Wahnsinn! Im SPIEGEL komplette fünf Seiten. In der TAGESSCHAU die dritte Meldung, bei "ntv", ZEIT ONLINE, in der FAZ, der DEUTSCHEN WELLE und sogar im verschlafenen TAGESSPIEGEL: Kaum ein Mainstream-Medium wollte die Nachricht zum Wochenende verpassen: "Sahra Wagenknecht startet ihre Sammlungsbewegung im Netz". Geradezu opulent der SPIEGEL, der nicht nur Mit-Sammler wie Antje Vollmer (GRÜNE), Marco Bülow (SPD) und den Schriftsteller Ingo Schulze aufzählt, sondern ein komplettes Interview mit Frau Wagenknecht bringt und eine Art Manifest als Gastkommentar publiziert. Trotz eingestreuter routinierter SPIEGEL-Häme hat die Gier nach Neuem die übliche Denkblockade gegenüber Alternativen überwunden. Möglich ist aber auch, dass die Jahre der Merkelei, die Unwägbarkeiten mit Trump und der sichtbare Verfall der sozialen Netze das verkrustete Denken der Eliten berührt hat. #aufstehen lautet der Titel der neuen Sammlungsbewegung und ist unter der Webadresse www.aufstehen.de zu finden. Und Aufstehen täte not.

Nichts braucht das Land mehr als Aufstehen: Aufstehen gegen Wohnungsnot. Aufstehen gegen Aufrüstung. Aufstehen gegen Armut. Aufstehen für Gerechtigkeit. Ändern müsste sich das Land, das in seltsam hektischem Siechtum seinem inneren Zerfall entgegensteuert. Recht und Gesetz sind längst auf der Motorhaube von Diesel-Autos geopfert. Die Eliten verharren in Denkmustern von gestern: Profit ist immer gut, wenn ich ihn einstreichen kann. Die da unten sind verunsichert. Hin und her gejagt von Medien, die Diener ihrer Regierung und der Anzeigenkunden sind. Verängstigt auch vom Fremden. Gern hätten viele es so wie früher. Verzagt auch, weil die alte soziale Hoffnung, die man in SPD und Gewerkschaft gesehen hatte, schrumpft und schrumpft und schrumpft. Die wachsende Zahl von Angstwählern wählt AfD: Die hat den Flüchtling als billigen Schuldigen entdeckt. Es ist an der Zeit, Volksbildung zum Programm guter Politik zu machen. Das wäre die Aufgabe der organisierten Linken: Sie ist in den Arbeiterbildungsvereinen der 1830er Jahre entstanden, rund um die Geburt einer deutschen Nation. Doch die von unten kommen nicht von selbst zu den Bildungsangeboten der verschiedenen linken Organisationen. Und die wiederum gehen nur selten noch nach unten. So bleibt nur das Lernen in der Aktion, in der Bewegung.

Wer auf die Website der Sammlungsbewegung geht, findet Video-Statements einzelner Menschen, die ihre Themen zum öffentlichen Anliegen machen: Von der galoppierenden Armut über den Reichtum zum Abkotzen bis zum Wohnraum, der wieder bezahlbar sein muss. Und alle eint die Überschrift: DEN BÜRGERINNEN UND BÜRGERN MUSS ZUGEHÖRT WERDEN! Was der User nicht findet, ist die Bewegung und auch nicht die Bewegten. Denn dem Aufstehen muss das Widersetzen folgen. Damit die Herrschenden sich nicht einfach wieder bequem setzen können, müssen sich die da unten nachdrücklich selbst auf die Tagesordnung setzen. Und fraglos sind im Land manche in Bewegung geraten: Die von der Mieterbewegung, von der Friedensbewegung oder der Umweltbewegung. Es wäre die große Kunst, sie alle zu sammeln. Das im SPIEGEL veröffentliche "Manifest" der beginnenden Sammlungsbewegung verlangt, "einen Raum für eine wirklich offene Debatte zu schaffen darüber, wie das Gegenkonzept zum herrschenden Politikmodell der vergangenen 30 Jahre aussehen könnte." Sicher hat diese oder jener bereits ein Gegenkonzept. Doch fraglos mangelt es an einem organisierten Raum, in dem die unterschiedlichen Konzepte nicht nur gemeinsam diskutiert werden könnten, sondern aus der Debatte in die gemeinsame Aktion mündeten. Wenn die gerade erst begonnene Sammlungsbewegung das leisten würde, hätte sie eine wichtige Hürde überwunden. Jene Schwelle, hinter der jede Strömung, jede Fraktion der unterschiedlichen Linken für sich werkelt und alles besser weiß als die anderen. Die erste Zielmarke der Bewegungs-Sammler ist ihr offizieller Start am 4. September.

Das "Manifest" der Sammlung beginnt mit dem Satz "Ein Gespenst geht um in Deutschland, die neue linke Sammlungsbewegung." Mit Verlaub, liebe Sammler: Das ist ein gewichtiges Zitat aus dem historischen Kommunistischen Manifest. Was allerdings bisher zu sehen und zu lesen ist, das ist noch kein Gespenst, das die Herrschenden erschreckt. Das ist eher ein lautes Pfeifen im Wald. Aber der offizielle Start der Sammlungsbewegung ist erst der 4. September. Bis dahin bliebe Zeit zum Sammeln der Kräfte.

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Ich halte den Versuch von Wageknecht und anderen für eine Hoffnung auf Veränderung, die dringend notwendig ist.

Sven Bethge
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Es ist an der Zeit Bewegung in das gelähmte Land zu bringen. Wenn das mit der Sammlung nicht klappt, dann war es das für lange Zeit.

Bernd Hoffmann
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Die Website der Bewegung ist jedenfalls so unprofessionell wie möglich: Kein erkennbarer Absender, kein Hinweis auf die nächsten Schritte, nicht mal eine Zusammenfassung der Ziel. War´s das?

Hannes Willman
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Bewegung tut not. Eine Einigung der LINKEN wäre die die Voraussetzung.

Maria Händler
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Die Freude und Erwartung kann noch gesteigert werden, wenn das Ziel der Sammlung weit über das hinausgeht, was der "Sozialstaat" mit der Schonung des Großkapitals "geleistet" hat.

Harry Popow
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Die Gewählten aus allen Parteien missachten ihren Amtseid, in dem sie schwören, Schaden vom Volk zu wenden und seinen Nutzen zu mehren. Sie haben ihre vom Volk auf Zeit verliehene Macht in den Dienst von Herrschaft gestellt. Herrschaft ist das,...

Die Gewählten aus allen Parteien missachten ihren Amtseid, in dem sie schwören, Schaden vom Volk zu wenden und seinen Nutzen zu mehren. Sie haben ihre vom Volk auf Zeit verliehene Macht in den Dienst von Herrschaft gestellt. Herrschaft ist das, was über Leichen geht. Herrschaft sorgt dafür, dass Werte, die durch Arbeit geschaffen werden, von Arm nach Reich, von Süd nach Nord und von Öffentlich nach Privat verschoben werden.
Das Volk, von dem alle Staatsgewalt ausgeht, steht vor der Aufgabe, sich seine Macht wiederzuholen: Demokratie als Regierung des Volkes, für das Volk, durch das Volk tritt an die Stelle der Herrschaft des Einen Prozents für das Eine Prozent durch das Eine Prozent.
Auf dem Boden des Grundgesetzes und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 treffen sich Bürgerinnen und Bürger ALLER Farben und fordern das GUTE LEBEN FÜR ALLE, dessen Grundbestandteile von zwei britischen Autoren - Robert und Edward Skidelsky - benannt werden: Gesundheit, Sicherheit, Respekt, Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur, Freundschaft, Muße.

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Heinrich Triebstein
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Johannes M. Becker, P
Ein sehr fairer Kommentar von Dir, lieber Uli.
Ganz im Gegensatz zu so einigem, was mensch da aus der LINKEn liest (von nun verängstigten HARTZ-Konstrukteueren in der SPD und kriegstreibenden GRÜNEN zu schweigen) - unsäglich!
G...

Johannes M. Becker, P
Ein sehr fairer Kommentar von Dir, lieber Uli.
Ganz im Gegensatz zu so einigem, was mensch da aus der LINKEn liest (von nun verängstigten HARTZ-Konstrukteueren in der SPD und kriegstreibenden GRÜNEN zu schweigen) - unsäglich!
Geben wir dem #aufstehen eine Chance, stehen wir mit auf!

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Johannes M. Becker, Privatdozent Dr., Friedensforscher
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"Was allerdings bisher zu sehen und zu lesen ist, das ist noch kein Gespenst, das die Herrschenden erschreckt. Das ist eher ein lautes Pfeifen im Wald. Aber der offizielle Start der Sammlungsbewegung ist erst der 4. September. Bis dahin bliebe...

"Was allerdings bisher zu sehen und zu lesen ist, das ist noch kein Gespenst, das die Herrschenden erschreckt. Das ist eher ein lautes Pfeifen im Wald. Aber der offizielle Start der Sammlungsbewegung ist erst der 4. September. Bis dahin bliebe Zeit zum Sammeln der Kräfte."
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Werter Uli,

wie war das noch gleich....?

"Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt!"

Ich freu mich drauf, denn "allem Anfang wohnt ein Zauber inne!"

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Andreas Buntrock
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Wenn die SammlungsBEWEGUNG in Bewegung käme, wäre das Sammeln leichter. Das Misstrauen gegen die Linke ist mittlerweile so verbreitet, dass es eines realen Beweises bedürfte, dass man wirklich was bewegen will. Dieser Beweis kann nur erbracht...

Wenn die SammlungsBEWEGUNG in Bewegung käme, wäre das Sammeln leichter. Das Misstrauen gegen die Linke ist mittlerweile so verbreitet, dass es eines realen Beweises bedürfte, dass man wirklich was bewegen will. Dieser Beweis kann nur erbracht werden, wenn man sich schnellstens bewegt und nicht wartet, bis etwa eine gewisse Größe erreicht ist. Promis, die werben, reichen schon lange nicht mehr.

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Christel Buchinger
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"Ein Gespenst geht um in Europa, die neue linke Sammlungsbewegung."
Wofür muss Karl Marx denn noch alles herhalten ? Er und einige andere würden sich im Grabe umdrehen.
Um im Vorfeld gleich einiges klarzustellen, nämlich, wie mit S.W. in der...

"Ein Gespenst geht um in Europa, die neue linke Sammlungsbewegung."
Wofür muss Karl Marx denn noch alles herhalten ? Er und einige andere würden sich im Grabe umdrehen.
Um im Vorfeld gleich einiges klarzustellen, nämlich, wie mit S.W. in der eigenen Partei umgegangen wird, wie sie auf dem Parteitag in übelster Weise mit Hass, insbesondere von Senatorin Breitenbach überschüttet wurde war an Niedertracht , Häme, Neid, Missgunst, um von dem eigen Mist, den man in politischer Verantwortung produziert, mehr oder weniger erfolgreich abzulenken kaum noch zu überbieten, es sei denn man nehme noch die Versuche Frau Wagenknecht in die Nähe der völkischen AfD rücken zu wollen.
Das ist nur noch unterste Stufe, unterhalb der Gürtellinie und wie ich finde eine persönliche Beleidigung.
Frau Kipping mit ihrem: "Links von der cDu" haut dann dem Fass den Boden raus.
Zur Sache:
Gelernt habe ich vor langer Zeit, dass Bewegungen aus der Arbeiterklasse (sie gibt es noch, nur sie ist nicht revolutionär) aus den Bedingungen heraus entstehen und niemals von oben verordnete werden können, geschweige denn Bewegungen anderer Länder auf unsere Verhältnisse übertragen werden können.
Von Varoufakis DIEM 25 abgekupfert und die abgelutschten, mittlerweile inflationären Begriffe, wie Freiheit, Gerechtigkeit nutzen denen, die ihr Leben täglich aufs neue unter schwierigsten Bedingungen meistern müssen werden einen Dreck. Begriffe werden als als bedeutungslos erkannt, wenn sie nicht konkret die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Menschen verbessern.
Worauf bezieht sich die "Sammlungsbewegung?"
Ohne Historie, ohne "Schultern auf denen" man sicher stehen kann wird jede Bewegung verpuffen, keinen Wert haben, weil nur das was Sinn hat, auch Wert hat. (Marx)
Wo soll denn die Reise hingehen ?
Genug oft werden die Probleme im Land benannt, nur irgendwann wird das nicht mehr genügen und man will Antworten auf die bestehenden Verhältnisse im Land. "Die soziale Frage," die im Kapitalismus eher eine lästige bleiben wird und die daraus entstandenen Frage der Umverteilung im System bleiben auf Dauer zu wenig.
Länderübergreifend gibt es politische Forderungen, die was mit Internationalismus zu tun haben.
Wo finde ich die Beantwortung folgender Fragen:
Aus der NATO raus. NATO ?
Kapitalismus wird niemals veränderbar sein; weil er seine eigenen Gesetzmäßigkeiten hat, denen er folgen muss. Kapitalismus ?
Umverteilung ?
Ich kann an keiner der Bewegungen einen wirklich revolutionären Charakter entdecken und sie werden nie für die Herrschenden im Land gefährlich werden können, denn den Mut zu haben sich schonungslos mit Analyse, Sachverstand und Mitgefühl einer Antwort nähernd kann dann nur die sein, dass der Kapitalsmus weg muss um eine menschenwürdige Gesellschaft aufbauen zu können, denn beides geht nicht, weil es immer der Klassenkampf bleiben wird, bis es irgendwann einmal zum "letzten Gefecht" kommt.
Spätestens als ich das Buch von S.W. "Reichtum ohne Gier," (keine Werbung)! etwas grundsätzlicher gelesen habe ist die politische Entwicklung von S.W ziemlich klar.
Gelobt wurde Ehrhardt, der dicke, mit der Zigarre im "Wirtschaftswunderland" Deutschland, dass nach 1945 mit dem Marshallplan beglückt wurde, um den Ami Konzernen möglichst viel gutes zu tun und das und einiges mehr hat mich noch mehr stutzig werden lassen.
Die "revolutionäre Theorie"auszutauschen gegen den Muff und Mief einer zutiefst reaktionären und bis heute, wo Faschismus, strukturell bedingt nicht einmal in Ansätzen so verarbeitet wurde, dass ich meinem kommunistischen Vater und all seinen Freunden und Mitkämpern, wenn sie noch lebten in die Augen schauen könnte, um ihnen sagen zu können, dass wir aus der grausamen, blutigen und entsetzlichen Geschichte soviel gelernt haben, wie es uns der Schwur von Buchenwald am 11.4.1945 (Tag der Selbstbefreiung der Häftlinge von Buchenwald) ins Stammbuch geschrieben hat: "........wir werden unseren Kampf erst einstellen, wenn auch der Letzte vor den Richtern der Völker stehen wird."
In dieser Tradition, in dieser Geschichte werde ich immer dabei sein und fortschrittliche Bewegungen unterstützen. Bei dieser "Sammlungsbewegung" werde ich nicht dabei sein können, denn die Wahrheit ist immer konkret.

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Ulrike Spurgat
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Mir scheint, dass eine fundamentale Kritik erst möglich ist, wenn das Fundament sichtbar wird. Offenkundig nicht vor dem 4. September

Uli Gellermann
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