Es sind fast zwei Stunden kompakter Information, zwei Stunden, die manchmal beängstigend schnell am Zuschauer vorbeiziehen, manchmal ein wenig zuviel auf die Tränendrüse drücken, manchmal mit ihrer Faktenhuberei erschlagen, immer aber konsequent über die Gefahren globaler Erwärmung erzählen und ebenso populär wie wissenschaftlich über ein mögliches Ende der uns bekannten Welt handeln: Das filmische Portrait der »traveling global warming show« des Al Gore.

Der Mann, der beinahe Präsident der USA geworden wäre, ging nach seiner Niederlage auf Tour. In rund 1.000 Vorträgen, quer durch die USA und in vielen anderen Ländern der Welt versucht Al Gore seinen Zuschauern, mit einem Mix von Personality-Show, Computeranimationen und Zeitrafferfotos die Bedrohung der Welt durch die globale Erwärmung zu demonstrieren. Und er hat Erfolg bei seinem Publikum. Über einen argumentativen Erfolg bei der Regierung der USA ist bisher nichts zu vermelden.

An der Spitze der Verursacher der globalen Erwärmung, auch das erfährt man aus dem Dokumentarfilm über und mit Gore, stehen jene USA, die durch veraltete Automobilkonzepte, eine vorsintflutliche Energietechnologie und vor allem eine Ideologie der Verschwendung von Ressourcen die globale Erwärmung vorantreiben. Es wäre dem Film zuviel abverlangt, noch einen weiteren Themenzweig anzufügen, aber es ist dieser, aus Borniertheit und Großmachtengstirnigkeit geborene Rohstoffhunger, der die USA der Bush-Jahre zu auch abenteuerlichen Militäreinsätzen drängt.

Die Bilder vom rasanten Verschwinden der Gletscher, ob am Kilimandscharo, im Himalaja oder in den Alpen, sind die einfachsten und beweiskräftigsten Argumente für die These der Wissenschaft, dass, ohne Reduzierung der Emissionen die Durchschnittstemperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts um zwei bis fünf Grad ansteigen werden. Und die Computeranimationen von den tief liegenden Gebieten der Welt, wie zum Beispiel den Niederlanden, die in 50 Jahren, bei ungebremster Emission, verschwunden sein werden, zeigen das schockierende, mögliche Finale, wenn nicht sofort umgedacht wird.

»Das Problem ist nicht unser mangelndes Wissen. Sondern unsere feste Überzeugung von Dingen, die falsch sind.« Diese Mark-Twain-Zitat schwebt über der soliden filmischen Arbeit des Regisseurs, Davis Guggenheim, der bereits mit engagierten Filmen über den Lehrermangel in den USA aufmerksam gemacht hat. Sein jetziger Film soll primär den Bürgern der Vereinigten Staaten deutlich machen, dass, während dauerbetriebene Klimaanlagen, überdimensionierte Sport Utility Vehicels und lecke Pipelines die Atmosphäre und die Perspektive der Menschheit verdüstern, der Präsident der USA den Apokalypso tanzt und tut als wäre nichts.

Mit Al Gore hat der Film einen Hauptdarsteller, der alles andere als die zu diesem Thema erwartete Kassandra ist: Gut aussehend, vermögend und marketingerfahren verkörpert der ehemalige Vizepräsident der USA den glatten Politikertyp, den man eher auf einem Fundraising-Dinner vermuten würde, als in den Umweltinstituten der internationalen Wissenschaft. Auch wenn dem europäischen Betrachter die Art der Präsentation zuweilen ein wenig kitschig erscheinen mag: Al Gore widmet sich seinem Thema mit einer Leidenschaft, die ansteckend und deshalb nützlich ist. »Eine unbequeme Wahrheit« ist der bisher spannenste und effektivste amerikanische Beitrag zum Kyoto-Protokoll.

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