Neulich in der Ukraine: Der NATO-Generalsekretär verspricht der ukrainischen Militärindustrie beträchtliche Gewinne, wenn das Land der NATO beitritt. Das konnte man in deutschen Medien nicht lesen oder hören. Im Land der beliebten NATO-Erweiterungen, im Land der neuen, militärverstärkten Außenpolitik, war nur von "Sicherheitspartnerschaft" die Rede, von der Unterstützung des "Demokratisierungsprozesses". Wer immer sich in Deutschland kritisch zur Ukraine äußert, steht gern im Verdacht, die "orangene Revolution", die Bewegung der Dame mit dem völkischen Zopf auf dem Kopf und ihres temporären Partners, Viktor Juschtschenko, zu missachten und die Außenpolitik Russlands zu unterstützen.

Doch selbst die polnischen Nachbarn der Ukraine, sicher nicht als russophil bekannt, halten die orangene Ukraine nicht mehr für das Höchstmass an Demokratie, seit es in der Westukraine, anlässlich des 100. Geburtstags von Stepan Bandera, eine Serie von Feiern und Denkmalsprojekten für den ausgewiesenen Antisemiten, Polenfeind und alten Kumpan der deutschen Nazis gab. Stepan Bandera war in den Mord des Außenministers der 2. polnischen Republik verwickelt und verantwortlich für die Erschiessung polnischer Professoren in Lemberg (Lwiw), genau dort, wo ihm Anhänger der orangenen Revolution nun ein Denkmal setzen wollen. Dass im Zuge der Bandera-Verherrlichung Denkmale der Roten Armee, der Erinnerung des Sieges über Hitler-Deutschland, verschwinden sollen, versteht sich.

Im orangenen Bündnis der Timoschenko-Juschtschenko-Gruppe hält sich hartnäckig der Glaube, dass mit Stepan Bandera eine Figur der nationalen Einheit gefunden ist. Dass sich die Bandera-Leute in der SS-Division Galizien ebenso wiederfanden wie im ukrainischen Wehrmachtsbataillon "Nachtigall" irritiert die neuen Patrioten nicht. Im Gegenteil: Ukrainische Mitglieder von Nazi-Formationen erhalten staatliche Pensionen. Wer die Pension des Stepan Bandera gezahlt hat, der in den fünfziger Jahren, trotz seiner Verantwortung für den Massenmord an Juden, unbehelligt in München lebte, ist nur zu vermuten. Immerhin war einer seiner Fürsprecher in der Bundesrepublik Theodor Oberländer, ehemaliger Ukraine-Referent der Wehrmacht und späterer Vertriebenenminister.

Ein wesentlicher Beweggrund der USA, die Ukraine zum NATO-Partner zu machen, ist der russische Marinestützpunkt in Sewastopol: Von dort ist die Kontrolle des Schwarzen Meeres möglich. Und wer das Schwarze Meer kontrolliert, der verfügt auch über die beträchtlichen Öl-Reserven der Region. Nicht zuletzt über jene noch nicht erschlossenen Öl- und Gasvorkommen, die im Schelf des Schwarzen Meeres lagern. Bei solchen Aussichten dürfen Nazi-kontaminierte "Patrioten" nicht stören. Deshalb finden sie in der westlichen Berichterstattung kaum Erwähnung.

Auch die Sprachen-Situation, wesentliches Element des nationalen Selbstverständnis, fällt unter den Berichterstattungstisch: Zwar sprechen etwa zwei Drittel der Ukrainer die ukrainische Sprache, aber annähernd genau so viele sprechen auch Russisch. Im Alltag hat sich "Surschyk", ein Mix aus Russisch und Ukrainisch eingebürgert. An vielen Universitäten wird ausschließlich Russisch gesprochen. In den deutschen Medien aber wird gern von einer Ukrainischen Nation berichtet, die es in dieser reinen Ausprägung kaum gibt.

Trotz der historischen und geografischen Nähe zu Russland, wünscht der Westen eine Ukraine, deren Perspektive in der EU und der NATO besteht. Wenn jedoch eine Mehrheit der Ukrainer einen NATO-Beitritt nicht befürwortet, dann liegt das auch an den Erfahrungen mit einer anderen westlichen Organisation: Der IWF unterzog das Land seiner bekannten Schocktherapie, ein Schock, von dem sich nur die Neureichen erholt haben. Die meisten Ukrainer leiden immer noch darunter.

Die Lage in der Ukraine schmeckt nach Jugoslawien: Der Appetit der westlichen Staaten auf Landgewinne, neue Märkte, Rohstoffe und auf die Destabilisierung Russlands ist ungebrochen. Und wer glaubt, die Bundesregierung sei nicht interessiert, der muss sich nur an dem neuen Kunststaat Kosovo erinnern oder nach Afghanistan blicken. Das Wort Imperialismus ist unmodern geworden, seine Bewegungsform ist virulent.

Kommentare (2)

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Es "schmeckt" eher nach alter Sowjetherrlichkeit wenn Sie sich Sorge um die Einkreisung Russlands machen. Ein Riegel vor Russlands neuem Rohstoffimperialismus kann nicht schaden.

Heiner Bader
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Riegel vor Erdgasleitungen?

Uli Gellermann
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