Christoph Hein ist zurück gekehrt. Zurück gekehrt in die DDR, die den gesellschaftlichen Rahmen für sein neuestes Buch liefert ohne wirklich präsent zu sein. Und zurück gekehrt zu seinem heftig gerühmten frühen Buch "Drachenblut (Der fremde Freund)". Wieder steht eine Frau im Mittelpunkt des vorliegenden Romans "Frau Paula Trousseau". Und wieder ist es eine, die sich hart macht gegen ihre Umgebung. Doch anders als Heins Novelle aus dem Jahr 1982 ist der neue Roman, die Geschichte einer Malerin, scheinbar unpolitisch, ein privates Stück Leben, das überall hätte spielen können.

Die kleine Paula ist ein unglückliches Kind, das in einem gespenstisch kalten Elternhaus aufwächst. Ein alles bestimmender, widerlich herrschender Vater, eine weinerliche, alkoholabhängige Mutter, ein verkrüppelter Bruder, eine Schwester im trotzigen Schatten: Hein versammelt ein Ensemble ausgesucht alltäglicher Monster um seine Protagonistin, die sich seinem dokumentarischen, düsteren Ton fügen, ihn notwendig bedingen. Christoph Heins Sprache, dieses zwingende Transportmittel seiner Handlung, ist es, die einen Leser in der Geschichte hält. Warum sonst sollte man mit dieser Paula ohne Herz, ohne erkennbares Land und ohne Leute leiden? Warum dem Lebensweg der jungen Frau folgen, die nichts anderes will, als ihr eigenes Ziel erreichen und im Erreichen scheitert? Nur weil Hein es so will, weil er unterhalb der Erzählung einen Sprachstrom fließen lässt, dessen Kraft den Leser mitnimmt auf die Reise durch das Leben der Paula Trousseau.

Diese kleine, einsame und versehrte Paula, deren Ohnmacht sich aus der Mächtigkeit ihrer Umgebung ergibt, verfügt über ein schwankendes Widerstandspotential, das sich aus dem unbändigen Wunsch speist eine Malerin zu werden. Mit dem Malen gelingen ihr die kleinen Fluchten aus einer Familie, einer Welt, in der es kein Vertrauen gibt, nur Regeln einer Ordnung, die nicht für sie gemacht ist. Und weil das Fliehen häufig einfacher ist als das Widerstehen, entwindet sie sich zu Beginn des Buches der alten Ordnung durch eine Ehe, die doch nur die Wiederherstellung bekannter Herrschaft ist: Der Ehemann hält sie sich als Zierstück, als vorzeigbare Trophäe, als ein Muster, dessen Wert sich in der Konvention spiegelt.

Es ist die Kraft aus Schwäche, die der verheirateten Trousseau ihre Unnachgiebigkeit verleiht: "Es ist angenehm grausam zu sein, wenn man dadurch zu sich selbst kommt", lässt Hein seine Protagonistin sagen, als die den Entschluss gefasst hat Kunst zu studieren, fernab vom Ort ihrer Ehe, vom Ort ihrer Niederlage. Denn der Mann, der um ihre Entschlossenheit weiß mit dem Studium ein Stück eigenen Lebens zu gewinnen, hat sie gegen ihren Willen geschwängert, um sie an die alte Frauenfessel zu legen: Die Mutterschaft, die Aufzucht der Brut, die Bindung an das unheimliche Heim.

Natürlich schreibt ein Mensch wie Hein nicht auf irgendeine Tagesaktualität hin. Und doch wirkt der Roman wie ein Beitrag zur Debatte um das, was die Zeitungen zur Zeit "Familienpolitik" nennen. Schafft eine Gesellschaft den Frauen mehr als nur den Spielraum, gibt sie einen Freiraum zur eigenen Entwicklung, zur Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf? Fraglos ist die Stellung der Frau der Masstab für den Fortschritt in der Gesellschaft. Genau diese These haben die Frauen der alten Bundesrepublik in den siebziger Jahren zum Ausgangspunkt ihrer Kämpfe gemacht, um Jahrzehnte und ein paar Vorzeigefrauen später mit dem alten Thema erneut konfrontiert zu werden. Ist es denkbar, dass ein überholter, biologistischer Argumentationsapparat sich als resistenter erweist als all die klugen Erkenntnisse aus der emanzipatorischen Bewegung? Der Fortschritt ist eine Schnecke und manchmal glitscht sie auch noch rückwärts.

Nach der Geburt ihrer Tochter nimmt Paula den alltäglichen Kampf der Frauen auf, die Beruf und Kind miteinander vereinen müssen. Und ließe man sie ungestört diesen beträchtlichen Organisationsaufwand bewältigen, sie könnte obsiegen. Aber sie hat die Rechnung ohne ihren Mann gemacht, der zu gerne Frau und Tochter besäße und einer Scheidung nur um den Preis zustimmen will, dass ihm das Sorgerecht zugesprochen wird. Ob Eltern, die sich um ihre Kinder streiten, wirklich begreifen, dass sie sich um das Recht sich zu sorgen zanken? - Paula gibt ihr Kind auf: "Wenn das der Preis für die Scheidung sei, so würde ich diesen Preis bezahlen".

Heins Roman beginnt mit der Nachricht über den Selbstmord seiner Hauptfigur. Diese Botschaft erreicht Sebastian, eine Jugendliebe der Trousseau, den sie als ihren Schutzengel bezeichnet. Es ist der junge Sebastian, der in einer von Heins Rückblenden auf das Leben der Trousseau behauptet, sie sei unfähig zu lieben. Als die beginnende Malerin Paula sich an Sebastian erinnert, markiert sie für sich und den Roman einen Wendepunkt der Entwicklung: "Ich hatte einfach beschlossen, nie wieder so zu lieben, dass ich später leiden muss." Und: "Keiner stirbt aus Liebe, jedenfalls nicht aus Liebe zu einem anderen".

Es macht die Größe der Paula Trousseau aus, dass sie rücksichtslos ihr Ziel verfolgt, dass sie mit den Zwängen auch die Bindungen abstreift. Und es macht die Grösse des Autors aus, dass er, der Mann, aus dem Inneren einer Frau erzählen kann und nicht einfach Partei ergreift, sondern dem Leser die Entwicklungsgeschichte einer Frau so präsentiert, dass der zum Mit-, zum Nach- und zum Weiterdenken gezwungen wird. Vielleicht aber stirbt man aus einem Mangel an Liebe, so ließe sich die Behauptung Paulas kontern, vielleicht ist Liebe nichts anderes als ein Austausch von Zuwendung, der mal stärker von der einen, dann von der anderen Seite fließt, der kaum zeitgleich sein kann und ganz sicher nicht aufrechenbar ist und der offenkundig Geduld voraussetzt.

Trotz eines strengen, sorgfältig durchgezogenen Erzählfadens stecken im neuen Roman des Chistoph Hein mehrere Bücher. Allein die zart und dezent erzählten Liebesszenen der Trousseau mit anderen Frauen, die nicht simpel unter der Rubrik Bisexualität abzuheften sind, mehr unter dem Fragezeichen stehen, wie sich Sexualität zwischen Frauen und Männern gestaltet. "Und auch ihren kleinen Schwanz habe ich gern", sagt eine der Frauen, die Paulas Begehren weckt und befriedigt, über ihre Männerbeziehungen. Auch die Mutter der Paula, die nur einmal als eigenständiger Mensch aufschimmert, als sie hofft ihr Mann stürbe, könnte ein eigenes Buch hergeben. Der lakonische Erzähler Hein geht mit Figuren und mit Nebengeschichten geradezu verschwenderisch um.

Es kann dieser großzügige Umgang mit den vielen Geschichten in der Geschichte der Trousseau sein, der den einzigen erkennbar politischen Ausflug Heins befremdlich erscheinen lässt: Paulas Vater, der formalisierte Partei-Opportunist, Rektor einer Schule, lädt junge russische Soldaten zu sich nach Hause ein. Eine unangenehme Anbiederei unter dem Deckmantel Völkerfreundschaft kommentiert der Autor, indem er die Russen an den Töchtern herumfummeln lässt. Die Assoziationen sind bekannt, die Absicht Heins nicht transparent.

Die traurige Geschichte der "Frau Paula Trousseau" ist zu einem großartigen Buch geraten. Eine wilde Wut steckt in Paula, eine Wut der Selbstbehauptung, die den Weg zur Selbstverwirklichung bahnen soll, zum Abstreifen der Konvention. Dass Hein uns an dieser Bedingungslosigkeit teilnehmen lässt, dass er uns mitnimmt auf den langen Marsch zur Befreiung, dafür darf man dankbar sein. Und auch dafür, dass er uns mit der Frage, wie hoch denn der Preis der Freiheit ist, alleine lässt.

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