Der Aufschwung ist in Gefahr! Mahnend ruft es aus den Reihen der Wirtschaft. Es gäbe welche in SPD und Union, die wollten die Kernpunkte der Agenda 2010 aufweichen. Ein Brief der Verbände an die Parteispitzen erreicht die Öffentlichkeit. Der Bürger, der das in der Bildzeitung, im Spiegel und anderen höchst anspruchsvollen Blättern lesen muss, zuckt zusammen: Da will doch der SPD-Vorsitzende den alten Arbeitslosen tatsächlich das Arbeitslosengeld länger zahlen. Und warum? Nur weil er Konkurrenz von den Linken fürchtet. Und was kommt dabei heraus? Der wirtschaftliche Niedergang des Landes, ein Abgrund von Wirtschaftsverrat.

Noch geht es den Deutschen gut wie nie: Sie leben gern mit der höchsten Inflationsrate der letzten Jahre, sie können sich an den drastisch steigenden Preisen für Strom, Gas und Arznei herzlich erfreuen und wenn immer mehr Arbeitslose in die Reihen der Aufstocker, derjenigen, die vom Lohn für ihre Stelle nicht leben können, geraten, dann ist auch das eine Aufwärtsbewegung. Wenn die Nettolöhne in Deutschland so niedrig sind wie vor zwanzig Jahren, dann wird es auf das Schönste dadurch ausgeglichen, dass von 1991 bis heute die Arbeitsproduktivität um fast ein Viertel gestiegen ist. Da freut sich die Rationalisierungsbranche, da kann der Ein-Euro-Jobber nur grinsen: Er leistet mehr, bekommt aber weniger, das schwingt auf.

Immer wieder gibt es solche, deren Sozial-Neid versucht, das schöne Gemälde der Wohl-Fühl-Republik in eines der Wohl-Feil-Republik umzupinseln. Nur weil der Deutsche Richtertag jüngst feststellte, dass vor deutschen Gerichten »der Reiche bevorzugt und der Arme benachteiligt wird«. Ja, und? Soll es denn umgekehrt sein? Warum sollte denn das, was sich an unseren Schulen und Universitäten bewährt hat, eine scharfe soziale Auslese, vor Gericht plötzlich ganz anders werden. Gerade mit dem universitären Modell sind wir doch erfolgreich: Zwar hat sich der Anteil der Studenten nur um fünf Prozent erhöht, während sich die anderen Industrienationen Zuwachsraten von vierzig Prozent durchschnittlich leisten, aber dafür gibt es bei uns auch mehr Gedränge: An der Elite-Hochschule München zum Beispiel studieren 43.000 obwohl sie nur für 25.000 ausgelegt ist, da werden selbst die Stehplätze in den Hörsälen knapp.

Unheimlich kann einem werden, wenn man an die Folgen eines verlängerten Arbeitslosengeldes denkt: Alte Arbeitslose könnten ein halbes Jahr später Hartz IV beziehen, das würde den Druck auf die Faulpelze beträchtlich mindern. Denn natürlich gibt es für Menschen über fünfzig Arbeitsplätze ohne Ende, vor denen sich die alten Säcke nur drücken wollen. Briefträger bei den Billig-Konkurrenten der Post können sie werden, Wachleute bei Sicherheitsfirmen, die glatt drei Euro die Stunde zahlen oder auch Zettelverteiler bei Unternehmungen, die sonst nur Illegale beschäftigen. Wie soll die Wirtschaft ein verlängertes Arbeitslosengeld verkraften? Gar nicht, schreiben die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft an die SPD und die CDU, denn wenn die Arbeiter und Angestellten nicht willig sind, dann gehen der Wirtschaft auf Dauer die gewaltigen Profite flöten und das könnte das Justiz- und Schulsystem umstürzen. Das will doch wohl keiner.

Dass die FDP keinen blauen Brief von der Wirtschaft bekommen hat, versteht sich: Niemand setzt sich so sehr für Armut in Freiheit ein, wie die FDP, die weiß schon worauf es ankommt. Der LINKEN einen solchen Brief zu schreiben hieße Papier vergeuden, diese Krypto-Kommunisten warten ja nur darauf, mit einer Alte-Leute-Armee den Umsturz herbeizuführen. Immerhin sind Gysi, Lafontaine und Bisky deutlich über Fünfzig. Aber warum die GRÜNEN keinen Brief bekommen haben, erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Die sind zur Zeit einfach zu beschäftigt, um Briefe zu lesen. Sie arbeiten an ihrem neuen Logo. Drei Varianten liegen den Landesverbänden zur Entscheidung vor, auf der Bundesdelegiertenkonferenz im November soll dann das neue Etikett verabschiedet werden. Mal steht die Sonnenblume im Entwurf rechst, mal links, mal eher mittig: Da ist der Richtungsstreit schon programmiert. Keine Frage, in der Wohlfeil-Republik gelten die Etiketten mehr als aller Inhalt. Und die GRÜNEN sind außerdem eine ganz, ganz junge Partei.

Die Wirtschaft, vertreten durch ihre Verbände, hat mit ihrem Brief erneut klar gemacht, was sie angeht: Alles. Ob Klimaschutz, ob Außen-Öl-Politik, ob Almosenfrage, alles geht die Wirtschaft an. Es soll, sagen erfahrene Exegeten, schon in den Apokryphen stehen: Gebt der Wirtschaft was der Wirtschaft ist, sonst schwingt ihr ab.

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