Es müssen mindestens sieben Kräuter sein, die zum Kräuterbusch gehören, darunter Johanniskraut, Baldrian, und Tausengüldenkraut, die an Maria-Himmelfahrt in katholischen Kirchen geweiht werden und gegen allerlei Leiden helfen, so mit dem Busch ein Krankenzimmer eingeräuchert wird. Auch in diesem August lud das Institut Sankt Philipp Neri, eine Kampforganisation für die alte Liturgie, wieder zu dieser okkulten Weihe ein. Martin Mosebach, der in diesem Jahr mit dem Büchner-Preis geehrt wird, gehört zu den engen Freunden dieser obskuren Vereinigung, die ihr Deo gratias nicht nur den vielen Spendern zuruft, sondern auch dem Papst, der, gepriesen sei der Herr, die alte, die lateinische Messe wieder zulässt.

Es war Martin Mosebach, der die Bühne deutscher Literatur mit einem Bändchen zur "Häresie der Formlosigkeit" betrat, einer Streitschrift für die alte, lateinische Kirchen-Liturgie, die ihn, merkwürdig genug, mit dem Namen des aufklärerischen, revolutionären Büchner in Beziehung brachte: "All dies (das Abweichen von der alten Liturgie im Jahr 1968 (!) durch Papst Paul VI) ist auch Ausdruck einer kulturellen Entwicklung des Westens, die den modernen irreligiösen, rationalistischen, metaphysisch blinden Menschen hervorgebracht hat." Mit einer solchen Position darf man Mosebach getrost zu den Konservativen zählen. Zugleich ist es erlaubt, ihn seiner Sprachmächtigkeit wegen, die von nicht wenigen Kritikern mit Thomas Mann und Musil verglichen wird, als Intellektuellen zu bezeichnen. Konservative Intellektuelle sind in Deutschland seltener als das Okapi in freier Wildbahn. Seit Golo Mann verstorben ist, seit Wolf Jobst Siedler am grünen Rand von Berlin zurückgezogen an seinen Memoiren schreibt, mochte man an das langsame Verschwinden konservativer Intellektueller in Deutschland glauben.

Neben Mosebach mag unter den Jüngeren noch Paul Nolte zu den konservativen Intellektuellen zählen, ein Professor und Historiker, der sich streng für Studiengebühren einsetzt, einen "Patriotismus der Zukunftsgestaltung" verlangt und sich vehement gegen den "postbismarckschen Anstaltsstaat" wendet, was solidarische Krankenkassen und Renten meint. Mit Nolte haben wir den neuen Typ des konservativen Intellektuellen. Zu ihnen gehört auch der öffentlich fast verblichene Merkel-Freund Paul Kirchhoff und der Richter Udo di Fabio, sie zählen zu den Neo-Konservativen, den Neo-Liberalen, deren Herz in den USA schlägt. In Deutschland werden gerne noch die Herren Schäuble und Arnulf Baring zu den neuen Konservativen gerechnet, die sich immer einig sind in der Ablehnung der Achtundsechziger-Bewegung, Auslobung diverser Sekundärtugenden und der Forderung nach wirtschaftlichen "Reformen". Weil diese sechs gezählten Intellektuellen eine etwas knapp bemessene Basis zur Beobchtung bieten, wurde die Frankfurter Allgemeine Zeitung, das Zentralorgan konservativer Intelligenz, zur Analyse hinzugezogen: Sechs werktägliche Ausgaben ihres Feuilletons sollten reichen, die Frage nach der Existenz und der Beschaffenheit konservativer Intellektualität in Deutschland zu beantworten.

In der jüngsten Samstagsausgabe gelingt dem FAZ-Feuilleton ein ziemlicher Wurf: Die Frontseite füllt Florian Henckel von Donnersmarck mit einem Nachruf auf Ulrich Mühe, die komplette letzte Seite wurde Christoph Hein für die Rezension eines Fotobandes von Roger Melis zur Verfügung gestellt. Etliche Tage nach dem Tod von Mühe ist Donnersmarcks Artikel natürlich kein wirklicher Nachruf. Es handelt sich eher um eine Mischung aus Marketing für seinen Film "Das Leben der anderen", der Verteidigung Mühes in der Causa der Denunziation seiner Ex-Frau als Stasi-Spitzel und einen hasserfüllten Angriff auf Gregor Gysi. Großzügig erwähnt Donnersmarck zwar, dass ein Gericht ihm und Mühe untersagt hatte, Jenny Gröllmann als Stasi-Mitarbeiterin zu bezeichnen. Das hindert aber ihn nicht, das Gericht als von Gregor Gysi ausgewählt zu diffamieren und drei geschlagene Spalten lang über den großen Schauspieler Mühe nichts anderes zu erzählen, als dass er mal kleinlich über seine Frau geredet hat. Wenn man sicher sein dürfte, die gleichzeitige Veröffentlichung von Donnersmarck und Christoph Hein, die gemeinsame Präsentation eines nachdenklichen DDR-Kenners und -Kritikers aus dem Osten und eines holzenden Ignoranten aus dem Westen, sei zufällig, wäre einem wohler. Man wird Hein nicht informiert haben, in welcher Gesellschaft er publiziert. Denn tatsächlich lässt sich sein differenzierter Aufsatz als Verlängerung, als Beleg der Donnersmarckschen Einlassungen begreifen, auch wenn er sicher nicht so gemeint ist.

Im Mittelpunkt der Heinschen Betrachtungen stehen die Fotos von Roger Melis. Dessen Bilder zeigen einen Alltag der DDR, "die unveränderlich war, in der sich über viele Jahrzehnte nichts bewegte, die in sich ruhte, aber auch stillstand." Hein führt dieses `in sich ruhen´, dieses Selbstbewusstsein der von Melis Portraitierten auf die Abgeschlossenheit des kleinen Landes zurück und auf den Mangel an Arbeitskräften, aus der Misswirtschaft resultierend, so dass jeder gebraucht wurde "und sich seines Wertes bewusst« sein konnte. Auf den Gedanken, dass die propagierte, nur selten ausgeübte, Macht der Arbeiterklasse sie in Grenzen unantastbar machte, kommt er nicht. An Heins ökonomischer Urteilsfähigkeit darf man zweifeln, wenn man seine Fußnote zur Globalisierung liest: Sie ermögliche erstmals eine weltweite Egalité und eine "weltumfassende Gerechtigkeit". Dass der in der Globalisierung auch zu erkennende Fortschritt ein blinder ist, einer der dem Profitgesetz gehorcht und von zerstörerischer Energie bestimmt wird, ist für Hein nicht transparent. Vielleicht liegt in dieser ökonomischen Verirrung, neben seiner Funktion als sprachgewaltiger Ost-Intellektueller, sein Nutzen für die FAZ.

Und auf Nützlichkeit im Sinne politischer Formierung der konservativen Art ist das Blatt bedacht: Wenn die FAZ am Film über die "Dixie-Chicks" und deren Bedrängung durch das Bush-Amerika nicht vorbei kommt, dann wird hinterhergeschoben, dass es bei den Chicks, durch die existenzielle Bedrohung, immerhin ums Ganze ging und andere Musiker darauf neidisch sein könnten. In einem Artikel zu Briefen des Philosophen Arnold Gehlen - ohne Termingrund ins Blatt gehoben, kein Geburts- oder Todestag stand an - wird weder an seine frühe NSDAP-Mitgliedschaft erinnert noch an seine widerliche Haltung bei der Entfernung jüdischer Professoren von reichsdeutschen Universitäten. Ebenso anlasslos ins Feuilleton gestreuselt erscheinen die Notizen des ehemaligen FAZ-Mitherausgebers Johann Georg Reißmüller: Dreimal besucht er literarisch sein Elternhaus im tschechischen Leitmeritz. Nur scheinbar unpolitisch wird der Verlust von Haus und Heim betrauert. Einem Zusammenhang zu historischen Ursachen des Verlustes verweigert sich die schmale Literatur. Über Dustin Hoffmans siebzigsten Geburtstag zu schreiben, die geniale Film-Farce "Wag the Dog" über Krieg und Propaganda zu erwähnen und Hoffmans strikte Haltung gegen Bush und den Irak-Krieg zu unterschlagen, das ist die platte Kunst der Ausblendung zum Zwecke der Blendung. Wenn dann, parallel zur Milchpreiserhöhung, ein langer gründlicher Artikel die Seiten des FAZ-Feuilletons zu den Lebensbedingungen einer Kuh ziert, dann weiß der Leser am Ende, dass "die Kuh die letzte (ist), die gegen die Milchpreiserhöhung etwas einzuwenden hätte."

Fast noch interessanter als das Geschriebene ist das Weggelassene: In der gleichen Publikationszeit wie jener der FAZ mochte das Feuilleton der "Süddeutschen" mit Tom Hayden über Gangs und Ghettos schreiben und titeln: "Geld für Gerechtigkeit, nicht für Gefängnisse". Eine scharfe, lange Glosse zeichnete in der selben Zeitung aus aktuellem Anlass die Bemühungen der Atom-Industrie, sich als Klima-Retter zu profilieren und schließlich fand der beschriebene Besuch einer Hightech-Waffenmesse den Weg zu den aktuellen Kriegen und der Haltung der USA. Nichts dergleichen in der FAZ: Kein Irak, kein Afghanistan, kein sozialer, kaum ein aktueller Zusammenhang. Konserviert wird der alte antikommunistische Reflex, lange nach dem Tod des realen Sozialismus, und der wird dann auch noch als Anti-Islamismus neu aufgelegt. Vom Herbeibeten lateinischer Messen durch Mosebach bis zur inhaltsleeren Restauration des Berliner Schlosses, die von W. J. Siedler, in der "Welt" triumphierend schon als gesichert gesehen wird: Die Konservativen bleiben gestrig und uninspiriert. Und dort, wo die konservativen Intellektuellen sich als Reformer, als Modernisierer ausgeben, da predigen sie doch nur den Rückgriff auf den alten Kapitalismus der freien Konkurrenz und des Freihandels, der im England des 18. Jahrhunderts entstand. Und selbst den haben sie falsch verstanden.

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