Lange Jahre war es ausgemacht: Intellektuelle waren links. Zwar gab es Golo Mann und Wolf Jobst Siedler, aber sie waren sehr einsame Vorzeige- Intellektuelle der bundesdeutschen Rechten. Selbst als sie in den 90ern Verstärkung durch Walser erfuhren, blieben sie Einsprengsel in einer intellektuellen Welt, die von den Bölls, den von Trottas, den Grass und den Wallraffs geprägt worden war. In der DDR lag die äußerste rechte Position eines Intellektuellen auf der Linie der schwedischen Sozialdemokratie, bot also auch nicht viel Spielraum für konservative Intelligenz.

Vor mehr als einem Jahr begann "Cicero - Magazin für politische Kultur" mit der Bildung einer konservativen Plattform, einer Sammlungsbewegung, die heute mit über 50.000 Exemplaren den "Focus" für die gebildeten Stände macht. Geschmückt mit Namen wie Vargas Llosa, Umberto Eco, Peter Rühmkorf oder Hans Magnus Enzensberger, lässt der Schweizer Rignier-Verlag den ehemaligen "Welt"-Chef, Wolfram Weimer, ein geschmackvoll ausgestattetes Magazin auf den Markt bringen. Rignier, der in der Schweiz Boulevardblätter auf den Markt bringt, ist durch die Intrige um den Botschafter der Schweiz in Deutschland, Borer-Fielding, bekannt geworden: Die unwahren Vorwürfe, Borer habe eine Affäre mit einem Nacktmodell gehabt, kosteten den Mann den Job. Den Verlag kostete es Schmerzensgeld, abgemildert durch eine kräftige Auflagensteigerung.

Der Verlag steht nicht im linken Verdacht, der Chefredakteur erst recht nicht, für ein deutsches Intellektuellenblatt eine schwierige Ausgangslage. Aber Hochglanz, eine gediegene Gestaltung, brillante Fotos und gute Honorare für die Autoren, können die merkwürdigsten Wurzeln begraben. Und das Argument mancher Gast-Schreiber, man wolle den Konservativen nicht alleine das Feld überlassen, ist immer gut für eine nachdenkliche Pose. Dieser Denk-Figur bin ich in den drei letzten Ausgaben von "Cicero" nachgegangen.

Im Mai bekommt Benedikt XVI. geschlagene fünf Druckseiten, um seine These vom "kranken Europa" zu verbreiten. Er sorgt sich, dass die spirituelle Anziehungskraft des Islam wächst, während es Europa an Spirituellem mangelt. Deshalb muss die von ihm konstatierte "europäische Krise" mit "einer größeren Rolle der Religion" geheilt werden. Wer hätte das von Ratzinger gedacht.? Im selben Artikel wird es noch origineller, da macht der neue Papst den Niedergang des preußischen Staates, der ein Vakuum hinterlassen habe, für den Faschismus verantwortlich. Durchaus folgerichtig weiß Chefredakteur Weimer, warum wir es mit einer "Papst-Revolution" zu tun haben: Zum einen wird mit Ratzinger, so Weimer, das "bessere Deutschland, das religiöse, geistige, musische" wieder sichtbar. Will sagen, die Schatten deutscher Vergangenheit sollen vom deutschen Papst überglänzt werden. Zum zweiten sei Ratzinger ein Intellektueller. Auch wenn es sich bei Benedikt XVI. um die seltene Version eines Intellektuellen handelt, der die Inquisition als "Fortschritt" im historische Kontext begreift, ist ihm Bildung nicht abzusprechen. Zum Dritten aber sei der Papst ein Konservativer, das sei "... ein weises Signal." An wen? An die Aids-Toten, die Gebärmaschinen, die Schwulen?

In der Juni-Ausgabe träumt Konrad Adam von einem Europa ohne Türken und stellt fest, die "Deutschen sind unfähig geworden, Fremdes als Fremdes wahrzunehmen." Diese alte, bekannte Unfähigkeit führt zu bekennenden Antisemiten in Höhe von 20 Prozent und der miesen Türkei- Wahlkampfkarte von Frau Merkel, die bei den Wählern nicht erfolglos angewandt werden wird. Damit die Schwarz-Gelbe-Koalition ein wenig lyrische Unterstützung erfährt, darf Bettina Röhl in der selben Ausgabe eine Liebeserklärung an den FDP-Generalsekretär, Dirk Niebel, richten: Sie kennt ihn seit seinem zehnten Geburtstag (kannste mal sehen lieber Leser) jetzt aber habe er abgenommen, und seine "Disziplin scheint er von den Fallschirmspringern zu haben, die gemeinhin in dem Ruf stehen, knallharte Burschen zu sein." Knallhart war Möllemanns letzter Aufschlag und gemeinhin liest man solche Oden auf die "Burschen" bestenfalls in der "Bunten". Ein Herr Malik erzählt, dass der "echte Kapitalismus Wohlstand schafft", kann man mal sehen wie wenig echten Kapitalismus es noch gibt. Frau Merkels mögliche Mannschaft wird vorgestellt und dabei dauerhaft im politische Kaffeesatz gelesen. Und der Dauer-Gescheiterte Christoph Stölzl ist sich sicher, dass der Adel seine Zukunft in der Mitte der Gesellschaft sehen muss. Lieber Herr Stölzl, da sind doch schon fast alle, wie soll der Adel da noch Platz haben?

Der Juli-Cicero fackelt dann nicht lange: Newt Gingrich, ein enger Freund von Bush, behauptet den Verrat der UNO an ihren Idealen und lehrt aus der "Geschichte ...., dass Unschuldige leiden müssen, wenn die Führung nicht entschlossen und effizient handelt." Wahrscheinlich soll die UNO so entschlossen wie die USA im Irak handeln, wo ja nur Schuldige leiden. Auch wenn Gingrich drohend an die 22 Prozent US-Anteil am UN-Budget erinnert, lügt er durch Verschweigen: Wann haben die USA ihre Schulden bei der UNO bezahlt? Christoph Stölzl darf in der selben Nummer ungestraft in einem Artikel über den kommenden "Kultur-Wahl-Kampf" mit der längst widerlegten Spiegel-Falschmeldung einsteigen, Grass, Walser, Staeck und die anderen würden die SPD im Wahlkampf unterstützen und Herr Wagner faselt über Osteuropäer, die immer von den Deutschen verlangen Buße zu tun, die sollten doch lieber vor ihrer eigenen kommunistischen Tür fegen. Ungekrönter Höhepunkt ist die Perma-Kronzeugin gegen die West-Linke, Bettina Röhl. Wer Klaus-Rainer Röhl und Ulrike Meinhof als Eltern hatte, kann sicher nicht auf eine heile Kindheit zurück sehen. Aber bisher gilt eine unglückliche Kindheit nur vor Gericht als Milderungsgrund. Keine Milde darf man empfinden, wenn die Röhl Rudi Dutschke als Scharlatan qualifiziert und seinen 1979er Weihnachtseinkauf "in letzter Minute" als "typisch für den permanenten Weltrevolutionär" bezeichnet.

Eine besonders zarte Versuchung für Intellektuelle ist "Cicero" nicht, eher ein Cicerone ("geschwätziger Fremdenführer", Duden) der durch eine geistig verarmte Landschaft führt und die kleinen Ideen am Wegesrand zu großen Gedanken aufbläst. Da "Cicero" einen Teil des Blattes unter dem Titel "Weltbühne" firmieren lässt, jener legendären von Ossietzky und Tucholsky verantworteten Zeitung, muß an den Unterschied von Stil und Haltung erinnert werden: "Cicero" ist Stil, die dauergeföhnte Fassung irgendeines Anspruchs. "Weltbühne" war Haltung, ernste Auseinandersetzung mit der Macht, bis in das KZ. Das schlimmste was Weimer und Konsorten geschehen kann, ist eine Abo mit Lesezwang der eigenen Zeitung.





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