Man muss Oskar Lafontaine nicht lieben. Aber Beliebtheit sagt nur wenig über Qualität. Joschka Fischer, zum Beispiel, galt in allen Umfragen als der beliebteste Politiker. Der Mann hat uns in zwei völkerrechtswidrige Kriege geschwätzt. Und in Jugoslawien oder Afghanistan ist er sicher nicht so richtig beliebt. Lafontaine steht spätestens seit seiner Leipziger Rede, in der er von "Fremdarbeitern" geredet hat, also eine Nazivokabel benutzte, im Verdacht ein linker Nationalist, ein Populist zu sein.

Sein jüngstes Buch "Politik für Alle - Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft" ist hie und da etwas schlicht in der Formulierung. Aber seine soziale Analyse, in der er mit sauberen Zahlen untermauert, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, ist bei denen, die ihm Populismus vorwerfen, nicht zu lesen. Und wenn er über die "Korruption der Sprache schreibt", über den Verfall des Wortes "Reform", über die Heuchelei des Begriffs "Rendite" oder die "Flexibilisierung des Arbeitsmarktes", der übersetzt nichts anderes bedeutet als soziale Unsicherheit, dann wird Medienwirklichkeit transparent.

"Alle Besitzstände müssen auf den Prüfstand" zitiert Lafontaine die Neoliberalen "und sie denken nicht an die Reichen, sondern an die Bezieher sozialer Leistungen." Tatsächlich sind die Mehrheit der Medien, der "Experten" und der Politiker nicht mehr Willens oder in der Lage, ohne diese Falschwörter auszukommen.

Wütend und witzig setzt sich der Autor mit dem Neoliberalismus auseinander und argumentiert mit dem Chefvolkswirt von "Goldman Sachs", der einschätzt, dass Theorie und Praxis der deutschen Wirtschaft schlicht dogmatisch ist, fordert Mindeststeuern in Europa und einen starken Staat um Steuern einzutreiben. Denn: Kapitalgesellschaften zahlen - trotz eines höheren gesetzliche Steuersatzes -
im Durchschnitt nur 10 Prozent Steuern. Arbeitnehmer mit geringsten Löhnen müssen für den ersten zu vesteuernden Euro bereits 15 Prozent zahlen.

Zur Ausländerpolitik erinnert Lafontaine daran, dass die CDU aus ideologischen Gründen über drei Millionen Aussiedler aus Osteuropa ins Land gebeten hat, die man, weil ihre Vorfahren vor Jahrhunderten aus Deutschland ausgewandert waren, kurzerhand zu Deutschen erklärte. Er bekennt sich zum Einwanderungsland Deutschland und will Zuwanderung regeln. Das sieht nicht nach Nationalismus aus. Auch wenn er die Nation am Beispiel des "Vereins" erklärt, in dem jeder Beitrag zu zahlen und zu leisten habe, damit er funktioniert, ist keine Deutschtümelei zu erkennen. Diffus wird er, wenn er versucht seine Haltung gegen den EU-Beitritt der Türkei zu argumentieren. Dann fällt ihm nur ein amerikanischer Nahostforscher ein, der zu erzählen weiss, dass die Türken früh heiraten und viele Kinder kriegen.

Lafontaine hat mit seinen 300 Seiten erkennbar ein Wahlprogramm geschrieben. Wahlprogramme sind selten sonderlich intellektuell. Aber man hat schon viel dümmere Programme gelesen, als "Politik für alle". Und man hat in der veröffentlichten Meinung der Bundesrepublik über den Zustand derselben nur wenig eindeutigere Wahrheiten hören, sehen oder lesen können, als in Lafontaines neuestem Buch.

Der Populismus-Vorwurf gegen den Saarländer ist relativ preiswert: dass Hartz IV, dass Sozialabbau und Reformgeschwätz zunehmend weniger populär sind, kann man ihm kaum vorwerfen. Ihn dann, wie jüngst in der "Süddeutschen Zeitung" als "Hai" zu bezeichnen, wirft die Frage auf, wie wir denn Herrn Schröder nennen sollten, Schakal etwa? Und Frau Merkel, Klapperschlange? Tiervergleiche haben natürlich mit Populismus nichts zu tun.

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