Vor 60 Jahren wurde eine Legende hergestellt, die bis ins Heute reicht: Mit der Einführung der D-Mark im Juni 1948 habe die soziale Marktwirtschaft ohne Ende begonnen, Ludwig Erhard wäre ihr Vater, der folgende wirtschaftliche Aufschwung sei ebenso gerecht wie geplant gewesen und Angela Merkel habe den ganzen Laden geerbt, um ihn in den nächsten drei Legislaturperioden erfolgreich weiterzuführen. Zugegeben: Für eine Legende ist die Geschichte ein wenig umfangreich, vielleicht sollte man sie die Währungs-Saga nennen. Oder wie die BILD-Zeitung von der "Währung des Herzens" schreiben, dann käme Ludwig Erhard in der Rolle des Herzschrittmachers daher, und Angela Merkel würde als Blinddarm besetzt, leicht entzündlich aber nutzlos. Aber das wollen wir natürlich nicht. Wir sollen glauben, nicht wissen. Also haben damals alle Bürger (im Westen) mit 40 D-Mark pro Kopf irgendwie angefangen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann ist ihre Rente immer noch im Sinkflug.

Geplant war 1948 eigentlich nur eines: Die USA, der Chef-Westallierte, wollte der Sowjetunion eins auswischen. Man hatte in Washington lange genug gefackelt, jetzt sollte es mal so richtig brennen, die deutsche Teilung, schon längere Zeit auf der Agenda, musste zum Faktum werden, wenn man den Westen zu einem ordentlichen Bollwerk gegen den Bolschewismus ausbauen wollte. Und wie wäre das besser möglich, als mit einer neuen, einseitig im Westen eingeführten Währung. So wurden dann in den USA und Großbritannien fast sechs Milliarden neue deutsche Mark gedruckt - während man ebenso eifrig wie scheinheilig mit den Russen weiter über eine gemeinsame Währung für das gesamte Deutschland verhandelte - und mit der Operation "Bird Dog" heimlich in die Westzonen transportiert. Natürlich mussten die Sowjets nachziehen, die Spaltung Deutschlands war, lange vor der Staatwerdung der Bundesrepublik und der Gründung der DDR, ökonomisch zementiert.

Wer keine Eltern oder Großeltern mit unverkitschtem Erinnerungsvermögen hat, der ist auf das erbärmliche Gedächtnis deutscher Medien und Politiker angewiesen. Demnach gab es damals in den Läden nichts zu kaufen und plötzlich, als die D-Mark wie Manna vom Himmel regnete, war alles wieder da: Kaviar, Seide und Ketten aus Gold. Nichts davon war wirklich verschwunden gewesen, man brauchte nur Zigaretten, möglichst amerikanische. Für eine Stange Camel war auf dem Schwarzmarkt ebenso ein halbes Klavier wie eine ganze Frau zu kaufen. Geld war nichts wert: Denn die Nazis hatte zur Schuldenfinanzierung das Geldvolumen in Deutschland aufgebläht. Der Notenumlauf hatte sich von 9 Milliarden Reichsmark 1939 bis 1948 auf 75 Milliarden erhöht. Es herrschte Inflation, für das vorhandene Geld wollte keiner etwas verkaufen. Lebensmittel und Brennstoffe gab es zwar auf Bezugschein, aber so knapp als möglich. Außerdem hatte der Handel das neue Geld gerochen: Schon im Vorjahr war durch eine Indiskretion die Nachricht über eine neue Mark durchgesickert.

Richtig rührend ist die Mär vom Anfang als wir alle die gleichen Startbedingungen hatten: Während den kleinen Sparern die Guthaben auf zehn Prozent der ursprünglichen Summe abgewertet wurden, behielten Grundstücke, Produktionsanlagen und sogar Aktien ihren Wert. Wer mehr besaß als die Mehrheit fuhr bald wieder mit sechs Zylindern und trug sie auch bei feierlichen Anlässen. Die mit den flachen Mützen konnten ihre Kopfbedeckung schön lange in der Hand drehen, auch um Arbeit zu bekommen, denn die Arbeitslosigkeit lag bei zugegebenen vierzehn Prozent, die wirkliche Rate ist nicht mehr zu ermitteln. Und das Wirtschaftswunder? Wie alle ordentlichen Wunder ist es eine simple Erfindung zur Stärkung des Glaubens, im vorliegenden Fall nicht jenes an den lieben Gott, sondern an die Marktwirtschaft und ihr segensreiches Wirken. Rund 1,5 Milliarden Dollar pumpten die USA in ihren neuen Bündnisstaat: Eine kräftige Investition in jene Betriebe, die während des Krieges durch Sklavenarbeit ordentlich in Schwung gehalten worden waren.

"Wir alle wissen", so klittert Frau Merkel Geschichte, "dass nach der Währungsreform das begann, was wir heute das Wirtschaftswunder in Deutschland genannt haben". Und fährt fort: ". . . und so war es gelungen, den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit . . . zu überwinden." Was wir fast alle nicht mehr wissen: Als die USA 1950 den Korea-Krieg begann, hoben sie die Beschränkungen der deutschen Schwerindustrie auf, jenes Produktionszweigs, der die Rüstung der Nazis so erfolgreich unterstützt hatte. Man brauchte den deutschen Stahl für den neuen Krieg und so wurde der westdeutsche Export durch den "Korea-Boom" kräftig angeheizt und die Schlüsselindustrie, entscheidend für den Aufbau der Infrastruktur, blühte auf. Der Widerspruch zwischen Krieg und Frieden erzeugte wesentlich jenes Wunder, von dem die Kanzlerin so wunderlich fabuliert.

Und noch ein anderes Wunder begab sich zu jener Zeit: Deutschland, eben noch als Verbrechernation qualifiziert, wurde in seiner westdeutschen Form zum Juniorpartner der USA. Die Wiederbewaffnung und die Gründung der Bundeswehr stand an, auch die nationale Waffenindustrie kam wieder zu Ehren. Und während sich eine große Mehrheit der Deutschen damals in einer Volksbefragung gegen die Militarisierung der Bundesrepublik aussprach, wurden in jener Zeit die Grundsteine gelegt, um heute Afghanistan vor sich selbst zu schützen. Dass aber, liebe Kinder, ist ein anderes Märchen und es handelt davon, wie Frau Merkel, in der Nachfolge von Konrad Adenauer, den Widerspruch zwischen Volksmeinung und Regierungshandeln überwindet.

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Als wäre es kein Erfolg: Raus aus dem Schwarzmarkt, raus aus der Perpespektivlosigkeit und - deutsche Teilung hin oder her - keine Vereinnahmung durch die Sowjets. Wer immer sich darauf beruft, der hat die Geschichte auf seiner Seite! Ihre Sicht...

Als wäre es kein Erfolg: Raus aus dem Schwarzmarkt, raus aus der Perpespektivlosigkeit und - deutsche Teilung hin oder her - keine Vereinnahmung durch die Sowjets. Wer immer sich darauf beruft, der hat die Geschichte auf seiner Seite! Ihre Sicht ist vom Neid geprägt, denn auf diesen Gründungsakt kann sich die Linke nicht berufen.

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Werner Ernst
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Da hat sie aber Glück gehabt.

Uli Gellermann
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