Er ist ein begeisterter Globalist, der amerikanische Autor Thomas L. Friedman, der mit seinem neuen Buch »Die Welt ist flach« ein ungedingt kluges, geschwätziges, faktenreiches, naives, intellektuelles und emotionales Werk vorgelegt hat. Wer immer sich mit der Globalisierung der Welt auseinandersetzt, wird an Friedmans Buch als Pflichtlektüre nicht vorbeikommen, wird die 700, zum Teil recht redundanten, Seiten lesen müssen. Denn Friedman schildert die Globalisierung, trotz allen Propagandagesülzes das man mitlesen muss, als eben den objektiven Prozess mit dem die Welt in vielerlei Hinsicht eingeebnet wird, als jenes technisch-ökonomische Faktum, das die Produktivkräfte entfesselt, und »Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige entweiht« und die Menschen zwingt »ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen« (Kommunistisches Manifest, von Friedman passagenweise zitiert). Friedman redet über Fortschritt, von der blinden Sorte versteht sich.

Natürlich ist Friedman nicht der erste, der die Digitalisierung der Welt, die daraus folgende Vernetzung und Einebnung mit der Erfindung der Dampfmaschine oder der des Buchdrucks vergleicht. Aber er gehört zu den wenigen, die solche wohlfeilen Thesen gründlich belegen. Wenn er berichtet, dass immer mehr amerikanische Steuererklärungen in Indien angefertigt werden, dass man in indischen Call Centern auf Menschen mit unterschiedlichen amerikanischen Akzenten trifft, schließlich will der Mann aus Minnesota seine Computerproblem im eigenen Akzent erklärt bekommen, und dass indische Unternehmen nicht wenige Arbeiten, die sie auf dem internationalen Markt anbieten und verkaufen, inzwischen in China anfertigen lassen, dann belegt er anekdotisch eine Entwicklung, die den radikalen Verflachungsprozess der Welt anschaulich beschreibt. Friedman erinnert uns an den nahezu ungehinderten Datenfluss über eine »eingeebnete » Welt in der »mehr Menschen als jemals zuvor mit anderen Menschen in immer mehr Winkeln der Erde in Echtzeit zusammenarbeiten oder konkurrieren.«

Während nicht wenige Menschen die Globalisierung als verstörendes Übel empfinden, als Vernichter ihrer Arbeitsplätze, Entwerter ihrer Kenntnisse, Zerstörer ihrer sozialen Zusammenhänge, begreift Friedman die selbe Erscheinung als einen befreienden Akt, der Grenzen und nationale Beschränktheiten beseitigt, der Ländern, die bisher am Rande der westlich dominierten Welt lagen, einen Zugang zu den wirtschaftlichen und technischen Zentren gewährt und der auch den Einzelnen, da gelten ihm die Gründer von »Google« gleich viel wie Bill Gates, gestattet, auf der Bühne einer kleiner gewordenen Welt zu agieren. Und natürlich hat er recht, dass mit den Highspeed-Internetverbindungen, der Workflow-Software und den blitzschnellen und blitzgescheiten Suchmaschinen die Möglichkeiten auch weniger entwickelter Länder sich am Wettlauf um den Maximalprofit zu beteiligen deutlich gestiegen sind. Wer dagegen hält, dass ja keineswegs in allen Ländern der Erde gute analoge Telefonleitungen geschweige denn Glasfaserkabel liegen und es durchaus Länder und Menschen gibt, an denen die digitale Revolution völlig vorüber gegangen ist, der hat recht. Aber gegen Dampfmaschinen lässt sich nicht argumentieren, sie sind, wie Internetverbindungen auch, existente Instrumente und wer wollte im Nachhinein noch lamentieren, dass die beweglichen Lettern in Deutschland erfunden worden sind und ihren Weg nach Asien erst spät gefunden haben?

Ein wenig mehr als naiver Technik-Begeisterung dürfte es schon sein, wenn der Autor voller Bewunderung von den gestochen scharfen Videobildern berichtet, die eine militärischen »Drohne«, ein unbemanntes Aufklärungsflugzeug, liefert, das von Las Vegas aus gesteuert wird und über ein irakisches Dorf fliegt: »Auch das Schlachtfeld ist eingeebnet worden«, schreibt er und die Doppeldeutigkeit, die bittere Ironie dieser Worte fällt ihm nicht auf. Zwar mag er in all seiner Begeisterung über die schlaue und nachlesenswerte Liefertechnik des Wal-Mart-Konzerns nicht verschweigen, dass Wal-Mart seine Angestellten schlecht bezahlt und so nebenbei die amerikanische Sozialkassen ausplündert, aber immer wenn es um politische und soziale Bedingungen geht, versagen dem ansonsten akribisch recherchierenden Journalist die Analysefähigkeiten. Da bewundert er, dass Länder wie China, Indien und Russland ganze Generationen perfekt ausgebildeter Techniker auf den internationalen Arbeitsmarkt werfen konnten und sieht auch, dass sie unter sozialistischen (oder in Indien staatlich-zentralistischen) Bedingungen ausgebildet wurden, aber zur Entwicklung dieser breiten Eliten fällt ihm nur ein, dass diese Leute ja früher gar nicht zum Zuge, sprich zu Start-Up-Unternehmen gekommen seien. Oder er kommentiert: »In der flachen Welt bedeutet die wirtschaftliche Freiheit des einen die Arbeitslosigkeit des anderen« und hält diesen Satz für cool. Auch dass in Ländern wie Irland, das er seiner »flachen« Steuern wegen über den grünen Klee lobt (ich bitte um Entschuldigung), bemerkt er nicht, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klafft. Globalisierung geht gerne Hand in Hand mit Neoliberaler Politik, das hätte Friedman auch in seiner Heimat, den USA, gut beobachten können, in der Arm und Reich gut entwickelt sind: Unten werden es immer mehr und oben sind es wenige, die immer mehr einstecken.

Völlig aus dem Ruder der zweifellos vorhandenen, eigenen Intelligenz läuft der Autor, wenn er am Ende des Buches seine »McDonalds-Theorie« ausbreitet, nach der Länder in denen es Mc-Donalds-Filialen gibt keinen Krieg gegeneinander führen. Weil Bürger in den Staaten, die über eine ausreichende Mittelschicht verfügen, um "eine Kette McDonalds zu unterhalten« nicht gerne Kriege führen würden, »sondern sich lieber nach BigMacs« anstellen". Diese Theorie werden sowohl die Serben sehr zu schätzen wissen, die zur Zeit der NATO-Bombardements eine ganze Reihe McDonaldfilialen im Land wussten, als auch die Libanesen, deren Hauptstadt als ein arabisches Zentrum für McDonalds warme Brötchen gilt. Immer dann, wenn dem Autor, der zu Beginn des Irak-Krieges vom »Euro-Geheul über die Bush-Politik gegenüber dem Irak« sprach und daran ungern erinnert wird, die Ideologie den Blick auf die Wirklichkeit verstellt, rutscht er leider aus der Rolle des scharfen Beobachters in die des faselnden Epigonen.

Es ist der blinde Fortschritt, ungeplant und ungezähmt durch gesellschaftliche Kontrolle, den Friedman predigt. Es geht um ein Fortschreiten, das mühelos soziale und ökonomische Regelwerke einreißt, an denen Generationen gearbeitet haben. Fraglos vernichten die Globalisierer hier Arbeitsplätze, die sie in anderen Gegenden, zu niedrigen Preise versteht sich, wieder aufbauen. Bisher reagiert die Linke darauf nur mit Abwehrkämpfen jener Art, die Zeitgewinne erzeugen, aber notwendig verloren gehen müssen. Eine Strategie, die auf das zweifellos fortschrittliche Element in der Globalisierung setzt, ist nicht erkennbar. Deshalb ist Friedman so nützlich: Er benennt offen den Kern des jetzigen Weltprozesses, die anarchische Entfesselung der Produktivkräfte. Der Autor mag ein Gegner staatlicher oder gewerkschaftlicher Regulative der Globalisierung sein, aber er ist, anders als die Köhlers und Westerwelles, satisfaktionsfähig.

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