Es ist ein scheinbar stilles Buch, so ruhig wie die abgeschiedenen Dörfer im Piemont, an der italienischen Grenze zu Frankreich, der Landschaft, in der es handelt. Und es ist voller sprachlicher Kraft, großer Menschenliebe und einer nachhaltigen Nähe zu Land und Leuten. Dem Wagenbach-Verlag ist mit dem Roman »Steingänger« des 1971 geborenen Davide Longo eine Entdeckung gelungen: Mit Longo könnte sich eine Poesie zurück melden, in der einfachen Leuten ein Platz eingeräumt wird, der in der neueren Literatur gerne für die Komplizierten, die Angefressenen, die Guckt-Euch-Mein-Problem-An-Lifestyle-People reserviert bleibt.

Auch wenn ein Mord den frühen Ausgangspunkt des Buches markiert, auch wenn Geheimnisse auf dem Dorf im Gebirge lasten, auch wenn hie und da die Polizei auftritt, Longos intensiver Roman bezieht seine zuweilen schwer erträgliche Spannung weniger aus einem Kriminalfall. Der bleibt eine Erscheinung, die geschieht, geschehen ist, so wie der Tag in die Nacht wechselt, so wie der Tod ein Ergebnis von Leben ist. Longos dramatische Kunst beweist sich in Szenen wie der des Kalbens einer Kuh, in der seine sprachliche Dramaturgie eine frühere Abtreibung einflicht, die Erinnerungen eines Heranwachsenden aufschimmern lässt und die Brutalität einfachen Lebens nicht romantisch verklärt, sondern sozial erklärt werden.

»Er schob sich ein Stück Brot mit Käse in den Mund und kaute so lange, bis der Käse wieder zur Milch, bis das Brot wieder zu Getreide wurde«, so klingt einer der ersten Sätze in »Der Steingänger«, so mahlt sich die Longosche Sprache ihren Weg durch das Leben seiner Hauptfigur des »Franzosen«, der aus dem Dorf stammt aber lange in Frankreich war, der im Dorf lebt und ihm doch fremd geblieben ist. Der »Franzose« war Schleuser gewesen, über Jahre hat er die Illegalen, die Flüchtlinge der Armut, von der einen auf die andere Seite gebracht. Ein Beruf der im Dorf der Grenzgänger und Schmuggler Tradition hat: Man konnte damit schon immer besser verdienen als mit den steinigen Äckern und den mageren Kühen.

Längst ist das Geschäft von einem mafiösen Netzwerk beherrscht, einer Organisation ohne Gesicht, mit langen Armen ausgestattet. Longo belässt die Profiteure des Menschenhandels in jenem Dunkel, in dem sie sich wohl fühlen, weist ihnen jene Finsternis zu, die ihnen angemessen ist. Und zugleich geht er mit dem »Franzosen« und einer Flüchtlings-Gruppe noch ein letztes mal die Pässe nach Frankreich, sicher darin, dass die moderne Völkerwanderung ihre Pfadfinder braucht, dass auch der Schleuser ein Gesicht hat und mehr ist, als ein Fall für die Kriminalstatistik.

In Longos Roman lernt man Leute neu kennen und glaubt doch, man kenne sie schon ein ganzes Leben. Das macht der Geschichtsfluss, der mitten durch die 200 Seiten des fein edierten Bandes fließt. Natürlich ist es nicht die offizielle Geschichtsschreibung, die sich eingegraben hat, es ist eher ein Bach, der das Leben der Generationen im Gebirge verbindet. Und so nahe der Autor den einzelnen Menschen ist, so wenig ist seine Geschichte privat. In einer der Rückblenden auf das Leben des »Franzosen« taucht ein Buch auf, das der, weil es in Spanisch geschrieben ist, nicht lesen kann. Mit dem Buch, einem widerständigen Relikt aus dem Kampf gegen den spanischen Diktator Franco, erklärt sich die lange, prägende und doch kaum erzählte Gefängnishaft des »Franzosen«. Dieser kleine Band, dessen genauen Inhalt wir nie erfahren, wird gegen Ende des Romans weitergegeben. Wie eine Chiffre aus Zeiten, als die Fronten wichtiger waren als die Grenzen, als der Standpunkt bedeutender denn die Flugzeit.

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