Wir bleiben unserem Motto treu
Schwul, pervers und arbeitsscheu
Graffito, Berlin-Kreuzberg, 80er Jahre
Unter all den täglichen Betrügereien - von Bänkern, Politkern und Journalisten immer wieder gerne ausgeübt - findet sich plötzlich eine neue Kategorie: Die des unterhaltsamen, klugen und liebevollen Betrugs. Matthias Frings legt mit "Der letzte Kommunist" ein solch neues Verbrechen auf den Tisch des Lesers. Denn versprochen wird mit dem Buchtitel nur "Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau", aber man bekommt, außer der angekündigten Biografie, eine ziemlich umfassende Lebensbeschreibung von Schernikaus Mutter, jener seltenen Frau, die aus der DDR in die BRD ging und dann immer nur zurück wollte, außerdem ein gutes Stück der Autobiografie des Autors Frings und, als kostenlose Dreingabe, einen soliden Einblick in die Westberliner Schwulenbewegung der 80er Jahre. Diese Form des Naturalrabattes ist so selten geworden wie die Haltung von Matthias Frings: Denn er billigt die politische Position von Schernikau keineswegs - der gehörte zu jener Sorte Kommunist, die durchaus zur Karikatur herausfordern kann - aber es gelingt ihm trotzdem ein intensives, von Freundschaft geprägtes Portrait, das über einen Lebensweg hinaus weist.
Keineswegs war Schernikau eine Karikatur: Er war bildhübsch, blitzgescheit, schwul und ein Kommunist der strengen Observanz, Marke Peter Hacks. Und außerdem: Er ging vom Westen in den Osten, damals, als die DDR noch existierte, eine Sensation, die bis in die Geschwätzigkeit von "Stern" und "Spiegel" hinein reichte. Der Versuchung, den Schriftsteller Schernikau auf den Skandal eines Grenzübertrittes zu reduzieren, erliegt Frings zu keiner Zeit. Ausgiebig erzählt er von den Mühen des Schreibens, den seinen und des Portraitierten. Er erinnert an Schernikaus "Kleinstadtnovelle", das Debüt und Coming out des sehr jungen Ronald. Und weiß von dessen Buch "Die Tage in L." zu berichten und dessen Entstehung: Als der Student Schernikau, gegen den Widerstand seiner Partei, der Sozialistischen Einheitspartei West, umm einen Studienplatz in Leipzig kämpfte und siegte: Drei Jahre wird er am Institut für Literatur studieren, wird tapfer die DDR gegen nicht wenige seiner Mitstudenten verteidigen und zugleich offen alles an ihr kritisieren, was er des Kritisierens für wert befindet: Die unsägliche Medienpolitik, die Dummheit der Zensur, den Kleingeist ihrer Führung.
Der zuweilen dogmatische Schernikau ist ein zärtlicher Mann: Dauerverliebt streift er durch das Berlin der 80er Jahre, tritt als Tuntendiva auf, arbeitet im Ensemble "Ladies Neid" mit und trifft sich im "SchwuZ", dem Westberliner Schwulen-Zentrum mit den Aktivisten der jungen Schwulen-Bewegung einer alten Bundesrepublik: Es geht um die Emanzipation der Schwulen, um ihren eigenen Platz in der Gesellschaft. Denn noch während das scheinbar Private, das Nursexuelle, eine gewisse Akzeptanz erfährt, marschiert AIDS auf: Die Bildzeitung etabliert den Kampfbegriff "Lustseuche", der "Spiegel" verbreitet, ein Drittel der Homosexuellen sei "durchseucht", der bayerische Innenminister fordert: "Diese Randgruppe muss ausgedünnt werden, weil sie naturwidrig ist". Matthias Frings mischt sich mit einem Buchprojekt in die hitzige Debatte und sein Freund Schernikau liefert dazu einen Beitrag, dem er ein gefälschtes Brecht-Zitat voranstellt, das macht er häufiger und merken tut es keiner.
Heute würde man Schernikau einen genialen Netzwerker nennen: Er korrespondierte mit Peter Hacks und Elfriede Jelinek, zu seinen Freunden zählten Irmtraud Morgner, Gisela Elsner und Erika Runge. Zu seinen Feinden zählte der Schriftsteller Peter Schneider, der ihm vorwarf, er sei vom Osten bezahlt. Zu gerne, vermerkt Frings in seiner Dreifach-Biographie, wäre er von der DDR bezahlt worden. Denn Netzwerke machen nicht satt und während die glanzvolle Diva Schernikau auf kleinen Bühnen große Erfolge feierte, darbte der gleichnamige Schriftsteller: Trotz schlechter, billiger Wohnungen und größter Sparsamkeit musste ihn seine Mutter Ellen unterstützen, die in Niedersachsen als Krankenschwester arbeitete. Diese Mutter hatte den sechsjährigen Schernikau aus dem Osten mit in den Westen genommen, weil sie in einen Mann, Schernikaus Vater, verliebt war, der dort lebte. Ausgerechnet im Herbst 1989, als die Fluchtbewegung aus der DDR wächst und wächst, entschliesst sich Ellen ihrem Sohn, der im selben Jahr DDR-Bürger geworden ist, zu folgen: "Liebe Kollegen", sagt sie zum Abschied, "ich habe dreiundzwanzig Jahre versucht BRD-Bürgerin zu werden, ich habe es nicht geschafft."
Als ich Ronald M. Schernikau im Herbst 1989 im Ostberliner Hentschel-Verlag traf, schien er es geschafft zu haben: Er besaß eine feste Stelle als Dramaturg, eine bezahlbare Wohnung, er war dort, wo er hin wollte. Noch paar Tagen zuvor hatte ich die Demonstrationen während der Leipziger Dokfilm-Woche erlebt, als sie von der stolzen Behauptung "Wir sind das Volk" in die Anbiederei von "Wir sind ein Volk" fielen. Schernikau und ich glaubten nicht an das Ende der DDR, aber wir waren sicher, dass die sich von Grund auf hätte ändern müssen. Er war optimistischer als ich: Die DDR überlebte er nur kurze Zeit. Er hinterlässt Freunde, wie den unschätzbaren Matthias Frings, der ihm ein Denkmal geschrieben hat, seine Leser und - belegt durch sein Leben und sein Werk - eine sonderbare Sicherheit: Schernikau wird nicht der "Letzte Kommunist" gewesen sein.