Welche Chance: Das ZDF gibt viel Geld für einen historischen Vierteiler, der vierzig Jahre deutscher Geschichte, von 1949 - 1989 erzählt, zur besten Sendezeit, um 20.15 Uhr. Das wäre die gute Nachricht gewesen. Die schlechte lautet: Das Geld und die Redaktion gehen an Guido Knopp und der beschränkt sich, seiner Natur entsprechend, unter dem Titel "Goodbye DDR", auf die andere deutsche Republik.

Natürlich waren die beiden deutschen Staaten siamesische Zwillinge, untrennbar miteinander verbunden, geschichtlich nicht einzeln, sondern nur gemeinsam zu erzählen: Verlorene Kinder des Hitler-Regimes und der Zweiteilung der Welt durch die ehemaligen Alliierten USA und Sowjetunion, feindliche Brüder, seitenverkehrte Schwestern, ernsthaft nur eine durch die andere zu erklären. Aber Knopp, immer bemüht den Ball so flach zu halten, dass er nur noch unter der Grasnabe zu treffen ist, nimmt sich nur einen der beiden Zwillinge vor.

Wenn man so eilfertig Geschichte exekutiert wie Herr Knopp, dann kann man sich nicht lange mit der Recherche aufhalten, also erhält der Zuschauer die ewig gleichen, bekannten Bilder: Walter Ulbricht beim Turnen, abgelutschte SED-Parteitagsaufnahmen und sattsam bekannte Zeitzeugen: Wolfgang Leonard, Carola Stern und Erich Loest, beliebte Gesichter aus den letzten 30 Jahren. Sie, wie andere Zeugen, in der immer gleichen Einstellung: Düster-schwarze Scherenschnitte gegen blutrotes Licht, so isser, der Kommunismus, wer zu viel davon abbekommt endet tödlich. LPG: Zwangskollektivierung und Untergang des deutschen Nährstandes; warum genau diese Betriebe bis heute ökonomisch überlebt haben, keine Ahnung. Gründung der FDJ: Politischer Missbrauch der Jugend; warum von dieser Jugendideologie heute immer noch die Jugendweihe geblieben ist, kein Schimmer. Errichtung der Stalinallee in Ostberlin: warum der Bau des Westberliner Hansaviertel die betonierte Antwort war und wie man heute in den beiden Quartieren wohnt, kein Nachdenken.

Knopps Vierteiler hat bereits mit dem ersten Teil die Konzeption der nächsten drei Folgen geklärt: Zurück in die Ideologie der 50er Jahre der alten Bundesrepublik, Stoiber ist sein Historiker und Schönbohm sein Assistent.

Was wäre möglich gewesen, wenn man Adenauers Bilder beim Boccia-Spiel mit denen von Ulbricht beim Ping-Pong ins Verhältnis gesetzt hätte, wenn man den westdeutschen Heimatfilm der 50er Jahre mit den ostdeutschen Historienschinken (Thälmann, eins, zwei, drei) verglichen und die Rankünen im SED-Politbüro von den Hinterzimmer-Intrigen zwischen CDU und CSU unterschieden hätte? Man wäre einer historischen Betrachtung der frühen Deutschländer nahe gekommen. Man hätte fragen müssen wo die Anti-Hitler Emigranten nach dem Krieg hingegangen sind, damals, man hätte die Herkunft der Eliten beider Länder beleuchten können und die Strippen der beiden Supermächte, der USA und der Sowjetunion, an den Gliedmaßen ihrer Marionetten erkennen können. Aber das hätte ja mit historischer Analyse zu tun gehabt. Das will Guido nicht, der will die schnelle Quote, den Schweinsgalopp durch die Geschichte, er will die billige Story, Agitprop, nicht die schwer zu schildernde Historie und ihre Zusammenhänge.

Auch nach der Logik der offiziell ständig herbeigesehnten "inneren Einheit", der Vollendung der staatlichen deutschen Einheit in der ebenso deutschen Gemütlichkeit, wäre eine andere Betrachtung als die der gemeinsamen deutschen Geschichte eigentlich nicht möglich gewesen. Wenn Knopp diesen Konsens von SPD-CDU-Grünen-und-FPD mit öffentlich- rechtlichem Segen verläßt, kann es sich nur um höhere Gewalt handeln.

Dass Knopp bereits die ersten 20 Jahre der DDR, die gravierenden, welthistorisch bedeutenden, in der ersten der vier Folgen erzählt, hat natürlich ebenso wenig Methode, wie der Start der Serie kurz vor den Bundestagswahlen. Vom Sehen der nächsten drei Teile ist aus Gründen intellektueller Gesundheit und seelischer Hygiene abzuraten.

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