Autokratie

Die Würde des Porsche ist unantastbar

Autor: U. Gellermann
Datum: 24. Juli 2009

Oh lord, won't you buy me a Mercedes Benz.
My friends all drive Porsches,
I must make amends.
Janis Joplin

"Die Geschicke Katars werden nahezu ausschließlich von der Herrscherfamilie gelenkt", schreibt das Auswärtige Amt in vornehmer Zurückhaltung über den neuen Großaktionär von VW, den Staat Katar. In Katar herrscht, neben dem Emir, die Scharia, jene islamische Justizform, die von den Taliban sehr geschätzt wird. Eine gründliche Verschleierung der Frauen ist dort ebenso obligat wie Zwangsehen und Frauenhandel. Ein Parlament oder politische Parteien existieren nicht. Eigentlich ist Katar ein Fall für die Bundeswehr und jene öffentliche Empörung, die der Legitimation eines langen Krieges in Afghanistan dient. Aber, schreibt die "Süddeutsche Zeitung" geziert: "Das arabische Land beherbergt einen US-Stützpunkt." Ungeziert: Katar beherbergt eine Diktatur.

Nur unsere Diktaturen sind gute Diktaturen: Noch im Mai dieses Jahres stimmte der Bundessicherheitsrat einer Lieferung von 36 Leopard-2-Kampfpanzern aus Deutschland an Katar zu. Man kann doch einem künftigen Teilhaber des deutschesten aller Betriebe, dem VW-Konzern, gegründet von Hitlers Kraft-durch-Freude-Organisation (KdF), keine Panzer verweigern. Denn 80 Prozent der Einwohner Katars sind Ausländer: Inder, Pakistani, Iraner und andere, die noch weniger Rechte haben als die Kataris. Da ist der Emir schon um seine Sicherheit besorgt. Ob es eine ähnliche Besorgnis war, die Wolfgang Porsche, Nachfahre des KdF-Porsches, auf der Porsche-Belegschaftsversammlung die Tränen in die Augen trieb?

Es war keine demokratische Regung, die Wolfgang Porsche ankam, keine Sorge über eine Diktatur als Teilhaber, es war der Abgang des Zockers und Vorstandsvorsitzenden Wiedeking, der ihn zum Heulen brachte: "Er hat Porsche aus Not in Höhen geführt". Rührung und Behelfslyrik gehörten zu einer Inszenierung, die das Spekulationsspiel des Wendelin Wiedeking vergessen machen sollte. Man hätte beinahe das Unternehmen Volkswagen kapern können, die Börse war der Spielplatz der Familie Porsche und zehn Milliarden Euro Schulden als Einsatz war ihr nicht zu viel. Auf denen saß sie nun. Verspekuliert. Von den Höhen in den Abgrund. An der Pleite knapp vorbei geschrammt. Es könnte eine Justiz geben, die solche Spielerei um Arbeitsplätze für kriminell halten würde.

Als Angela Merkel im letzten Jahr, in Vorbereitung des Panzer-Deals, den Premierminister von Katar traf, fiel ihr im Ergebnis des Gesprächs ein: "Wir konnten feststellen, dass unsere bilateralen Beziehungen sehr gut sind". Auch der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Christian Wulf,Teilhaber bei VW, wollte die Diktatur als Investor bei VW "uneingeschränkt" begrüssen. Immerhin will Katar den Leuten von Volkswagen mit fünf Miliarden Euro aus der Börsenklemme helfen. Chef des Aufsichtsrates von VW ist Ferdinand Piëch, der Gegenpapst in der Porsche-Sippe. Auf seinem Salzburger Schloss hält er sich inzwischen die vierte Frau. Der Emir von Katar hat nur drei Frauen, aber mit 15 Kindern drei mehr als Piëch. Dessen Vermögen ist mit geschätzten drei Milliarden Euro auch geringer als das des Emir.

Wendelin Wiedekings Jahresgehalt lag zuletzt bei 80 Millionen Euro. Dass ihm noch einmal 50 Millionen als Abfindung geschenkt wurden, entspricht einer alten Manager-Sitte: Reite Deinen Laden in die Scheisse und Du wirst reichlich belohnt. Die Bundeskanzlerin fand in ihrem legendären Sprachschatz einen wichtigen Satz zur Lage:"Ich denke, es gelingt, dass vernünftige Entscheidungen für eine starke Automobilindustrie in Deutschland gefällt werden." Die Rocksängerin Janis Joplin beklagte sich in einem Lied bei ihrem Gott darüber, dass all ihre Freunde Porsche fahren würden. Welchen Gott wir anrufen können, um die Autokratie in Deutschland zu beenden, ist unbekannt. Bekannt ist: "Der Mythos Porsche lebt und wird nie untergehen" (W. Porsche).


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 29. Juli 2009 schrieb Max Mütze:

"Statt dessen diente als "Kübelwagen" der Reichswehr im Zweiten Weltkrieg."

Was? Wem?
Wo hat die denn gekämpft??

Antwort von U. Gellermann:

Der Kollege M. Mütze kritisiert die Antwort auf einen Leserbrief. Und er hat recht: Es hätte "Wehrmacht" heißen müssen.


Am 26. Juli 2009 schrieb Günther Schneider:

Wenn man Ihre Porsche-Story liest, könnte man glauben, das Sie von Außenpolitik keine Ahnung haben: Wenn wir mit mit keiner der diversen Diktaturen (China, Ägypten, Pakistan, etc.) Handel treiben würden, dürfte unsere Exportindustrie endgültig einpacken.

Antwort von U. Gellermann:

Handel mit den Reichen und Verbündeten, Krieg mit den Armen und denen, die der USA im Weg stehen?


Am 25. Juli 2009 schrieb Gerda Hannessen:

Was hat den der KdF-Wagen mit den Porsches zu tun?

Antwort von U. Gellermann:

Der ursprüngliche VW (KdF-Wagen) wurde vom Großvater der heutigen Porsches konstruiert. Allerdings wurde er nie ausgeliefert. Statt dessen diente als "Kübelwagen" der Reichswehr im Zweiten Weltkrieg.


Am 25. Juli 2009 schrieb Hanni Lederer:

Die Porsches sind Österreicher. Warum werden die von einem niedersächsischen Betrieb subventioniert?

Antwort von U. Gellermann:

Lese ich eine gewisse Fremdenfeindlichkeit?


Am 25. Juli 2009 schrieb Werner Hertinger:

Da lese ich doch einen gewissen Neid aus den Zeilen des Porsche-Artikels: Wahrscheinlich hätten sie auch gerne einen 911.

Antwort von U. Gellermann:

Noch bin ich nicht alt genug.


Am 25. Juli 2009 schrieb Harry Merker:

In der Causa Porsche sollte der Betriebsratsvorsitzende nicht außer Acht gelassen werden, der, obwohl Wiedeking die Porschearbeitsplätze gefährdet hatte, dem Mann völlig ergeben war.

Antwort von U. Gellermann:

Er sollte Uwe Bück heißen.

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