Die ersten Seiten der Zeitungen und die Spitzenmeldungen der elektronischen Medien geben der Hoffnung ein Gesicht. Es gehört dem Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise: Er sieht eine Wende auf dem Arbeitsmarkt. Immerhin sank die Arbeitslosenquote um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Miesmacher erwähnen zwar, dass es immer noch 3,995 Millionen Arbeitslose gibt, aber das kann den Optimismus nicht bremsen: Es geht aufwärts!

Jetzt wird erstmal Geld gesammelt, verlautet aus der Bundesagentur. Für einen oder mehrere Blumenstrauße, die Herrn Dr. Peter Hartz, dem Erfinder der gleichnamigen Reform überreicht werden sollen. Denn, so der Chef der Agentur für Arbeit, durch Hartz IV wird den Faulenzern Beine gemacht: "Wenn jemand aus der Mittelschicht entlassen wird, lässt er sich nicht mehr darauf ein, eine Auszeit zu nehmen." Die aus der Unterschicht erwähnt er gar nicht erst, denn die bekommen ohnehin keinen Job.

Auf die neuen "Arbeitsplatzbesitzer" wartet ein schönes Geschenk der großen Koalition: Der Investivlohn. Der ist, wenn er denn Realität wird, eine Lohnkürzung. Ein Teil des Lohnes wird einbehalten und in das Unternehmen gesteckt, bei dem der jeweilige Beschäftigte arbeitet. Das freut den Unternehmer, denn so bekommt er Kapital, auf das er im Zweifelsfall, wenn das Unternehmen keine Gewinne ausweist, keine Zinsen zahlen muss. Das wird auch die Beschäftigten freuen, denn auch die wissen, wie man Gewinne macht: Man verringert die Zahl des Personals. Deshalb wird ein gewinnorientierter Arbeitnehmer sich demnächst selbst entlassen.

Mit der Dividende, die der Beschäftigte aus seinem Investivlohn erhält, wird er große Sprünge machen können. Nehmen wir an, ihm werden monatlich 100 Euro abgehalten und in eine Belegschaftsaktie umgewandelt. Auf die wird eine Dividende von fünf Prozent, sage und schreibe fünf Euro ausgezahlt. Im Verlauf eines Jahres hat der Kollege dann ein Kapitalvermögen von 1.200 Euro gebildet. Dafür bekäme man schon einen guten Fernseher mit einem großen Flachbildschirm. Um den aus der Jahresdividende von 60 Euro zu finanzieren, müsste der Kollege 20 Jahre lang Dividenden bekommen. Es soll unverantwortliche Arbeitnehmer geben, die würden sich lieber gleich einen neuen Fernseher kaufen.

Während die Arbeitslosenquote um beträchtliche 0,2 Prozent gesunken ist, stieg die Zahl der deutschen Millionäre nur um 0,9 Prozent. Zwar ist Deutschland mit seinen nunmehr 767.000 Millionären weltweit auf dem Platz drei, was die Gesamtzahl der Millionäre angeht. Aber die geringe Zuwachsrate muss uns schon Sorgen machen: Die Millionärszahlen steigen in Russland oder Indien zum Beispiel deutlich schneller als bei uns. Kluge Leute vermuten einen Zusammenhang zwischen den weniger gewordenen Arbeitslosen und der nur langsam steigenden Millionärsrate. Und sie haben recht. Denn nur, wenn mehr Personal entlassen wird, steigen die Unternehmensgewinne und nur die führen zu neuen Millionären. Wenn also ein Kollege mit Investivlohn sich selbst raus rationalisiert, kann er den Unternehmensgewinn erhöhen und damit auch seine Dividende, sagen wir mal auf 120 Euro jährlich. Dann braucht er die Dividende nur ein paar Tausend Jahre zu sparen und ist auch Millionär. Das macht doch Sinn.

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