Das Nationale hat zur Zeit wieder Konjunktur: Poldi putzt die Polskis, so lautet die knappe, vulgäre Zusammenfassung des Fußballspiels Polen gegen Deutschland. Die nur scheinbar bessere Berichterstattung im ZDF mochte nicht auf die dauernden Hinweise verzichten, dass die deutschen Spieler Klose und Podolski aus Polen stammen: Wir können uns den Import von guten Spielern leisten, soll das sagen, aber diese Polen?! Mit schöner Direktheit macht der Springer-Verlag aus Nationalem Geld: Sein polnisches Blatt zeigt enthauptete deutsche Spieler, sein deutsches Blatt regt sich schrecklich darüber auf. Man muss Friede Springer und ihrem Vorstandsvorsitzenden für die Lehrstunde dankbar sein: National ist, was Umsatz macht.

Falls die Polen ausscheiden sollten, haben wir wahrscheinlich noch die Türken, um die Spannung aufrecht zu halten. Nicht wenige von denen spielen in deutschen Vereinen. Vor allem aber wohnen sie bei uns, die Türken. Und hauptsächlich bilden sie diese Parallelgesellschaften, die immer für eine CDU-Angstkampagne gut sind oder für den Umsatz der BILD-Zeitung, der Unterschied ist marginal. Tatsächlich sprechen die Türken in Deutschland vornehmlich Türkisch, essen Bakhlava, tragen Kopftücher oder Schnauzbärte, fahren Autos mit riesigen Lautsprecheranlagen und blicken finster. Sie weigern sich doch einfach mal eben Deutsche zu werden. Warum nur, wo wir doch in jedem fremden Land, dass wir betreten, jederzeit die Pizza in Küchen-Italienisch bestellen können, auch in Neuseeland: Due Capuccini! Sogar den Kaffee-Plural beherrscht der Deutsche.

Im 17. Bundesland, in Mallorca, kann sich der Deutsche beherrschen: Spanisch spricht er kaum, warum auch, schließlich zahlt er. Rund 50.000 Deutsche leben ständig auf einer Insel, die etwa 800.000 Einwohner zählt. Wollte man diesen oder jenen in seiner Finca besuchen, sollte man schon eingelegte Heringe mitbringen, die sind schlecht zu bekommen. Sicher, es gibt diese Läden mit deutschem Schwarzbrot, deutschem Doppelkorn und deutschen Fertigknödeln, aber doch nicht in diesem romantischen kleinen Ort, in dem Karl-Heinz wohnt: Entzückendes Häuschen im Gebirge, kaum Tourismus. Erika und er haben es vor zehn Jahren gekauft, gleich nach der Pensionierung. Und die Wertsteigerung! Me cag in Deu, sagt Karl-Heinz, ich scheiß auf Gott, das ist der einzige Satz in Mallorquin, den er in den Jahren seines Exils gelernt hat. Dass der Mallorquiner nicht mehr Spanisch sprechen will, sondern sein eigenes Idiom, das findet Karl-Heinz nicht nett.

Dass die besseren Galerien in der mallorquinischen Hauptstadt in den Händen von Deutschen sind, versteht sich: So viel deutsches Geld, soviel teurer, umbauter deutscher Raum, da muss doch der Sammler nicht nach Düsseldorf oder Köln jetten, da kauft er deutsche Maler in deutschen Galerien in Palma. Noch gibt es kein deutsches Viertel. Aber den deutschen Jazzfrühschoppen, viele deutsche Stammtische und natürlich die sonntägliche Weinprobe: Zwar gehört das Gut einem Schweden, aber gesprochen wird Deutsch. Und getrunken auch. Prost. Das deutsche Altersheim, die deutsche Seelsorge, der deutsche Töpfer, der deutsche Antiquitätenhändler. Ganz besonders aber: Der deutsche Makler, er kauft und verkauft die wirklich großen Objekte, ab einer Million Euro wird es interessant, ab zwei Millionen legt er sich ins Zeug, oberhalb von drei wird er tollkühn.

Im Sommer erhält der eingesessene Deutsche Verstärkung aus der Heimat. Rund drei Millionen deutsche Touristen fliegen dann ein. Mit denen will der ständige Mallorca-Deutsche nichts zu tun haben. Denn der Tourist geht doch tatsächlich ins "Oberbayern", statt zu dem schicken Österreicher im Insel-Zentrum. Der Tourist besteht gerne auf deutschem Schnitzel, während der Exilant lieber seine gebacken Hammelschulter oben in Alaro isst, dort trifft man dann die netten Hamburger, vom Hamburger Hügel aus dem Hafenstädtchen Andraitx. Unten, am Strand, da trinkt die Masse Sangria aus Eimern. Das käme dem Deutschen mit der übergroßen Villa und dem überdimensionierten Allradwagen und der übermenschlich lauten Stimme, nie in den Sinn. Besonders parallel wird es Weihnachten: Die Weihnachtslegende, gelesen im gebildeten Kreis, bei Kerzenschein und duftendem Tannengrün. Hoffentlich hat einer Pfeffernüsse mitgebracht.

Vor dem Supermarkt der junge Mann, der mit einem fränkisch rollendem "R" fragt, ob er den Einkaufswagen wegbringen kann, den Euro behält er dann. Es ist alles wie zu Hause. Es gibt deutsche Obdachlose auf Mallorca, Deutsche sitzen in mallorquinischen Gefängnisse, die Zahl deutscher Alkoholiker soll weit über dem Durchschnitt liegen. Aber während der Fußballeuropameisterschaft, vor den schönen großen Flachbildschirmen, da sind wird dann ein einig Volk von Trinkern. So ist das Nationale immer gut für den Umsatz. Der von vor dem Supermarkt wird dazu keinen Beitrag leisten können. Da wollen wir mal schön parallel bleiben.

Kommentare (2)

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Die wollen doch nur spielen: Hier ein Fähnchen dort ein Fähnchen, wem soll das weh tun?

Walter Weber
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Haben Sie das Spiel gegen Kroatiien gesehen? Na, also.

Uli Gellermann
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