NATO-Mitglied auf der Kurden-Jagd

Deutsche Bündnis-Partner im Terror-Krieg

Autor: U. Gellermann
Datum: 17. September 2015

Die wirklich tapferen Piloten der türkischen F-16-Flugzeuge bombardieren mal wieder kurdische Dörfer. In der Luft ist man so schön sicher. Am Boden sterben, neben Kämpfern der PKK, der Arbeiterpartei Kurdistans, auch Frauen, Kinder, Zivilisten. Macht nix, erzählen deutsche Medien. Denn die PKK wird grundsätzlich mit den Attributen "terroristisch" und "verboten" belegt. Und verbotene Terroristen, sagt der Redakteur, die gehören halt zerbombt. Die NATO – das ist der aggressive Militärverein, in dem Deutschland schon lange Mitglied ist – erklärte der Türkei jüngst ihre Solidarität im "Kampf gegen den Terrorismus". Die kurdischen Dörfer können im Südosten der Türkei liegen, aber gern auch im Norden des Irak oder Syriens. Das ist anscheinend alles NATO-Land. Und weil der größenwahnsinnige Sultan Recep Tayyip Erdoğan die nächste türkische Wahl gewinnen will, und weil er glaubt, dass tote Kurden sich in Wählerstimmen ummünzen lassen, geht das Bomben munter weiter.

Die Türkei ist seit 1952 stolzer Teil der NATO. Und nicht irgendein Mitglied: Die Türkei unterhält die zweitgrößte Armee nach den USA. Die türkischen Streitkräfte können im Rahmen der nuklearen Teilhabe-Strategie der NATO mit US-Sprengköpfen atomar bewaffnet werden. In der Türkei werden einsatzfähige Atomsprengköpfe am NATO-Stützpunkt Incirlik Air Base dafür bereitgehalten. Türkische Offiziere werden in den USA ausgebildet, sie sitzen in den NATO-Kommandostäben. Und die eigentlichen Befehlshaber der türkischen Armee in den USA verteilen für den Krieg gegen die Kurden nur Bestnoten: Der Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama, Ben Rhodes, betonte jüngst das Recht der Türkei, gegen terroristische Ziele vorzugehen.

Die Kurden – eine Volksgruppe, die in der Türkei, im Irak, im Iran und in Syrien lebt – stellen mit etwa 18 Prozent der Gesamtbevölkerung die größte ethnische Minderheit in der Türkei. Luftangriffe durch die türkische Armee kennen Kurden schon seit den 30er Jahren. Weil sie ihre eigene Sprache sprechen möchten, auch im Schulunterricht, und weil sie, die man lange Zeit beleidigend "Berg-Türken" nannte, auf einer eigenen Identität bestehen. Das hat sie immer wieder Tote gekostet. Gefängnis und Folter waren Jahrzehnte Begleiter der Kurden. Und auch Umsiedlungen waren üblich: In den 1990er Jahren wurden 6.153 kurdische Siedlungen und 1.779 Dörfer zwangsgeräumt, eine Million Menschen wurden aus "Sicherheitsgründen" umgesiedelt. Unter der Parole "Kampf gegen den Terror" terrorisierten die türkische Armee und die Polizei die kurdische Bevölkerung.

Brav hat sich der NATO-Partner Deutschland dem NATO-Partner Türkei in der Wertung kurdischer Kämpfe um Selbstbestimmung schon 1993 angeschlossen und die kurdische Arbeiterpartei (PKK) mit einem "Betätigungsverbot" belegt. Selbstverständlich wurde bisher keine der türkischen Regierungen, die in den Kurdengebieten Angst und Schrecken verbreiteten, von deutschen Regierungen auch nur gerügt. Widerspruchslos kämpften Bundeswehreinheiten sogar von Juni 2002 bis Februar 2003 unter türkischer Leitung in Afghanistan. Nicht zuletzt ist der türkische Staat ein guter Kunde: In der Bundesrepublik Deutschland kaufte er 354 Kampfpanzer des Typs Leopard 2 und bestellte zudem sechs Einheiten der U-Boot-Klasse 214.

Doch gerecht wie nur die Deutsche Bundesrepublik sein kann, liefert sie auch Waffen an Kurden: Jenen, die im Irak gegen den IS kämpfen, spendierte sie Boden-Boden-Panzerabwehrlenkwaffen des Typs Milan, Gewehre des Typs G3 und des Typs G36, auch gern Maschinengewehre und Panzerfäuste. In den meisten deutschen Medien erfährt man von den "Peschmerga", den Kämpfern für ein autonomes Kurdistan im Irak als Waffen-Abnehmer. Dass zu den hartnäckigsten Verteidigern kurdischer Freiheit auch und gerade Einheiten der laizistischen PKK zählen, muss der deutsche Medienkonsument nicht wissen: Er könnte an der sonderbaren Aussen- und Militärpolitik der deutschen Regierung irre werden.

Zur langen Blutspur der NATO-Staaten – begonnen im Irak, verlängert in Libyen und Syrien – gehört nun erneut das Blut ermordeter Kurden. Unbeirrt hält die Bundesrepublik an einem Militärbündnis fest, das, angeblich zur Verteidigung gegründet, längst zum Instrument der US-Außenpolitik geworden ist und gern kaputte Staaten hinterlässt. Vielleicht sollten die türkischen Kurden kollektiv in Deutschland um Asyl nachsuchen. Die Bedingungen des Artikel 16a des Grundgesetzes "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht" erfüllen die Kurden allemal. Ob allerdings die etwa 16 Millionen Kurden in Deutschland noch Platz finden würden, ist fraglich. Fraglos würden sie, wenn sie an der deutschen Grenze anklopften, ihr berechtigtes Anliegen dröhnend auf die Merkel' sche Tagesordnung setzen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 20. September 2015 schrieb Pat Hall:

Hallo Herr Ebel und Herr Wulf, für Ihre Reise nach Ramstein habe ich hier zu Ihrer Stärkung noch ein interessantes Video auf YOU-TUBE parat,
SCHLIESST RAMSTEIN! Videobotschaft von CIA-Analyst Ray McGovern
https://www.youtube.com/watch?v=-hb-N-GJYMM


Am 20. September 2015 schrieb Brigitte Klara Mensah-Attoh:

Was geht das eigentlich alles die USA an, was mischen die sich eigentlich über-über-überall auf der Welt ein?
Weil diese selbsternannte "Weltpolizei" - schon IMMER hatte - nur die eigenen Interessen im Focus hat. Ob hier - ob da - so auch jetzt in der Kurdenfrage.....
(dabei wird die Ami-Bevölkerung wohl kaum wissen, wo genau überall Kurden leben)
Spezialisten wie Brzinsky & Co baldovern ja seit langem aus, was dabei für die USA herausspringt.

Das Schlimmste aber daran ist, daß es diese dreckigen Vasallen gibt so wie die Bundesrepublik Deutschland (Merkel und Konsorten), die das ganze unsägliche Desaster, das Amerika weltweit anrichtet, STUMM, fast gottergeben mittragen, vor allem diesen widerlichen Kriegstreibern und WAFFEN-Exporteuren bis zum heutigen Tag die Füsse küssen .... Und ihnen ewige Loyalität schwören.

Das Ergebnis: Massenflucht von Menschen aus der Hölle (wg. kompletter Zerstörung ihrer Heimat) - wer diese Menschen dann schließlich aufnimmt, Deutschland, . . . .
DAS ist den Profiteuren relativ egal....
dient doch auch DAS den AMI- und ISRAEL-Interessen:
denn so kann der "Konkurrent" Europa mittels Kriegen und deren Folgen klein gehalten werden...


Am 19. September 2015 schrieb Laura Wennecker:

Jetzt ahnt sogar der Mainstream (SZ) das, was die RATIONALGALERIE schon vor Tagen klar machte: "

Bürgerkrieg im Brennglas

"Neun Tage lang hat das türkische Militär die Kurden-Stadt Cizre abgeriegelt. Auf den Straßen kämpfte das Militär gegen die PKK-Jugend. An der Stadt zeigt sich im Kleinen, was im schlimmsten Fall das ganze Land ergreifen könnte.

Zehn Tage lang hatte das türkische Militär dort eine umstrittene Ausgangssperre verhängt und gegen bewaffnete kurdische Rebellen gekämpft. Die prokurdische HDP-Partei, die die Stadt regiert, sprach hinterher von 21 toten Zivilisten - darunter auch Frauen und Kinder. Erst am Montag hob das Militär die Ausgangssperre auf. Endlich konnten die rund 110 000 Einwohner der Stadt im Südosten der Türkei ihre Häuser verlassen und ihre Toten begraben."


Am 19. September 2015 schrieb Manfred Ebel:

Herr Wulf, wir sehen uns.


Am 19. September 2015 schrieb Eard Wulf:

@Manfred Ebel

Mal etwas handfestes: https://ttip-sonderzug.de/anreise/zugfahrkarten/


Am 18. September 2015 schrieb Manfred Ebel:

Kampagne Stopp Ramstein: Kein Drohnenkrieg!
"Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.<2

http://www.ramstein-kampagne.eu/


Am 18. September 2015 schrieb Regina Windhorst:

Gerade jetzt reist der deutsche Außenminister in die Türkei. Kein Ton von ihm zur erneuten Aggression gegen die Kurden. So funktioniert die Menschenrechtspolitik der Bundesrepublik: Einseitig. Immer längs der Interessen der USA.


Am 17. September 2015 schrieb Hans-Werner Gudereit:

Schon bei Ihrem Artikel zu Assad wollte ich anmerken, dass Sie immer wieder das Wesentliche erfassen, das gilt für den Text zu den Kurden erneut. Danke.


Am 17. September 2015 schrieb Renate Hollmann:

Florence Garnier @ Uli Gellermann

Die USA machen schon lange keine eindeutige, stringente Außenpolitik mehr. Seit den Staaten mit der Sowjetunion (und den großen sozialistischen Bewegungen in der 3. Welt) der klassische Feind abhanden gekommen ist, orientiert der blinde Riese auf schlichte Zerstörung. Im Fall Irak/Kurden hat Gellermann das knapp aber präzise formuliert: Da der Irak droht schiitisch zu werden (wo er das noch noch ist) und somit vom Iran beeinflusst werden kann, können die USA prima mit einem kaputten Irak leben und versuchen parallel mit einem autonomen Kurdistan einen konservativ-sunnitischen Staat als Knüppel für die Region zu schnitzen. Das alles ist kurzfristig und wird, weil die Türkei andere Ziele hat, eher in einen neuen Krieg münden. Aber so lange der nicht vor der Haustür der USA stattfindet, so lange er aus der Luft beherrschbar erscheint, ist den USA jeder beliebige Krieg recht.

@Jochen Scholz
Die Rede von Gauweiler habe ich mit großem Interesse gelesen. Es gab Zeiten, da gehörte der Mann zu meinen Lieblingsfeinden. Aber seine Haltung zum Krieg und zur Kriegsgefahr ist wirklich lesenswert. Auch an Gauweiler ist zu erfahren: Es gibt sie noch die nationale Frage.


Am 17. September 2015 schrieb Kurt Wolfgang Ringel:

Die Flüchtlingsströme und gleichzeitig Terror - das ist selbst von Nato-Deutschland wirklich zu viel. verlangt. Also wird auf Altbewährtes zurückgegriffen. Und was früher die Stellvertreterkriege waren, das ist heute der Stellvertreter-Terror. z. b. Der von der Türkei gegen die Kurden.

Auch bin ich der Meinung, dass Deutschland sich auf den Holzwege befindet. Aus sehr stabilem Holze bestanden/bestehen diese Wege nicht. Sehr oft ist dass Holz dieser Wege schon morsch. Das erneuern der Straßen und Brücken schmälert im Kapitalismus unnötig den Profit..

Nur im Harz freue ich mich, wenn ich auf einem Holzweg bin. Dort fühle ich mich im Gegensatz zu Deutschen Regierungspolitik sicher und geborgen.


Am 17. September 2015 schrieb Manfred Caesar:

Interessant ist immer wieder die Unterscheidung von Zivilisten und Nichtzivilisten.Was ist das Gegenteil von Zivilist? Terrorist "Was ist ein Terrorist "
Ganz sicher kein Mensch, denn er muß wie Ungeziefer bekämpft werden.


Am 17. September 2015 schrieb Florence Garnier:

Uch glaube, die Haltung der NATO-Länder den Kurden gegenüber ist eher zwiespältig: einerseits unterstützen sie die Türkei, ganz so, wie Du es beschreibst. Andererseits besteht aber auch ein Interesse der USA an einem autonomen Staat Kurdistan, auch aus Rücksicht anderen regionalen Interessen gegenüber. Meinst Du nicht?

Antwort von U. Gellermann:

Meine ich partiell auch: Die USA wollen einen kurdischen Staat im Irak. Sowohl, um einen regionalen Partner zu haben, als auch, um von dort aus die Kurden rauszulösen, die in Syrien auf ein autonomes Kurdistan orientieren. Dabei ist aber die eher laizistisch und sozial orientierte PKK schwer einzuschätzen. Wie immer hätten die USA gern einen Vasallen. Der wird die PKK nicht sein, zumal sie die Interessen der Kurden in der Türkei vertritt: Das aber (sagen die USA) ist natürlich terroristisch.


Am 17. September 2015 schrieb Lutz Jahoda:

Geschichtlich auf dem Holzweg
war Deutschland schon immer.
Am liebsten mit Waffen und Fahnen.
Hätten wir da nicht wissen müssen
oder zumindest erahnen:
Nach der Wende wird es noch schlimmer?
Wohl nicht,
denn da war ja noch die Sache mit den Bananen.


Am 17. September 2015 schrieb Hans Ion:

Wann wird man je versteh´n? Der angeblich WEISE MENSCH (=HOMO SAPIENS) "könnte" nur überleben mit: "FRIEDEN SCHAFFEN OHNE WAFFEN!"


Am 17. September 2015 schrieb Jürgen Günther::

Brillanter Artikel. Auch den weiteren Artikeln kann ich zustimmen. Ich habe Euren Blog vor Kurzem über die nachdenkseiten kennengelernt. Klasse! Weiter so!


Am 17. September 2015 schrieb Günther Derendorf:

Ein interessanter aber durchsichtiger Versuch, der PKK eine Heiligenschein zu verpassen!


Am 17. September 2015 schrieb Benny Thomas Olieni:

"Zur langen Blutspur der NATO-Staaten ? begonnen im Irak, verlängert in Libyen und Syrien ? gehört nun erneut das Blut ermordeter Kurden. Unbeirrt hält die Bundesrepublik an einem Militärbündnis fest, das, angeblich zur Verteidigung gegründet, längst zum Instrument der US-Außenpolitik geworden ist und gern kaputte Staaten hinterlässt."

N ord
A tlantik
T error
O rganisation

D eutschland raus aus EU und NATO!


Am 17. September 2015 schrieb S. Hauptkorn:

Hauptsache der Dollar rollt!
Menschenleben!? Was war das gleich nochmal?

Kranke Welt!


Am 17. September 2015 schrieb Jochen Scholz:

Was die deutsche Beteiligung an den "NATO-Land-ist-überall" angeht, hat Peter Gauweiler im vorigen Jahr einen fulminanten Vortrag an der Helmut-Schmidt-Uni der Bundeswehr gehalten:

http://www.peter-gauweiler.de/pdf/reden/2014-06-04_hamburg.pdf

Antwort von U. Gellermann:

Eine interessante Rede, die ich Gauweiler nicht zugetraut hätte.


Am 17. September 2015 schrieb G. Pietrzak:

Ich grüße die tapfren Frauen und Mädchen in den PKK -Batallionen,drücke ihnen die Daumen!

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