Auf den Straßen von Antalya: Schüler tragen riesige türkische Fahnen, in Sprechchören skandieren sie ihre Unterstützung der Armee. Aus fast jedem Fenster hängen Flaggen, Patriotismus in den Zeiten des Kriegs ist Pflicht. Ein meterhohes Denkmal Atatürks, des Begründer der modernen Türkei, ist besetzt: Kinder zwischen zwölf und fünfzehn Jahren sitzen auf den allegorischen Rossen der Skulptur, Transparente wehen im Wind, es ist immer schön wenn man schulfrei bekommt. Weniger schön ist das Alkoholproblem der internationalen Medien-Leute: Seit, wegen der Kämpfe an der Grenze zum Irak, das Film-Festival seine Partys gestoppt hat, muss man seine Drinks selber zahlen. Das führt zu Verwerfungen, mancher alter Freund der Türkei schreibt jetzt schlechter über das Festival, als er es vorhatte. Auch so entstehen Nachrichten. Die Nachrichten über den Krieg der Türken auf irakischem Boden in den deutschen Medien erinnern an die magischen Kräfte kleiner Kinder: Wenn ich die Augen schließe, kann mich keiner sehen. Und so stellen ARD, ZDF und der Rest des Mainstreams einfach keinen Krieg fest, also wird es ihn auch nicht geben. So, als beugten sie sich der türkischen Zensur, die ihren Medien die Null-Berichterstattung verordnet hat. Obwohl hier jeder weiß: Nicht nur Flugzeuge und Hubschrauber haben die Grenze überquert, auch Panzer und Bodentruppen waren mal eben im Irak zum Töten.

Die Augen weit aufgerissen hatte Claudia Roth, Vorsitzende der GRÜNEN, als sie ihren glitzer-grünen Escada-Fummel durch die Menge schob, die sich den neuen Film von Fatih Akin anschauen wollte. Völlig privat sei sie hier und ihr Freund, dessen Haar höher toupiert war als seine Stirn, konnte das nur bestätigen. Frau Roth genoss es sichtlich, hie und da bemerkt zu werden. Akin, der bescheidene deutsch-türkische Regisseur, ertrug die Umarmung der GRÜNEN-Chefin geduldig. Blitzlichter säumten ihren Weg, und da sie auf der ersten Seite ihrer Homepage nur neun Fotos von sich präsentiert, kann sie demnächst ein weiteres veröffentlichen. Vorab hatte die dekorative Politikerin den vom türkischen Parlament beschlossenen Krieg auf ein Legitimierungsproblem des türkischen Militärs und der PKK reduziert. Eine Dimension, in der die USA auch eine Rolle hätte spielen können, fiel ihr nicht auf, ihr galt der autonome Kurden-Staat als die "einzige stabile" Region im Irak. So kann aus mangelnder Kenntnis ein schöner Glaube erwachsen.

Der Glaube spielte auch in Francis Ford Coppolas Film, "Youth without Youth" eine herausragende Rolle. Im Mittelpunkt der Arbeit steht eine rumänischer Professor (Tim Roth), der, durch einen Blitzschlag in die eigene Jugend versetzt, einem ähnlichen Fall von Blitz-Versetzung in der Person einer jungen Schweizerin (Alexandra Maria Lara) begegnet. Allerdings durchläuft die Schweizerin eine ganze Reihe von Zeit-Mutationen während derer sie die menschlichen Sprachen rückwärts memoriert, Sanskrit und Alt-Ägyptisch sind auch darunter. Streckenweise hat der Coppola-Film die Qualität älterer Comic-Strips obwohl oder gerade weil er sich philosophisch gibt: Das Leben ist ein ewiger Kreislauf, ein Traum von einem Traum in einem Traum und alles kommt wieder hoch. Auf der anschliessenden Pressekonferenz versicherte der Macher des "Paten" und von "Apocalypse Now", dass er künftig friedliche Filme machen wolle, zum Beispiel könne er sich vorstellen, über den Irak-Krieg einen Film ohne Gewalt zu produzieren, vielleicht konzentriert auf eine Familie in der es harmonisch zugehe, mit einem glücklichen Ende, versteht sich.

Glückliche Enden seien für Türken in Deutschland zu finden, verspricht mancher Film des Festivals. Deutschland ist ein Fluchtpunkt. Da ist alles besser, wird alles besser, könnte alles besser werden. Mit dem Film "Refugee", der in einem Übergangslager für Asylbewerber spielt, wird dieser Aberglaube konterkariert. Stacheldrahtbewehrt wird das Lager als eine Maschine zur Anpassung an die Wirklichkeit gezeigt: Der Flüchtling beginnt seine Laufbahn als Nichts, um als Nichts in die Arbeitslosigkeit entlassen zu werden. Nur einmal gab es für die türkischen Zuschauer Grund zur Heiterkeit, als einer der Bewerber, der vorgab ein unterdrückter Kurde zu sein, mit dem schweren Akzent seiner Heimatprovinz das Gegenteil bekundete. Schlaumeier, sagte das Lachen, vielleicht hast du Glück und darfst im gelobten deutschen Land bleiben, sagte es, und bestätigte so die Alltagsweisheit, dass Filme nur so viel klären können wie Köpfe aufnehmen wollen.

Ungeklärt bleibt die türkische Identität, zerrissen zwischen Minderheiten, gespalten durch einen tiefen Widerspruch zwischen Stadt und Provinz, getreuer Partner der USA und zugleich mit einer gegen die USA gerichteten Interessenlage ausgestattet, sehnt sich das Land nach Harmonie. An diese tiefe Sucht erinnerte der Film "Yumurta" des Regisseurs Semih Kaplanoglu. Als die Mutter stirbt, verlässt der Sohn zum ersten mal seit Jahren Istanbul, um in das vergessen Nest seiner Herkunft zu fahren. Eine Geschichte über Einsamkeit, über den Verlust von Wurzeln und die Ungewissheit entführt mit knappen Dialogen, üppigen Bildern und einer zauberischen Poesie den Zuschauer in das verlorene Land der Gewissheiten. Dieser Film wird kein deutsches Kino sehen und auch nur wenige türkische, obwohl man mit ihm sehen lernen könnte. Draussen, in der beginnenden Nacht an einem warmen Meer, warten die jungen Helfer des Festivals darauf, von den Ausländern zu hören, dass ihr Land auf einem guten Weg ist, dass eine gewisse Zukunft auf sie wartet, dass die Türkei dazu gehört zum Club der Erfolg-Reichen. Und der fremde Gast freut sich am Eifer der jungen, intelligenten Leute, hofft mit ihnen und bangt zugleich.

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