Ein Polit-Märchen

Vom Antisemitismus der Linkspartei

Autor: U. Gellermann
Datum: 20. Juni 2011

Im "Kerker des Antisemitismus" sieht Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der deutschen Juden, die Linkspartei und meint, in diesen Kerker habe sich die Partei selbst begeben. Graumanns Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" ist nicht die erste grobe Lüge über linken Antisemitismus, aber er ist, wegen der Funktion des Autors, die bisher gewichtigste. Und er ist ein Muster der Methode, wie man Antisemitismus erfindet, wenn man ihn braucht. In Bremen zum Beispiel soll die dortige Linkspartei das Existenzrecht Israels als Hirngespinst bezeichnet haben. Behauptet Graumann. Wahr ist: In einer Leser-Debatte auf der Website der Linken hat irgendjemand diesen kapitalen Unsinn platziert. Dass die linke Bundestagsfraktion schon im letzten Jahr auch "wegen der furchtbaren Verbrechen der Deutschen an den Jüdinnen und Juden" das Existenzrecht Israels deutlich unterstrich, weiß Graumann zwar, aber das ist für ihn, weil er diffamieren will, als Faktum nicht brauchbar.

Für weitere Fälschungen muss die DDR herhalten, in der laut Graumann "nur allzu oft die jüdischen Opfer ausgeblendet wurden". Mal abgesehen davon, dass die Linkspartei nicht die DDR ist: Drei Mitglieder des allmächtigen Politbüros der SED, (Axen, Hager, Norden) waren jüdischer Herkunft, undenkbar im anderen deutschen Staat. Als 1962 der DDR-Schriftsteller Franz Fühmann mit seiner Erzählung "Das Judenauto" den Holocaust thematisierte, kam das Wort "Auschwitz" in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik einfach nicht vor. Dass Schriftsteller jüdischer Herkunft, wie Anna Seghers, Arnold Zweig oder Peter Edel, aus dem Exil oder dem Konzentrationslager kommend, die DDR als ihren Staat begriffen: Das alles weiß Graumann natürlich, wie er auch wissen könnte, dass der erste deutsche Roman, der sich mit der Vernichtung der Juden auseinandersetzte, zu einer Zeit in der DDR erschien, als die Bundesrepublik von einem Kanzler mit Nazi-Parteibuch regiert wurde. Aber wenn man eine dringend notwendige Kampagne führen will, dann ist die Wahrheit häufig hinderlich.

Und eine Kampagne gegen die Linkspartei ist - in den Augen des deutschen Mainstreams - unbedingt nötig. Denn im September steht die internationale Anerkennung eines palästinensischen Staates auf der Tagesordnung. Die einzige deutsche Partei, die diese Anerkennung offen unterstützt, ist eben die LINKE. Da ist dann jeder absurde Vorwurf recht, wenn Graumann zum Beispiel vom "pathologisch blindwütigen Israel-Hass" in der LINKEN schreibt und wissen könnte, dass er mit dem Begriff "pathologisch", also "krankhaft", das Vokabular der Nazis gegen Andersdenkende benutzt. Aber wenn man den Nahost-Konflkt friedlich lösen will, dann muss man anders denken als Graumann, dem dazu nur die Rundum-Verteidigung Israels einfällt, darin der sturen Politik Netanjahus blind folgend und vom "jüdischen Staat" sprechend, obwohl mehr als 20 Prozent der israelischen Staatsbürger ganz sicher keine Juden sind.

Natürlich nutzt Graumann gern das alte, schlechte Argumentationsmuster der Einseitigkeit: Warum es denn keine linke Kritik an der Hamas gäbe und ein linkes Schweigen, "wenn es um die Steinigung von Frauen" ginge, fragt der Zentralrats-Chef rhetorisch. Hat man von Graumann schon mal Kritik an der aggressiven israelischen Siedlungspolitik gehört, oder auch nur einmal an den deutschen Waffenlieferungen an das finstere Saudi Arabien? Einmal mehr begreift sich der Zentralrat der Juden in Deutschland als Agentur israelischer Regierungspolitik. Dass es auch in Israel kritische Stimmen zur Betonpolitik Netanjahus gibt, dass in der Lösung des Nahostkonfliktes auch der Schlüssel zur Wandlung der arabischen Länder liegt, scheint dem Präsidenten des Zentralrates völlig gleichgültig zu sei. Er gehört zu denen, die nur zu gern die LINKE in einem Kerker sehen wollen, der das alternative Denken verbietet. Dass solche Denkverbote den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis nur verschärfen, ist ihm offenkundig gleich. Aber so ist es mit ideologischer Einseitigkeit: Sie macht dumm.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 27. Juni 2011 schrieb Rüdiger Becker:

Glückwunsch zu Ihrem Antisemitismus-Beitrag, leider etwas spät gelesen. Dass die Israel-Lobby einen persönlichen Betreuer ansetzt, der Sie in Endlos-Diskussionen verwicklen soll, ist schon fast ein Ritterschlag. Denn es zeigt: Wieder mal den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber: Erst wenn Ober-Lobbyist Henryk B., zumindest aber ein Herr Bartsch, derzeit noch bei der "LINKEN", sich Ihrer annimmt, tun Sie den Konflikt-Lösungsgegnern wirklich weh. Also: Bleiben Sie dran!


Am 24. Juni 2011 schrieb Henner Michels:

Werter Ulrich Gellermann,

Herr Louis Levy schreibt auch in einem angeblich gegen "linken Antisemitismus" gerichteten Forum, in dem ich mit Zuweisungen wie Borderliner, bi-polar, Idiot, Arschloch, Beton-Michels etc. bedacht werde.
Dies mit Verweis auf meine langjährige Arbeit als Fernsehjournalist und mit Hinweisen auf die mich beauftragenden Sender.

Seit gestern gelten auch Sie, Herr Gellermann, "dort als Antisemit".
So viel zur Seriosität dieses Forums .


Am 23. Juni 2011 schrieb Louis Levy:

Zu Ihrer "Antwort": Sie sind auf keine meiner Fragen eingegangen. Wenn Sie mich nicht getroffen haben, so lag das entweder an unserer unterschiedlichen Biographie oder ggf. auch nur an nur an Ihrer eingeschränkten Wahrnehmung, denn auch ich habe mich körperlich engagiert! Aber das führt nur vom Thema weg. Ich bitte Sie auf meine Fragen einzugehen.

Diese Form, wie Sie Juden, respektive Herrn Graumann mit Nazis vergleichen, wird oft als Antizionismus ausgegeben und bezeichnet man als sekundären Antisemitismus. Dieser speist sich aus Gefühlen der Scham und der Abwehr eines Eingeständnisses der im Namen der eigenen Nation begangenen Verbrechen. Dies wird auch als Schuldabwehr-Antisemitismus oder Erinnerungsabwehr bezeichnet. Diese Muster kennzeichnet das berühmte Bonmot des israelischen Psychoanalytikers Zwi Rex:
"Die Deutschen werden den Juden Auschwitz niemals verzeihen."

Sekundärer Antisemitismus ist demnach ein Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz.

Der sekundäre Antisemitismus verzichtet auf unmittelbar judenfeindliche Äußerungen und bestreitet jede antisemitische Motivation. Stattdessen bedient er sich Argumentationsstrategien, die über eine Verschiebung des Opfer-Täter-Koordinatensystems Vorbehalte und Feindseligkeit gegen Juden transportieren.

Antwort von U. Gellermann:

Da Ihr erster Brief eine Reihe unbewiesener und polemischer Behauptungen enthielt, schienen mir die Fragen nicht ernsthaft genug für eine detaillierte Antwort. Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: Sie fragen nach der linken Kritik an der Hamas. Da müsste ich zurückfragen, wann denn die israelische Regierung sich selbst dafür kritisiert hat, dass sie die Hamas vor Jahren als Konkurrenz zur Fatah gefördert hat und so zur Destabilisierung der Region beitrug. Zum Schluss der Debatte wären wir bei der essentiellen Frage angelangt, warum denn ausgerechnet die Araber die schwere deutsche Schuld büßen müssen.

Zur Ihrer Unterstellung, ich würde den "Tatbestand des Antisemitismus erfüllen", die angesichts meiner Biografie ungewöhnlich absurd ist, füge ich noch an, dass ich für meine Anti-Antisemitische Haltung bei der Bekämpfung der NPD sogar vor Gericht stand.

In Ihrem zweiten Leserbrief wiederholen Sie Ihre diffamierende Behauptung: "Diese Form, wie Sie Juden, respektive Herrn Graumann mit Nazis vergleichen, wird oft als Antizionismus ausgegeben und bezeichnet man als sekundären Antisemitismus" (s. o.).

Zur Erinnerung, ich schreibe: "wenn Graumann zum Beispiel vom "pathologisch blindwütigen Israel-Hass" in der LINKEN schreibt und wissen könnte, dass er mit dem Begriff "pathologisch", also "krankhaft", das Vokabular der Nazis gegen Andersdenkende benutzt." Ich schreibe nicht im Plural, wie sie behaupten, sondern nur über Herrn Graumann und seinen Artikel. Auch ihn, der mit dem Wort "krankhaft" eine ziemlich eklige Diffamierung benutzt, vergleiche ich nicht mit den Nazis, sondern benutze einen Konjunktiv, der sich auf seine Kenntnisse der Herrenmenschen-Sprache bezieht.

Falls Ihre Antisemitismus-Exegese Teil Ihrer Sorge um Israel sein sollte (eine Sorge, die ich erkennbar in meinem Artikel äußere), dann sollte Sie sich gegen die aggressive Siedlungs- und Blockade-Politik der Regierung Netanjahu wenden. Denn die verschärft den Konflikt von Juden und Arabern in Israel und Palästina. Und da beide Gruppen Semiten sind, ist Netanjahu ganz besonders antisemitisch.


Am 22. Juni 2011 schrieb Henner Michels:

Lieber Ulrich Gellermann,

ein guter pointiert geschriebener Beitrag.
Gerne gelesen, die Inhalte kann ich teilen - auch ohne Mitglied der Linkspartei zu sein.

In der Rationalgalerie werde ich nun häufiger zu Gast sein.

Antwort von U. Gellermann:

In der Linkspartei bin ich auch nicht. Aber ich habe ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden.


Am 21. Juni 2011 schrieb Renate Dorfstecher:

Kommentar zum Leserbrief zu Louis Levy: Ob die LINKE die Hamas kritisierte weiß ich nicht. Sicher weiß ich, dass die israelische Administration vor Jahren die Hamas gehätschelt hat, um sie als Konkurrenz zur Fatah aufzubauen. Und ebenso sicher weiß ich, dass die israelische Regierung dazu noch kein Wort der Selbstkritik geäußert hat.


Am 21. Juni 2011 schrieb Louis Levy:

Was sagen Sie, Herr Gellermann, zur Beteiligung von Linken, die 2010 auf einem Schiff mitfahren, einem angeblichen Hilfskonvoi radikaler Islamisten, die eine israelische Seeblockade vor der Küste des Gaza-Streifens durchbrechen wollten, bei dessen Abfahrt schon "Tod allen Juden" skandiert wird oder zum Boykottaufruf israelischer Waren oder z.B zur Abgeordnete Inge Höger, die auf dem "Hilfsschiff" schon zugegen war und nun mit einem Schal auftritt, der die Region mit und um Israel ohne den jüdischen Staat zeigt?

Die Frage "Warum es denn keine linke Kritik an der Hamas gäbe und ein linkes Schweigen, "wenn es um die Steinigung von Frauen" ginge, ist leider keine rhetorische. Wo findet man denn Kritik an der Hamas in dem Maß wie an Israel?

Im Übrigen erfüllen Sie selbst, Herr Gellermann, nach den Regeln der Antisemitismusforschung, den Tatbestand von Antisemitismus in dem Punkt, wenn Sie Herrn Graumann wegen der Verwendung des Wortes "pathologisch" mit Nazis vergleichen.

Antwort von U. Gellermann:

Als ich mich, in den 60er und 70er Jahren, mit der NPD und deren Antisemitismus auch körperlich auseinandergesetzt habe, war Herr Graumann nicht dabei. Auch Sie habe ich damals nicht getroffen.


Am 21. Juni 2011 schrieb Arno Gerber:

Welcher Roman aus der DDR soll sich denn angeblich mit dem Holocaust beschäftigt haben?

Antwort von U. Gellermann:

"Die Bilder des Zeugen Schattmann", Peter Edel, 1969 in der DDR erschienen, als im Westen Kurt Georg Kiesinger Kanzler war, Nazifunktionär bis 1945.


Am 20. Juni 2011 schrieb Reinhard Blomert, Leviathan Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft:

Sehr differenziert - danke! So etwas liest man leider selten.


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