Und läuft und läuft und läuft: Landolf Scherzer, der schon den ehemaligen Grenzstreifen zwischen Thüringen, Bayern und Hessen abgewandert hatte, war wieder mal unterwegs: Diesmal die Grenzen von Ungarn, Kroatien, Serbien und Rumänen überwindend. Zu Fuß. Das mach mal, wenn Du immerhin auf die 70 zugehst, besser: Wanderst. Aber Scherzer marschiert ja nicht, er geht, von Gespräch zu Gespräch, von Begegnung zu Begegnung. Und während er so mit den Leuten, die er trifft, Gedanken austauscht, bewegt er sich und seine Leser.
Eigentlich wollte er mit dem Traktor eines Kumpels durch sieben osteuropäische Länder reisen, aber der Traktor machte es nicht mit und der Kumpel auch nicht. Was sollte das jemanden wie Scherzer anfechten? Jemand, der schon früh im Buch ein Vorurteil eingesteht: Die Zigeuner (und auch die Kroaten, die Serben, sagt ihm eine Ungarin, weil Nachbarvölker sich ja immer besonders gut verstehen, wie wir aus dem deutschen Verhältnis zu den Holländern und den Polen wissen) könnten ihm sein Geld klauen, also lässt er seinen Brustbeutel zum Genitalbeutel werden und schämt sich im Nachhinein. Weil, so lehrt uns das Buch und so dürfte es der ehemalige Redakteur des "Freien Wort" aus Suhl auch vorher gewusst haben, die Armen geben eher denn sie nehmen.
Und arm sind die meisten, denen er auf seiner Wanderung begegnet. Was eigentlich nicht sein darf: Denn alle Länder, die er durchwandert, haben doch vor Jahren den glücklichen Transfer vom Sozialismus zum Kapitalismus vollbracht. Wie sollten die den arm sein? Das erzählt er am Beispiel der Zigeuner, die er nicht Sinti oder Roma nennt, weil die es in diesen Ländern selbst nicht tun: "In Osteuropa und Ungarn wurden nach 1989 die meisten Zigeuner an den Rand der Gesellschaft getrieben". Aber ist der Kapitalismus denn nicht der Erfinder der Menschenrechte? Und vielleicht hat Scherzer diese Anmerkung aus einer trüben, postkommunistischen Quelle? Nein, er hat es aus einem Flugblatt der katholischen Kirche in Ungarn.
Manchmal schläft der Autor in Kirchen, nicht selten ist die Kirche der letzte Ort sozialer Kommunikation. Fast wie auf dem Land in Brandenburg, nachdem die Kulturhäuser und der Dorfkonsum weg waren, blieb die Kirche als Stellvertreter des Kulturbundes auf Erden. Doch gibt es neue Zentren der Kultur: Spar und Lidl fallen dem Wanderer mit ihren Wegweisern in Ungarn auf. Ein Weg, den er nicht gewiesen haben wollte. Waren die Kirchen denn nicht verschwunden im Sozialismus? "Wir beteten zwar in unterschiedlichen Kirchen. Wir Kroaten in der katholischen und die Serben meist in der orthodoxen, aber wir arbeiteten zusammen in einer Fabrik, und unsere Kinder gingen in den selben Kindergarten und später in die selbe Schule." Erzählt ihm eine Frau in Kroatien und auch, dass es früher, im alten Jugoslawien egal gewesen sei, ob man Serbe, Kroate oder Ungar war.
Immer wieder trifft Scherzer auf gemischte Verhältnisse: Mal ist der Serbe mit einer Kroatin verheiratet, dann wieder umgekehrt und irgendwann weiß einer über seine Mutter zu berichten, dass sie "zu einem Drittel kroatisch, zu einem Drittel ungarisch und zu einem Drittel wohl donauschwäbisch" sei. Da sagt doch der gesittete Mitteleuropäer: Balkanesich! Und wendet sich mit Grausen. Der Autor graust sich vor gar nix, er will alles wissen und möglichst aus den unmittelbaren Quellen. So als ob die normalen Leute wüssten, was für sie gut wäre! "Nach dem Krieg", vertraut dem Landolf Scherzer ein Kroate an, "in dem wir gegen die vorher mit uns in Jugoslawien vereinten Serben um unsere Freiheit gekämpft haben, mussten hier in Kroatien viele Betriebe schließen. Wir hatten zwar unsere Freiheit, aber über nacht keine Zulieferer und auch keine Kunden in Serbien mehr." Da würden die Herren Kohl und Genscher, die so erfolgreich für die Freiheit der Kroaten gekämpft haben, sicher sagen: Auch Freiheit von Arbeit ist eine.
Die schöne neue, globalisierte Welt sorgt für gesunden Arbeitstourismus: Von den 18 Kindern einer rumänischen Familie, die der Wanderer in den Welten trifft, leben nur noch zwei in ihrem Land. Sechs Kinder leben in Österreich, zwei in Spanien, jeweils eins in Belgien, in England und den USA. Dass, so wird der Marktbewusste feststellen, ist Reisefreiheit. Aber dem in Rumänien verbliebenen Vater fällt nur ein: "Aber wenn ich tot bin, werden sie alle kommen. Alle." Dabei dringt doch die segensreiche, kapitalistische Modernisierung auch in den letzten Winkel. Nach Batina zum Beispiel, einem Grenzort von 1.500 Einwohnern, im Dreiländereck von Kroatien, Serbien und Ungarn gelegen. Da sitzt die ganze Familie Gasparlin abends vor dem Autorenn-Simulator und der Vater lenkt einen roten Ferrari über die Piste von Sao Paulo. Solch technischer Fortschritt wäre im alten Jugoslawien nie und nimmer denkbar gewesen. Vater, Mutter, Bruder und zwei Kinder leben von 150 Euro Stütze monatlich. Und von ihrer Ziege. Deren Milch bieten sie dem wandernden Schriftsteller an und auch selbstgezogene Tomaten. Wenn die Armen nur nicht so großzügig wären, schreibt uns Scherzer im Subtext auf, dann könnten die Großen sich zügig aus der Geschichte verabschieden. Für diesen beharrlichen Blickwinkel auf die Wirklichkeit ist ihm dringend zu danken.