ARD regelt mehr als Sprache

Die dicksten Lüge haben die größten Quoten

Autor: U. Gellermann
Datum: 22. Februar 2019

Von BILD bis „Junge Welt“: Das 120.000-Euro-Gutachten der ARD zum „Framing“ wird zwischen Hochstapelei und Manipulations- Handbuch eingeordnet. Und – selten genug – beide haben Recht. Und beide greifen zu kurz: Das „Framing Manual“ ist ein ideologisches Manifest der ARD, das alle vorhandenen gesetzlichen Regularien und Grundlagen der ARD durch Ignorieren außer Kraft setzt und die Machtergreifung einer hauseigenen, hausgemachten Glaubensgemeinschaft predigt. So organisiert man Gefolgschaft. Erst nach innen, bei den aktiven Trägern der Ideologie, den Redakteuren, dann bei den Zuschauern, die letztes Ziel der Ideologisierung sind. Fraglos ist Elisabeth Wehling, die Autorin des Manuals, keine simple Propaganda-Röhre. Aber ihre ARD-Glaubenspredigt hat alle Züge der klassischen, sektiererischen Formierung einer Kampfgemeinschaft. Was zu beweisen ist.

JEDE SEKTE BRAUCHT DEN GEGNER

Wer eine Glaubensgemeinschaft konstituieren will, braucht immer einen äußeren Feind. Der wird im Manifest der Wehling „Gegner“ genannt. Es versteht sich, dass in diesem primitiven Schema die ARD immer als gut begriffen wird und der „Gegner“ böse ist – so schreibt Frau Wehling zum Beispiel: „Der Grund, dass sich die ARD für das jeweilige Anliegen ein­setzt, während ihre Gegner – ob etwa in Form politischer Kräfte oder Kommerzmedien – sich gegen das Anliegen stark machen, liegt darin, dass beide ‚Lager’ ein und dieselbe Faktenlage unterschiedlich bewerten.“ Der Trick kommt auf Socken daher: Die politischen Kräfte werden nicht benannt oder gar analysiert. Und die „Kommerz-Medien“ als Gegner behauptet, obwohl die ARD genau denen seit Jahr und Tag immer ähnlicher wird, mit ihnen das Personal austauscht und vor allem mit ihren Talkshow-Formaten selbst neue kommerzielle Zentren außerhalb der öffentlichen Kontrolle etabliert hat, in denen Millionen verdient werden und Talk-Zucht-Meisterinnen wie Anne Will eine völlig ungezügelte Manipulations-Macht ausleben. Natürlich sind die privaten, kommerziellen Sendeanstalten durchweg noch schlimmer. Aber da sie – immer die Einschaltquote im Auge als Beispiel und Zielmarke im Kampf um bezahlte Werbung – längst die Veränderung der ursprünglichen ARD-Struktur bewirkt haben, ist ihre Positionierung im Wehling-Text als Gegner nur ein Trick zur Herstellung einer feindlichen Umwelt, die dem ARD-Lager das wärmende Feuer für die eigene Wagenburg verschafft. Wer, wie die ARD allein im Jahr 2017 mehr als 320 Millionen Euro aus dem Werbe-Fernsehen eingenommen hat, der ist längst im Kommerz-Lager angekommen. Der Kampf um den fetten Kuchen aus der Werbung zwischen privaten Verlegern und den Öffentlich-Rechtlichen spielt in Wehlings Manual einfach keine Rolle. So wird die Wirklichkeit durch Ausblendung zugunsten der Sekten-Wahrheit verengt.

JEDE SEKTE BRAUCHT EIN BEKENNTNIS

Wer Glaubensgemeinschaften gründen will, der braucht auch Glaubensbekenntnisse. Der bei Frau Wehling bestellte Text findet den wesentlichen Glaubensgrundsatz in der „Moral“, die der ARD zu eigen sein soll. Heftig und häufig wird der ARD „Moral“ attestiert. Wer für sich „Moral“ beansprucht, der unterstellt der Gegenseite UnMoral: „Kommunizieren Sie erfolgreich auf der Ebene moralischer Prinzipien – es sind Prinzipien, die Sie glasklar von ihren Gegnern unterscheiden“, lautet eine Handlungsanweisung des Manuals. Und kommt so zu einem drakonischen Glaubens-Satz: „Was für die ARD gerade groß genug ist . . . das ist für ARD­ Gegner viel zu groß.“ So gelangt die ARD durch ihr teures Auftragswerk auf den Gipfel unanfechtbarer Größe. Wen das nicht an die rituelle Beschwörung sektanter Abschottung erinnert, der will nichts erkennen oder sichert sich mit dem Glauben an die eigene Größe ein gut bezahltes Plätzchen auf eben dem Gipfel, der zum Runterschauen auf die für dumm verkaufte Masse der Zuschauer einlädt. So kommt das Wehling-Werk nur logisch zu diesem anfeuernden Kampfgeschrei: „Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD“. Wer „unser“ behauptet, der fragt nie und nimmer „wessen“, wer „gemeinsamer“ schreibt, der sieht die anderen draußen und wer als Rundfunk die Freiheit gepachtet hat, der übernimmt ganz bewußt das Framing des ewig freien Westens für sich. Und der definiert den Rest der Welt als unfrei.

NEUE BEGRIFFE HEBELN DEMOKRATIE AUS

Die noch existierende ARD geht mit den Zugriffs- und Kontrollmöglichkeiten ihrer Hörer und Zuschauer fahrlässig bis zur Verweigerung um. Aber tatsächlich sind in den Staatsverträgen der Sender – jenen gesetzlich begründeten Vereinbarungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit den Bundesländern in Vertretung aller Bürger – Rechte verankert, die demokratische Eingriffe in die Programme zulassen. Genau darüber schweigt Wehlings Manual total. Total ist hier wie totalitär zu lesen. Denn in dem im Manual unterdrückten Programmauftrag des NDR zum Beispiel steht solch ein Satz: „Der NDR hat den Rundfunkteilnehmern und Rundfunkteilnehmerinnen einen objektiven und umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und länderbezogene Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben“. Darüber wäre zu reden, dieser gewichtige Inhalt wäre mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Wenn man den Rahmen sprengen wollte. Auch dass es mit den Rundfunkräten bei den Sendern einen Versuch demokratischer Gremien gibt, geben könnte, unterschlägt die Wehling in ihrer Sekten-Predigt komplett: „Der Rundfunkrat soll die Interessen der Allgemeinheit auf dem Gebiet des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vertreten“, das kann man in den Staatsverträgen lesen. Nicht einmal das zitiert das Manual. Geschweige, dass dort von der kompletten Übernahme der Räte durch das herrschende Parteikartell die Rede wäre. Statt dessen serviert Wehling ihren Auftraggebern diesen Satz: „Bürger haben eine Beteiligung am gemeinsamen Rundfunk ARD, indem sie zum gemeinsamen Rundfunkkapi­tal beitragen“. Wie, wann und wodurch denn eine Beteiligung möglich wäre, wird kalt ignoriert, um eine Rundfunk-Volksgemeinschaft zu proklamieren, die den Zuschauern eine sonderbare „Teilhabe“ zuschanzt: „Teilhaben an etwas Größerem, an ei­ner gemeinschaftlichen Kraftanstrengung zugunsten einer Sache, die man aus eigener Kraft nicht realisieren kann“. Viel offener ist der Charakter des Glaubensbekenntnisses kaum zu formulieren: Man soll Teil eines unerklärten Größeren werden, eine gemeinsame Kraft aufwenden, sich als kleinen Teil des Großen Ganzen begreifen.

KONKRETE REALITÄT IRRITIERT SEKTEN NUR

Zum üblichen Sekten-Verhalten gehört die konsequente Verweigerung konkreter Themen. Das ARD-Programm bietet eigentlich eine Fülle von Inhalten, die in einem Rahmen durchaus Platz finden könnten und müssten, wollte man sich seriös mit der ARD beschäftigen. Aber selbst bei der inhaltlichen Nähe der ARD zu ihren von Wehling behaupteten privaten Gegnern wäre ein schlichter privater Vergleich hilfreich. Zum Beispiel der Fall Skripal: Ein ehemaliger Agent wird mit Vergiftungserscheinungen in eine britische Klinik eingeliefert. Die ARD-Tagesschau beschuldigt den russischen Geheimdienst der Tat. Einzige Quelle ist der britische Geheimdienst. Offizielle Klage erhebt die englische Premierministerin. Sowohl bei den vermeintlichen Gegnern der ARD – Private Medien aller Art – als auch bei den Öffentlich-Rechtlichen wimmelt es von Absicherungs-Wörtern wie „mutmaßlich - wahrscheinlich - möglicherweise“. Die Quellen sind dubios oder parteiisch. So einfach könnte die Verifizierung von Anspruch und Wirklichkeit sein. Wenn die konkrete Realität nicht ausgeblendet würde. Aber die ARD-Sekte in Gründung darf keineswegs durch Faktizität irritiert werden.

ARD-GENERALSEKRETÄRIN
VERTEIDIGT GLAUBENS-TRAKTAT

Denkbar wäre, dass im ARD-Tagesgeschäft mal ein falscher Auftrag ausgelöst worden wäre, dass der große Apparat mal einen kleineren Fehler gemacht hat. Aber weit gefehlt. Die ARD-Generalsekretärin – ein mächtiger Titel für eine wirkungsmächtige Funktionärin – Dr. Susanne Pfab, stellt sich mit einer „Klarstellung“ hinter dasTraktat der Wehling. Das sei zwar eine „Arbeitsunterlage“, hätte aber einen „missverständlichen Titel“. Und mache nur „unter anderem darauf aufmerksam, dass es sinnvoll sei, über sprachliche Formulierungen auch die dahinterstehenden Werte offenzulegen“. Eine glatte Lüge. Aber die dicksten Lügen haben die größten Quoten und um die Wahrheit komplett zu versenken, wird noch dieser Beton drübergegossen: Bei dem „Workshop-Angebot für Mitarbeitende geht es darum, für den verantwortungsvollen Umgang mit Sprache zu sensibilisieren“. Die Wahrheit: hinter einem schwülstigen Vorhang scheinwissenschaftlicher Sprache enthüllt sich der ARD-Manipulationsapparat in all seiner hässlichen Gestalt.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 22. Februar 2019 schrieb altes Fachbuch:

"Dass es sich in Zeiten alternativer Informationsfülle im Internet mit diesem Ansinnen um einen medien-ideologischen Bumerang handelt, werden die Sektenführer hoffentlich eher früher als später erfahren müssen. "

es wird keinen bumerang geben!!! die DIKTATUR hat juristisch vorgesorgt. upload-filter, netzdurchleitungsgesetz, sperrung ausländischer medien (zufällig russischer;)....


Am 22. Februar 2019 schrieb Jenny Westphal:

Ein gutes Stück polemischer Analyse. Selten gute Sprache, ausgezeichnete Denke. Danke.


Am 22. Februar 2019 schrieb altes Fachbuch:

weg mit dem kampf um köpfe, das land der dichter und denker setzt auf's "moralisierende", den bauch:) ich freue mich auf den ersten schulabgang nach dem schulkompromiss;)
wer beim galeristen postet, ist der rationalität auf dem leim gegangen, und missachtet die moralische überlegenheit der ARD:)
so beginnt schwachsinn:
"Wenn Sie Ihre Mitbürger dazu bringen wollen, den Mehrwert der ARD zu begreifen und sich hinter die Idee eines
gemeinsamen, freien Rundfunks ARD zu stellen - auch und gerade in Zeiten, in denen Gegner der ARD deren Relevanz in Frage stellen und orchestrierte Kampagnen fahren, die die ARD in starken Bildern und Narrativen abwerten dann muss Ihre Kommunikation immer in Form von moralischen Argumenten stattfinden. In Form von Argumenten also, die eine moralische Dringlichkeit kommunizieren und eine Antwort auf die Frage geben: Wieso ist die ARD gut ?
nicht schlecht, wie Ihre Gegner es halten; und wieso ist es wichtig und richtig, die ARD in ihrer Form zu erhalten - nicht überflüssig und falsch, wie Ihre Gegner es propagieren.
Das bedeutet, dass die Worte, Slogans und Narrativen, die Sie verwenden, ein
primäres Ziel haben müssen: das Ziel, bei der Diskussion von Fakten rund um
die ARD und Themen wie „Beitragszahlungen“ oder "Strukturreform" immer
zunächst ihre moralische Perspektive sprachlich offenzulegen. Denken und
sprechen Sie nicht primär in Form von Faktenlisten und einzelnen Details. Denken und sprechen Sie zunächst immer über die moralischen Prämissen. Der Grund ist einfach: Wenn Menschen sich für oder gegen eine Sache einsetzen, dann tun sie das nicht aufgrund von einzelnen Faktenargumenten und auch nicht aufgrund eines reinen Appellierens an ihren materiellen Eigennutz. Sondern, sie tun es, wenn sie das Gefühl haben, dass es ums Prinzip geht."


Am 22. Februar 2019 schrieb Marc Britz:

Ein hervorragender Artikel zum selten so offen formulierten neo-kolonialen Gleichschaltungsprogramm (was das beinhaltet kann im umseitigen Auschwitz-Boy-Artikel gut nachvollzogen werden). Dazu bleibt nur anzumerken, dass Sektenbildung ja meistens ein Sypmtom des Verfalls der jeweiligen Othodoxie darstellt. Die Orthodoxie ist hier die verwelkende Medienhegemonie des westlich-atlantischen militärisch-industriellen Komplexes. Auch die gesteigerte Aggression der Sekten speist sich meist aus der Erkenntnis, dass die Organisation aus der sie hervorgehen, nicht mehr adequat die „Reine Wahrheit" verkaufen kann. Der Wahrheitsanspruch der nach privatwirtschaftlichen Kriterien operierenden Staatsmedien ist mindestens in einer Hinsicht dem von Coca-Cola auf den Weihnachtsmann vergleichbar: Kein halbwegs informierter Mensch glaubt noch an die angeblich von kapitalgesteurten Interessen unabhängig vermittelte Wohlfühlbotschaft. Es ist die selbsterklärte Aufgabe der Sekte genau diesen Anspruch mit um so strikteren Methoden wieder herzustellen. Dass es sich in Zeiten alternativer Informationsfülle im Internet mit diesem Ansinnen um einen medien-ideologischen Bumerang handelt, werden die Sektenführer hoffentlich eher früher als später erfahren müssen.


Am 22. Februar 2019 schrieb Albrecht Storz:

Naja, die "Moral" der ARD ist es eben, staatstragend zu sein. Von einem Gegensatz zwischen Staat und Gesellschaft wird dort höchstens mal in einem Literaturmagazin vage und unauffällig spekuliert.

Und Informationen, die die Bürger verunsichern könnten, müssen ja schon fast aus humanitären Gründen vorenthalten bleiben. Also alles gut (für die Besitzer dieses Staates).

Dran bleiben...

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