Es wird ein Schweigen sein in Deutschland. Besonders in den Morgenstunden. Eine betäubende Stille wird über den Land liegen. Das Knattern, Knallen und Zischen aus den Abteilungen der Kaufhäuser, in denen die Computerspiele, die Konsolen der vorgefertigten Fantasie, ihre Heimat haben, werden den Friedhöfen gleichen, die nicht selten am Ende des Spiels auf einen Teil seiner virtuellen Darsteller warten. Die Innenminister der deutschen Länder wollen die Konsolen abschalten. Zumindest bis fünfzehn Uhr. Weil die Spiele die Schulschwänzer anziehen. Weil aus Schulschwänzern gern Kriminelle werden. Und denen will die Innenministerkonferenz das Handwerk legen.

Der kühne Vorstoß der Minister kann nur der erste Schritt sein. Schulschwänzer sitzen auch gerne in den Frühvorstellungen der Kinos. Die Kinos nicht vor fünfzehn Uhr zu öffnen wird nicht nur den Lärm, der da aus dem Dunkel quillt, drastisch mindern. Auch der schwere, fette Geruch von zweimal gebratenem Popcorn wird Deutschland erst ab dem Nachmittag wieder belästigen können. Überraschend führen TV-Cops bald Kontrollen in den Wohnungen durch: Nie wieder wird die US-Serie »Reich und Schön« den Kindern der Unterschicht falsche Ziele setzen. Die gnadenlose Richterin Barbara Salesch, die den Schulschwänzern im Vormittagsprogramm zeigt, welcher Weg vor ihnen liegt, muss sich in leere Wohnzimmer erbrechen.

Der elektronisch erfassbare Fingerabdruck bestimmt demnächst den Internetzugang: Unter achtzehn? Erst nach Fünfzehn. Dass die Innenminister ein After-eight-Handy in den Handel bringen wollen, welches den Schülern gegeben wird, denen man die Mobiltelefone zum 24-Stunden-Quatschen abnehmen wird, ist ein so gut wie bestätigtes Gerücht. Erste Pfarrer überlegen, ob sie den Schulschwänzern das Kirchenasyl verweigern sollen: Immer wieder werden Gruppen von Schwänzern erwischt, die es sich in den Frühmessen bequem machen. Auch in muslimischen Betstuben sinkt der Altersdurchschnitt kräftig. Hamburgerbratereien, Pommes-Stationen und Eisbuden werden kaum noch vor einer angemessenen Zeit öffnen dürfen. Kein Sport mehr vor Anbruch der Dunkelheit. Schilder an den Parkbänken: Nur für Abschlüssige. Ruhig wird es werden in Deutschland.

Wer auf beliebige Schülerklos in Deutschland geht, hat die Nase schnell voll. Putz blättert mit Vorliebe von den Decken der Klassenzimmer. Stundenpläne haben mehr weiße Flecken als Afrika-Karten je hatten. Gerne wird Sport und Musik gestrichen. Die Zahl der Privatschüler in Deutschland geht an die erste Million. Das dreigliedrige Schulsystem ist der legitime Erbe des Dreiklassenwahlrecht. Der Sohn der Verkäuferin wird Anstreicher werden, die Tochter des Anstreichers Verkäuferin. Die Kinder der Unterschicht stellen zehn Prozent der Studierenden, die der Oberschicht achtzig, auch wenn diese Schicht kein Sechstel der Bevölkerung ausmacht.

Es ist kein Schreien in Deutschland zu hören. Vielleicht sollte man die Innenminister wegen Verschwörung gegen die Menschlichkeit wegsperren. Vielleicht ist in diesem Fall das Folterverbot doch keine so gute Sache. Vielleicht ließe sich auf diesem Weg produktiver Lärm erzeugen, im Ergebnis pädagogisch dosierter Stockschläge. Wenn nur die grauenhafte Stille aufhören würde. Das anhaltende Schweigen über ein massenhaftes Verbrechen an unseren Kindern.

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