Sie haben Durchfall, sagt der Arzt, da wollen wir mal ein Klistier setzen. Und wenn der Patient nicht gestorben ist, dann scheisst er auch noch heute. Für dieses Rezept, die Krankheit mit der Krankheit zu bekämpfen, war der Internationale Währungsfonds (IWF) weltberühmt: Arme Länder machte er noch ärmer, arme Menschen trieb er in den Tod. Kürzung der Staatsausgaben, Abbau der Sozialleistungen, Rückzug des Staates aus seiner regulierenden Verantwortung, unter dem pseudomedizinischen Begriff der Selbstheilungskräfte des Marktes zusammengefasst, gehörten zu jenem Instrumentarium des Neoliberalismus, das den Ruin solcher Länder wie Argentinien, Thailand oder Korea verursacht hat. In Deutschland wurde die Rosskur "Agenda 20/10" genannt. Gesundgestossen haben sich allerdings nur jene Schichten, die ihre Wochenenden in Liechtenstein verbringen.

Alles Quatsch! Ruft jetzt der IWF. War nicht so gemeint! Sagt die US-Notenbank. Und: Der Chef der Deutschen Bank bettelt den Staat an, der solle helfen. Die Wende in der Staatstherapie begann schon schleichend vor einem Jahr: Sechs Millarden von irgendwas pumpte die Bank von England in einen desolaten Finanzmarkt, der deutsche Steuerzahler, angeführt in des Wortes doppelter Bedeutung von dem tapferen Agendisten Peer Steinbrück, rettete diese und jene Bank, die sich verspekuliert hatte. Zunehmend gab es zwei neue Sorten Geld: Das Gesundheitsgeld für kranke Banken und das Krankheitsgeld für gesunde Arbeitslose. Das Gesundheitsgeld wurde gern und mit vollen Händen unter die Investment-Banken gestreut, das Krankheitsgeld wurde mit dem Rasiermesser zugeteilt: Da hatten sich die blöden Arbeitslosen eben in den Finger geschnitten.

Doch zu Beginn der Aktion Noten-Kompresse (Man legt der jeweiligen Bank solange ein paar Milliarden auf das schmierige Händchen bis sie ihre Finger wieder sauber in den Markt stecken kann) galt nach wie vor: Staat böse ansteckend, Privat gut & gesund. Wer zur Gesundung der öffentlichen Armut Staatsprogramme verlangte, war ein populistischer Kurpfuscher. Schon der Wunsch nach Ausbesserung staatlicher Strassen wurde als unwissenschaftlicher Schamanismus bezeichnet, die Sanierung von verrotteten Schulen galt als Giftanschlag auf die Freiheit und der Bau eines neuen Krankenhauses wäre von den Medien als lebensverkürzende Massnahme bezeichnet worden: Bankenpaläste waren gesund, kommunale Krankenhäuser konnten nur den Tod bringen.

Ausgerechnet der IWF barmt nun mit einem dramatischen Ton um staatliche Ausgabenprogramme, die US-Notenbank wirft 200 Milliarden Papier auf den Finanzmarkt, als sei die Konfettiparade der Hypothekenbanken ausgerufen worden. Die Inflation steigt munter weiter, die Zinsen sinken und die Furcht vor einer Weltwirtschaftskrise wächst. - Es waren so schöne Jahre, als sich die Vermögen scheinbar risikolos ansammelten und die Gehälter und Abfindungen von Managern in kalte Höhen schossen. Warum nicht ein paar Brillanten mehr für die Drittfrau, die eigene Klinik war endlich kein Problem mehr und wenn man den Papst schon nicht zum Geburtstag einfliegen konnte, musste man sich eben mit dem Dalai Lama begnügen, war doch auch ganz nett. Das alles soll nun vorbei sein? Ja, wozu ist denn der Staat da? Die Politiker, erbricht der IWF-Manager Lipsky in seiner Not, müssen das "Undenkbare denken", sie sollen so richtig Geld ausgeben, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Horst Köhler soll wieder Bundespräsident werden. Horst Köhler war vier lange Jahre Geschäftsführer des IWF. Wenn die Bevölkerung Argentiniens ihn zu fassen bekäme, könnte den Köhler das so genannte Angstscheissen befallen. Mediziner beobachten diese Krankheit bei Patienten, die plötzlich mit einer unangenehmen Realität konfrontiert werden. Man darf sicher sein, dass Köhler sich selbst kein Klistier verordnen würde. Wann immer es um die eigene Haut geht, wenn es nicht irgendwelche Neger oder Neuköllner betrifft, wissen die Professoren der Finanzwelt um die richtigen Heilmittel. Wie man ihre Gehirnverstopfung und ihre soziale Amnesie beseitigen kann ist unbekannt. Zur Vermeidung von Ansteckung wird eine dauerhafte Isolierung empfohlen.

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