Lange habe ich mir überlegt, was aus mir werden soll. Jetzt, da ich ein Alter erreicht habe, in dem ich mal etwas Neues anfangen könnte, weiß ich seit kurzem auch, was ich machen werde: Ich schreibe ein Wahlkampf-Pamphlet. Nun werden Sie einwenden, das mache doch zur Zeit jeder hergelaufene Politiker, und wer wolle so etwas denn bloß lesen und so. Aber tatsächlich hat mich der Rowohlt-Verlag zu diesem kühnen Unsinn ermuntert. Vielleicht werde ich dann auch in meinem Nachwort "meinem wunderbar genauen Verleger Alexander Fest" danken. So wie das Volker Zastrow in seiner Doku-Fiction "Die Vier" getan hat. Nach Ende einer Geschichte über jene vier hessischen SPD-Abgeordneten, die Roland Koch, dem hessischen CDU-Ministerpräsidenten die Wiederwahl ermöglicht hatten, indem sie sich einer Tolerierung der möglichen Ypsilanti-Regierung durch die Linkspartei verweigerten.
Volker Zastrow ist Politikchef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", ein Blatt, das man nicht überparteilich nennen kann. Und er hat ein halbes Jahr Arbeit in das Buch investiert. Man könnte also auf den Umschlag schreiben "Sponsort by FAZ", denn für die Redaktion kann Zastrow während des Schreibens nicht viel gearbeitet haben. Aber die bei Rowohlt sind ja nicht blöd. Stünde das FAZ-Logo tatsächlich drauf, wäre es offensichtlich, dass es sich um ein gewöhnliches CDU-Unterstützer-Schreiben handele, und Wahlkampfmaterial ist zur Zeit in jedem Papierkorb zu finden. Nein, wird Alexander Fest gesagt haben, lieber Herr Zastrow, wir wollen das als völlig objektive Dokumentation aufziehen, klar muss hie und da auch was Menschliches rein, die Sache mit dem amputierten Bein der Landtagsabgeordneten Tesch zum Beispiel, eine der vier Verweigerer. Den Jürgen Walter, stellvertretender SPD-Vorsitzendern im hessischen Landtag, den können nur wir schlecht aussehen lassen, der ist ein zu offensichtlicher Karrierist, aber die drei Frauen: Alles Märtyrer im Kampf gegen eine mörderische Linke!
Doch nach den ersten Regieanweisungen durch den Rowohlt-Chef kam Zastrow in den Sinn, er müsse, damit das Buch für die CDU einen Nutzen habe, doch etwas Nettes über Roland Koch schreiben, wenn es um den hessischen Landtag ginge, zum Bespiel das, was er im Januar des letzten Jahres in der "Weltwoche" über ihn formuliert hatte: "Der hessische Ministerpräsident Roland Koch war das intellektuelle Schwergewicht der deutschen Christdemokraten. Seine Wahlschlappe ist ein Indiz für einen Linksrutsch in Deutschland bis weit in die konservativen Milieus." Aber, aber, wird Alexander Fest den Kopf geschüttelt haben, doch nicht so: Der Koch ist doch immer noch wegen seiner Nähe zu den `jüdischen Vermächtnissen´ und seiner faktisch rassistischen Ausländerpolitik unangenehm bekannt, nein, den lassen wir einfach weg. Schließlich sollen Sie doch als objektiver, über den Parteiungen stehender Autor präsentiert werden, sonst kann ich so ein Pamphlet doch gleich vom Chef der Bildzeitung schreiben lassen.
Und so geschah es dann: Rowohlt legt mit dem Autor Volker Zastrow ein Buch über "Die Vier" und deren Entscheidung für Roland Koch vor, das den Gewinner ihrer Entscheidung mit kaum einem Wort erwähnt, ein Buch, das so den bewegten Tagen und Wochen vor und nach der hessischen Landtagswahl jeden Inhalt nimmt und sich nahezu völlig auf die mechanischen Abläufe von Politik beschränkt, garniert mit jenen privaten Stories der Vier, die ins Konzept passten. Aber manchmal ist dem Zastrow doch der Polit-Gaul durchgegangen, so, wenn er behauptet, für den SPD-Schattenminster Hermann Scheer sei "eine planwirtschaftliche Kommandobrücke" entstanden. So, als habe der FAZ-Mitarbeiter die planwirtschaftlichen Eingriffe der Bundesregierung während der Krise verschlafen, gegen die Scheers Möglichkeiten nicht mal Plänchen gewesen wären. Auch wenn der Autor ein rührendes Portrait der Metzger-Famillie dichtet - in der die SPD-Posten über drei Generation weiter vererbt wurden, bis eben zu jener Dagmar Metzger, die sich als erste gegen den Kurs von Andrea Ypsilanti stellte - manipuliert er zu offensichtlich. Denn Seilschaften lehnt er mit den Ausdruck des Entsetzens an anderen Stellen des Buches ab: Wenn SPD-Linke sich an ihnen hochziehen. Rechte Erbhöfe allerdings werden geadelt.
Das vorliegende Buch enthält nichts wesentlich Neues. Bis eben auf die wunderbare Anregung für meine nächsten Projekte. Zum Beispiel wäre ein Buch über André Brie denkbar, dem die Linkspartei eine erneute Kandidatur zur EU-Wahl verweigerte. Ich müsste ihn zu einem einsamen Kämpfer für ein vereintes Europa stilisieren, der von seiner widerlichen Partei weg gemobbt worden ist. Zwar fand er einfach mit seiner Position keine Mehrheit mehr in seiner Partei und wurde deshalb, wie überall üblich, nicht mehr gewählt, aber das werde ich einfach verschweigen. Oder unter dem Titel "Angela - Die Frau aus dem Westen" werde ich die ersten Lebenswochen der Merkel in Hamburg (!) beschreiben, unter Berücksichtigung pränataler Erfahrungen und extremer frühkindlicher Prägungen. Den Rest ihres Lebens in der DDR übergehe ich vornehm. Hallo Herr Fest! Hier bin ich! So objektiv wie Zastrow bin ich allemal.