Obwohl er nachweislich wenige Monate zuvor Talaat Pascha am helllichten Tage in der Berliner Hardenbergstrasse erschossen hat, wird Soghomon Tehlirjan am 3. Juni 1921 freigesprochen. Wie kann jemand, der sich offen bekennt, einen Menschen mit einem Revolver niedergestreckt zu haben, von einem regulären Gericht frei gesprochen werden?

Mit diesem hochdramatischen Vorgang befasst sich Hans-Werner Kroesinger in seinem Dokumentarstück »History Tilt«, vielleicht am ehesten mit Historisches Lanzenstechen zu übersetzen, denn darum geht es. Die Schauspieler Judica Albrecht, Nicola Schößler, Godehard Giese, Lajos Talamonti wühlen in den Akten des Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes und der stenographischen Prozessmitschrift. Eine alte Geschichte, die bis heute die Gemüter bewegt, wird dadurch leider mehr berichtet als dargestellt.
Es beginnt in Edirne in der Türkei. In dieser bulgarisch-türkischen Grenzstadt, also in Europa, steht mit der Selimiye-Moschee der höchste Sakralbau der islamischen Welt. Es ist ein Ort, an dem man bis heute das Leben im Osmanischen Reich ahnungsvoll nachvollziehen kann. Als Talaat Pascha 1874 hier geboren wurde, hieß die Stadt noch Adrianopol. Der Heranwachsende spürte das nahende Auseinanderbrechen des Osmanischen Reiches und wird Mitglied des nationalistischen Flügels der jungtürkischen Bewegung, die eine ethnisch reine Türkei anstrebt. Er entstammt jener Generation, die aufwächst in einem seit Jahrzehnten schwelenden Krieg auf dem Balkan, der immer wieder in Gefechten und militärischen Strafaktionen ausbricht.

Im Jahre 1908, als Istanbul noch Konstantinopel hieß, agiert Talaat Pascha als führender Kopf beim Sturz von Sultan Abdülhamid II. und gelangt mit den Mitverschwörern an die Macht. Dabei benutzen sie »bolschewistische« Organisationsprinzipien. Eine Avantgardepartei soll »die Seele des Staates« sein. Der theoretische Kopf der Bewegung, Akchura, stammt aus Simbirsk an der Wolga, dem gleichen Ort, in dem auch Lenin geboren wurde. Ein Jahr nach Lenins bolschewistischer Gründungsschrift »Was tun?« verfasst er die Gründungsschrift des türkischen Nationalismus.

Während des Ersten Weltkrieges setzt Talaat Pascha auf Deutschland, die Türkei wird Hauptverbündeter. Das führt zu seinem steilen Aufstieg und seinem tiefen Fall – im Februar 1917 wird er Großwesir, also Regierungschef, aber bereits anderthalb Jahre später, im Oktober 1918, muss er nach der Niederlage des Deutschen Reiches zurücktreten und flieht an Bord eines deutschen Torpedobootes über den besetzten Krimhafen Sewastopol nach Berlin. Es war die letzte deutsche Kriegshandlung in der Türkei. Während er, geschützt vom Auswärtigen Amt, in einer Neun-Zimmer-Wohnung in Charlottenburg (am heutigen Ernst-Reuter-Platz) sein Comeback in der Türkei vorbereitet, erfährt er, dass er in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde.
Anatolien. Hier wächst der Attentäter Soghomon Tehlirjan auf, er erlebt, wie das jahrhundertealte Zusammenleben der Türken und der Armenier zerbricht und Armenier in Anatolien getötet oder vertrieben werden. Bis zum heutigen Tag ist die türkisch-armenische Grenze dicht, leugnet die Türkei den Völkermord, beharrt Armenien auf dessen Anerkennung. Seit letztem Jahr gibt es erstmalig auch versöhnliche Töne aus der Türkei.
Im Herbst 1920 erhält Tehlirjan von Exilarmeniern in den USA, genauer: im Bostoner Restaurant »Koko«, den Auftrag, Talaat Pascha in Berlin zu töten. Es ist das wichtigste Attentat der Vergeltungsaktion »Nemesis«.

»Ich habe einen Menschen getötet, doch ein Mörder bin ich nicht«, insistiert der Angeklagte vor dem Landgericht Berlin-Moabit in der Turmstraße und wird selbst zum Ankläger. Mit Talaat Pascha habe er den Hauptverantwortlichen für den Genozid an seinem Volk gerichtet, nicht ermordet. In seinem leidenschaftlichen Schlussplädoyer meint Rechtsanwalt Werthauer: »Welche Jury der ganzen Welt würde Wilhelm Tell verurteilt haben, weil er den Landvogt niedergeschossen hat?«

Weil die Massaker u. a. durch Augenzeugenberichte wie die vom Theologen Johannes Lepsius und durch die Fotos vom deutschen Leutnant Armin T. Wegener dokumentiert worden sind – bei letzteren gegen den Befehl seiner Vorgesetzten -, verlässt Soghomon Tehlirjan am 3. Juni 1921 das Berliner Gerichtsgebäude als freier Mann.

Allerdings war sein Augenzeugenbericht, der die Deportation seiner Eltern im Sommer 1915 wiedergibt, als solcher gefälscht, denn zu der Zeit kämpfte er selbst in einem armenischen Freiwilligenbataillon auf russischer Seite. Er verschwieg es, weil die Jungtürken ihre Untaten damit legitimierten, dass die Armenier die fünfte Kolonne Russlands seien. Das Gericht wusste auch nichts von der Racheorganisation »Nemesis«.

Der sensationelle Freispruch machte die Leiden des armenischen Volkes bekannt. Doch schon wenige Jahre später waren die Massaker da hinten weit in der Türkei vergessen. Später zerstreute ein einehemaliger Gefreiter Bedenken: »Wer denkt denn heute noch an die Armenier?«. Sein Name ist Adolf Hitler. Und tatsächlich lernten die Nazis die Dynamik der Eskalation, vom Ratschlag »Kauft nicht bei Armeniern!« bis zum Massenmord.

In seinen Erinnerungen schreibt Raphael Lemkin, der als Vater der UN-Völkermordkonvention gilt, über den Prozess Talaat Pascha: »Tehlirjan hatte sich selbst zum Vollstrecker des Gewissens der Menschheit ernannt. Doch kann jemand sich selbst dazu ernennen, Gerechtigkeit auszuüben? Wird eine solche Art von Gerechtigkeit nicht eher von Emotionen beherrscht sein und zur Karikatur ausarten? In diesem Augenblick erhielt der Mord an einem unschuldigen Volk eine größere Bedeutung für mich. Ich hatte zwar noch keine endgültigen Antworten, aber das sichere Gefühl, dass die Welt ein Gesetz gegen diese Form von rassisch und religiös begründetem Mord erlassen musste. Souveränität, meinte ich, kann nicht als das Recht missverstanden werden, Millionen unschuldiger Menschen umzubringen.«

Und Robert M. W. Kemper, der Ankläger im Nürnberger Prozess gegen die Nazis, zuvor als Jurastudent Beobachter beim Prozess Talaat Pascha, formulierte ein grundlegendes Dilemma: »Wie weit darf sich ein Staat in die Angelegenheiten eines anderen souveränen Staates einmischen, wenn dieser Verbrechen gegen die Menschheit begeht?«

Die sterblichen Überreste des Talaat Pascha konnten erst 1943 in die Türkei überführt werden, wo sie heute auf dem Freiheitshügel in Istanbul liegen. Die Schwierigkeit der modernen Türkei mit einem Massenmörder wie Talaat Pascha liegt darin, dass selbst der Staatsgründer Atatürk, auf dem Höhepunkt seiner Macht zugab, dieser hätte Voraussetzungen für sein Wirken geschaffen.

»History Tilt« Vom 2. – 4. November im Theater HAU DREI - Hebbel am Ufer Berlin, um 20:00 Uhr.
Die Geschichte erzählt auch Rolf Hosfeld in seinem lesenswerten Buch »Operation Nemesis«. Kiepenheuer & Witsch 2005.

Kommentare (0)

Einen Kommentar verfassen

0 Zeichen
Leserbriefe dürfen nicht länger sein als der Artikel
Anhänge (0 / 3)
Deinen Standort teilen
Gib den Text aus dem Bild ein. Nicht zu erkennen?
Bisher wurden hier noch keine Kommentare veröffentlicht