Unser Autor ist eigentlich Film-Kritiker. Wenn er sich an einer Fussball-EM-Kritik versucht, dann muss Außergewöhnliches geschehen sein. Aber wenn er über einen Meister aus Deutschland schreibt, dann ist es doch eher Paul Celan, als Paul Breitner.

Ich gebe zu, es gibt weit schlimmere, bedrohlichere Verfolgungen, und viele Flüchtlinge, deren Asylanträge in Deutschland kurz und (für die Prüfer!) schmerzlos abgelehnt werden, weil sie aus angeblich „sicheren Herkunftsländern“ stammen, werden meinen Hilferuf wohl als unangemessen betrachten. Aber auch ich fühle mich verfolgt und als Flüchtling, besonders in diesen Tagen seit dem 10. Juni. Aber ich erinnere mich, dass meine Verfolgung eigentlich schon in meiner Jugend angefangen hat. Der Konflikt entstand durch meines Vaters Haupt-vergnügen am Wochenende. Das bestand darin, dass ich ihn begleiten sollte, um auf dem grünen, rechteckig markierten Rasen am Rande unseres Dorfes rund zwei Dutzend erwachsenen, seltsam bunt gekleidet umher rennenden Männern zuzuschauen und dabei gelegentlich laute Rufe auszustoßen.

Mit dem Einzug des Fernsehers in unsere Wohnstube wurde dieses Ritual immer öfter sitzend abgehalten: In einer Sendung namens Sportschau spielten nun statt der bunten Männer aus unserem Dorf auf der Mattscheibe kleine, mir ganz unbekannte Männlein in Schwarzweiß das gleiche Ritual – was mein Verständnis für das seltsame Spiel nicht eben förderte. Ich konnte dem Treiben der „Kicker“ genannten Männer einfach keinen „Kick“ abgewinnen.
Ich verstand nicht, warum jugendliche und sogar erwachsene Männer ständig hinter einem Ball her rannten, diesen sich gegenseitig abjagten, was oft mit heftigen Verletzungen einher-ging, nur um diesen dann doch wieder wegzuschießen. Sehr wertvoll konnte die Lederkugel nicht sein, sonst hätte man sie nicht so heftig mit den Füßen traktiert, und wenn das Ding nicht so teuer war, warum kaufte man dann nicht für jeden Spieler eines, um diesen Streit zu vermeiden? Mein Unverständnis wäre sicher noch viel größer gewesen, hätte ich gewusst, dass die Gagen mancher dieser Kicker den Monatslohn meines Vaters hundertfach und mehr überstiegen. Auch dass sie selbst manchmal in einem modernen Sklavenhandel für Zigmillionen an andere, reichere Vereine verkauft werden, habe ich erst später erfahren.

Bald wurde meine eigentlich einleuchtende Logik zu meiner ersten Fluchtursache, weil mein genervter Vater nicht nur wilde Flüche, sondern auch mal Pantoffeln in meine Richtung feuerte. Als Student in Köln erging es mir kaum besser: Ein Torjubel im falschen Moment in der Kneipe und eine abfällige Bemerkung über den alten Geißbock, den die FC-Fans als Maskottchen verehrten, trugen mir fast Prügel ein. Mir wurde klar, als Fußballbanause ohne FC-Begeisterungsfähigkeit war ich schlicht nicht integrationsfähig. Berlin, die nächste Station meiner Flucht, verehrte zwar keinen Geißbock, war aber offenbar unglücklich verliebt in eine Dame namens Hertha, wie Graffiti überall verkündeten. Mich ließ auch diese Fußballdame völlig kalt, und bis heute kann ich kollektiven Jubelschreien nichts abgewinnen, ganz gleich um welche Tricotfarben, Welt- oder sonstige Turniere es geht.

Nun also plagt mich die Eh-Ämm, der ich offenbar nirgendwo mehr entkommen kann. Zwar wohne ich nicht mehr in der Schöneberger Bülowstraße, wo bei ähnlichen Turnieren der laut hupende und lärmende Autokonvoi jubelnder Fußballfans diverser Nationen mir regelmäßig bis zwei Uhr morgens den Schlaf raubte. Aber auch meine jetzigen Nachbarn aus Italien, Russland, der Ukraine und der Türkei würde ich sicher vergrätzen mit dem Geständnis, dass ich „ihren“ Mannschaften ein möglichst rasches Ausscheiden wünsche - und noch intensiver natürlich der deutschen Elf, deren Fangemeinde mit Fortschreiten des Turniers von einer unübersehbaren Schwarzrotgolditis-Epidemie befallen wird und schon jetzt jedes deutsche Tor mit lauten Böllern begleitet. Beim Bäcker, beim Gemüsehändler, beim Friseur und in meinem türkischen Stammcafé, überall bin ich „abgemeldet“, wenn ich nicht die neuesten EM-Gruppentabellen und Spielerausfälle im Kopf habe. Ich will ja niemandem seine Freude nehmen, auch wenn ich sie nicht teilen kann. Aber es sollte auch Ausweichquartiere geben.

Mit zwei fußballgenervten Freunden will ich beim sonst so ruhigen Griechen in meiner Straße ins Kurzzeit-Exil gehen; doch obwohl Griechenland gar nicht bei dieser EM dabei ist, steht dort ein großer Fernseher mitten im Gastraum und lenkt Koch und Kellner von ihren Aufgaben ab.
„Alles halb so schlimm,“ meinen sie, „in vier Wochen ist alles vorbei“?

Eben nicht! Und das macht alles umso schlimmer. Die Fähnchen und das „Deutschland!“-Gegröle überall werden verschwinden, sobald „WIR“ ausgeschieden sind, aber für das unselige „Deutschland über alles“-Gefühl, das schon so viel Schaden angerichtet hat in der Geschichte, könnten Zeiten wie diese eine Verjüngungskur sein. Schon Brecht wusste: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Und spätestens wenn die Politik sich aufmacht, dieses Land wieder einmal zum Meister der Welt zumachen, werde ich auch ganz real Asyl suchen. Aber bloß wo???