Das muss gelesen werden. Weil es die gesellschaftliche Wirklichkeit des Landes widerspiegelt. Weil es dem seichten Unsinn, der groben Lüge, dem gemeinen Verwirrspiel der offiziellen Bundesrepublik, ihrer parasitären Parallelgesellschaft in Politik, Medien und ihrem Shoppingmeilengeschwätz die Wahrheit entgegenhält: Das Land verkommt und auf den Chefetagen knallen die Champagnerkorken.

Gabriele Gillens Buch trägt den Titel "Hartz IV - Eine Abrechnung". Wahrscheinlich haben wir bald Merz V oder Merkel VI und doch ändert das nichts an der schmerzhaften Aktualität des rororo-Bandes. Denn Gillen handelt auch über Hartz IV, primär aber seziert sie unerbittlich eine Gesellschaft, die durch Leute wie Florian Gerster verkörpert wird, der die Hälfte der Mitarbeiter der Bundesanstalt für Arbeit rauswarf, sein eigenes Gehalt verdoppelte und für die Renovierung seines Büros 1,8 Millionen € verbrauchte. Oder durch Joschka Fischer, der im Berliner "Tagesspiegel" frech behauptete: "Hartz IV führt nicht zur Armut" und dessen Ministerpension zur Zeit mehr als 9.500 € ausmacht. Oder durch den Bundespräsidenten, der als Chef des Internationalen Währungsfonds das ehemals wohlhabende Argentinien durch "Ratschläge" des IWF in den Ruin trieb und jetzt ähnliche "Reformen" bei uns befürwortet.

Die Gillen schreibt wütend, aber auf keiner Seite des Buches verliert sie den kühlen, analytischen Verstand. Sie präsentiert die Gewinner und Verlierer der "Reformen": "Die tatsächlich verfügbaren Einkommen der abhängig Beschäftigten ... sind heute ein knappes Prozent niedriger als vor vierzehn Jahren. Dagegen haben die Bezieher von Gewinn- und Vermögenseinkommen fast 50 Prozent mehr." Sie entlarvt die Mainstreaminformation, die am Beispiel Dänemarks die Abschaffung des Kündigungsschutzes preist, aber weg lässt, dass "dänische Arbeitslose 89 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens erhalten" und "so lange Anspruch auf Zahlung, Ausbildung und Vermittlung haben, bis sie wieder Arbeit haben." Und sie zitiert die "Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)", die Deutschland für ein besonderes Problemland hält, wegen der geringen Binnennachfrage und der geringen Staatsausgaben. Wahrheiten, die bei uns sofort als "populistisch" gegeißelt würden, denn in Deutschland spart sich der Staat kaputt und damit seine Bürger es ihm nach tun, greift er ihnen, sofern sie nicht super reich sind, so tief wie möglich in die Taschen, das gilt als seriös.

Es gibt einfühlsame Kapitel in denen geschildert wird, wie Arbeitslose, wie Hartz IV-Empänger leben, wie Kinderarmut aussieht und wie der Staat brutal das Bisschen, was sich die Normal-Menschen für ihr Alter gespart haben, solange aufrechnet, bis nichts mehr übrig bleibt. Ihre Schilderung der Armut treibt einem abwechselnd die Zornes- und die Schamröte ins Gesicht, man schämt sich für sein Land und zugleich hat man große Lust jene, die von der Armut profitieren..., aber das fällt, fürchte ich, bereits unter das Hassprediger-Gesetz.

Auch die Rolle der Medien (seltene Ausnahmen, kleine Auflagen und späte Sendezeiten bestätigen die Regel) wird von ihr präzise beschrieben: Zeit und Seriosität könnten ja ins "Ernsthafte" ausarten und jeder weiß, dass dies ein Quotenkiller ist. "Die Fieberkurve der Börsennachrichten jedenfalls, das hysterische Infotainment über virtuelles Geld und echte Entlassungen, passt genau zwischen die Reagenzglas-Konflikte der "Verbotenen Liebe" und die scheindemokratischen Diskussionen "politischer" Talkshows."

In keinem einzigen Moment ist Gabriele Gillen zynisch, nie macht sie sich über die "kleinen Leute" lustig, sie wird ihrer intellektuellen Verantwortung in einer Zeit gerecht, in der nicht wenige dieser Gruppe lieber wegsehen und hoffen, dass es sie nicht trifft, wo sie es doch so schön warm haben dort, wo sie gerade sitzen. Zynisch ist die Wirklichkeit, im Kapitel "Orwell im Arbeitsamt" zitiert sie die neue Semantik der "Bundesagentur für Arbeit": "Jobcenter mit Internetcafés, Frontoffice, Inbound-Call, Matching, Task Force oder Change Agents. Das ist tatsächlich Neusprech im Potemkinschen Dorf Deutschland.

Nüchtern auch das Fazit: "Die Eliten nehmen ihre Verantwortung für das Gemeinwohl und den sozialen Zusammenhalt nicht mehr an, sie arbeiten auf eine Spaltung nach angelsächsischem Vorbild hin." Die Autorin macht sich keine Illusionen über eine schnelle Veränderung der erbärmlichen Zustände Deutschlands. Aber sie setzt auf die Kraft der Zahlen und Fakten, sie setzt auf Polarisierung, auf eine andere Politik, als sie die sattsam bekannten Berliner Protagonisten zu formulieren bereit sind. Die sind fast so isoliert, wie es die Honeckers am Ende der DDR waren: Abgeschottet von einem Volk, dessen Lebenswirklichkeit sie weder kennen noch kennen lernen wollen, sich selbst genügend und ihrer Wichtigkeit, entzückt von ihrer eigenen Gesellschaft.

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