosalinde R.
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Herzlichen Dank für die glasklare Stellungnahme und Solidarität mit Bolivien und Morales.
Die Kommentatoren waren auch schon mal besser "aufgestellt" ...

Cornelia Praetorius
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Ich kann Ihrer Einschätzung des Rubikon-Artikels "Neoliberalismus reloaded" nicht in allen Aussagen folgen.

Die beiden Autoren beziehen sich in ihrer Einschätzung auf Lenin zu Erkenntnissen aus Problemen der Revolution. Sicher, da haben Sie...

Ich kann Ihrer Einschätzung des Rubikon-Artikels "Neoliberalismus reloaded" nicht in allen Aussagen folgen.

Die beiden Autoren beziehen sich in ihrer Einschätzung auf Lenin zu Erkenntnissen aus Problemen der Revolution. Sicher, da haben Sie recht, sie tun das, ohne in Lateinamerika anwesend gewesen zu sein und vor Ort die Schwierigkeiten beim Kampf um den "Sozialismus des 20. Jahrhunderts" mit eigenen Augen zu sehen. Das ist für mich aber kein Argument, ihnen Überheblichkeit vorzuwerfen. Auch Sie, Ulli Gellermann, waren zur Zeit des Putsches gegen Evo Morales nicht in Bolivien.

Aus den Erfahrungen der russischen Revolution und der Konterrevolution in Chile 1973 wissen wir, dass eine Revolution nur dann siegreich ist, wenn die Grundlagen der alten Ordnung restlos beseitigt sind. Das geschah weder in Venezuela noch in Bolivien. Dies festzustellen hat absolut nichts mit Überheblichkeit zu tun. Es ist eine wichtige Erkenntnis für jede künftige revolutionäre Bewegung. Und das machen Sie den beiden Autoren zum Vorwurf?

Die beiden Autoren stellen ihrem Artikel im Rubikon ja nicht umsonst das Marx-Wort voran, dass einer halben Revolution eine ganze Konterrevolution folgt. Der "Sozialismus des 20. Jahrhunderts" ist eine Abweichung vom Marxismus-Leninismus. Nach der Niederlage des europäischen Sozialismus (ich vermeide den Begriff des realen Sozialismus) glaubte man, sich implizit von diesem Sozialismus distanzieren zu müssen, weil er durch seine Niederlage beschädigt worden war und an Beispielwirkung bei den anderen Völkern verloren hatte. Aber jede Abweichung vom Marxismus-Leninismus birgt die Konterrevolution in sich. Dass sowohl Chavez als auch Morales mit diesem "Sozialismus des 20. Jahrhunderts" im Kopf Schiffbruch erleiden könnten, hätte ihnen klar sein müssen. Ich will beiden nicht absprechen, dass sie wirklich eine Verbesserung der Lebenslage der Bevölkerung erreichen wollten - aber unter kapitalistischen Bedingungen, lediglich durch Reformen.
Das musste schiefgehen, das konnte jeder sehen, er musste dazu kein Marxist sein. Nach der Konterrevolution in Chile hätte es jeder wissen können, noch dazu in Lateinamerika.

Nun den beiden Autoren einen Vorwurf zu machen, dass sie ausgesprochen haben, welche Fehler gemacht wurden, halte ich meinerseits für besserwisserisch und überflüssig. Natürlich wäre es besser gewesen, diese Kritik der beiden Autoren wäre aus Lateinamerika selbst gekommen. Aber kam sie? Soll sie deshalb unausgesprochen bleiben, damit es ganz bestimmt beim nächsten Mal wieder schiefgeht und die Konterrevolution wieder siegt? Es müssen doch Lehren aus Niederlagen gezogen werden! Die Völker Lateinamerikas haben bis heute einen sehr hohen Blutzoll bezahlen müssen, wenn sie sich gegen den nordamerikanischen Imperialismus wehrten und einen eigenen Weg gehen wollten. Außer in Kuba siegte jedesmal die Konterrevolution.

Dass der Rubikon-Artikel nicht detailgenau auf alle Schwierigkeiten eingehen konnte, hat sicher Platzgründe, und so mussten sich die Autoren auf das Wesentliche beschränken. Eine tiefgründige Analyse der gegenwärtigen Ereignisse in Lateinamerika ist also noch offen. Die beiden Autoren haben nur erste Gedanken äußern können. Und man kann nur hoffen, dass sie in Lateinamerika auf einen fruchtbaren Boden fallen. Mit Besserwisserei hat der Rubikon-Beitrag absolut nichts zu tun.

Ich hoffe, dass Sie meine Kritik an Ihrem Beitrag veröffentlichen.

Natürlich ist es unbedingt nötig, wenn ein errungener Sieg verlorengegangen ist, herauszufinden, warum er verlorengegangen ist. Das ist nichts Verwerfliches, das ist Grundlage für einen neuen Anfang - unter Vermeidung der Fehler. Das weiß man im privaten Verhältnis, und das ist auch in der Politik so.

In einem gebe ich Ihnen recht: Mit dem Rubikon bin ich auch nicht immer einverstanden, da schwirrt zuviel sozialdemokratisches Gedankengut durch die Zeilen. Ich lese den Rubikon sowieso nur unter Vorbehalt.

Aber nun Ihre Kritik, da wo der Rubikon mal recht hat, Ulli Gellermann. Es fällt mir schwer, diesen Ihren Artikel noch als linken zu lesen.

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Hanna Fleiss
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Natürlich dürfen auch Fehler von Freunden kritisiert werden. Aber die politische Lage in einem Land zu beurteilen ohne die Kräfte-Verhältnisse mit einem Wort zu analysieren ist zumindest unseriös.

Uli Gellermann
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Lieber Uli Gellermann,

bei Ihrer Kritik müssen zwei völlig verschiedene Dinge auseinander gehalten werden:

1. Die Bewertung der Inhalte in dem Rubikon-Artikel
Man kann vielleicht kritisieren, dass manches in dem Beitrag einen problematischen...

Lieber Uli Gellermann,

bei Ihrer Kritik müssen zwei völlig verschiedene Dinge auseinander gehalten werden:

1. Die Bewertung der Inhalte in dem Rubikon-Artikel
Man kann vielleicht kritisieren, dass manches in dem Beitrag einen problematischen Zungenschlag hat. Tatsächlich ist es aber so, dass es in den zurück liegenden Jahren bereits mehrere qualifizierte Beiträge dazu gabe, warum Lulu in Brasilien letztlich nicht erfolgreich war und ebenso Chavez allenfalls halbwegs. Nachdem zwischenzeitlich auch in Equador die Entwicklung nach Correa recht schnell wieder gedreht werden konnte und nun Morales durch einen Militärputsch aus dem Amt gejagt wurde, ist die zusammenfassende Analyse des Rubikon-Artikels sicher ein wichtiger Diskussionsbeitrag.

2. Das Gebaren von Jens Wernicke
Hierzu muss ich anmerken, dass ich selbst dort mit fünf Artikelbeiträgen vertreten bin. Irgendwann musste ich aber Jens Wernicke die Freundschaft aufkündigen, weil er sehr selbstherrlich Überschriften ändert und in den redaktionellen Vorspann Dinge einfügt, die nicht von den Autoren selbst kommen, aber als solche nicht klar gekennzeichnet sind. Diesbezüglich sollte er sich mal ein Beispiel an den Nachdenkseiten nehmen, wo er ja früher gearbeitet hat.

Nur das letzte Beispiel dafür:
Bei mir hieß es in der Überschrift:
"Mobilisieren für Humanismus oder Kriegsangst?
Eine Antwort auf den Rubikon-Artikel von Klaus von Raussendorff: 'Der große Krieg ? Frieden mit Russland ist unsere einzige Chance'?
Bei Rubikon erschien der Beitrag dann mit "Falsche Selbstbeschränkung
Die Friedensbewegung muss sich an mehr als einer Front engagieren!"
und im redaktionellen Vorspann war der Satz eingefügt:
"Eine Friedensbewegung, die erfolgreich sein will, muss ein größeres Portfolio globalpolitischer und gesellschaftlicher Entwicklung aufgreifen!"
Rubikon-Leser konnten die Überschrift und den Vorspann damit durchaus als großkotzig empfinden. Auf meine Beschwerde hin, erhielt ich von Jens Wernicke die Antwort: "Die Titel müssen zu Rubikon passen. Dein Titel war unpassend ...."

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Karl-Heinz Peil
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Im zitierten Rubikon-Bolivien-Artikel kann ich beim besten Willen keine Analyse erkennen. Schlichte Fragen wie: Wo wurden Armee und Polizei in den Jahrzehnten ausgebildet - werden nicht gestellt. Das Wort „Putsch“ kommt im Artikel nicht vor....

Im zitierten Rubikon-Bolivien-Artikel kann ich beim besten Willen keine Analyse erkennen. Schlichte Fragen wie: Wo wurden Armee und Polizei in den Jahrzehnten ausgebildet - werden nicht gestellt. Das Wort „Putsch“ kommt im Artikel nicht vor. Statt dessen diese Weisheit: „Wenn kapitalistische Machtstrukturen angegriffen werden, wird dies für die politische und gesellschaftliche Linke eine herausfordernde Situation“. Wer hätte das gedacht.

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Uli Gellermann
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