Russischer Terror

Dr. Gniffke und die Geschichte

Autor: U. Gellermann
Datum: 10. April 2017

"Da bin ich aber froh“ seufzte Dr. Gniffke, der Chef von ARD-aktuell, „dass der Berliner Senat so klug entschieden hat. Das fehlte noch, das Brandenburger Tor in die russischen Farben zu tauchen. Nur wegen so ein bisschen Terror in St. Petersburg. Die Russen hatten doch gleich 1945 ihre rote Fahne an der kaputten Quadriga gehisst. Nach langem Terror gegen die deutsche Armee! Das wollen wir doch mal nicht vergessen. Befreier? Quatsch, Sieger. Und jetzt, wo die rote Fahne schon lange weg ist, versuchen sie es auf die Mitleidstour. Nichts da. Wir werden doch kein Eigentor schießen!“ Kichert und geht ab.

Programmbeschwerde
St. Petersburg-Anschlag-Brandenburger Tor

http://www.tagesschau.de/ausland/explosion-in-petersburg-105.html
 
Sehr geehrte Damen und Herren des NDR-Rundfunkrates,
 
auf Tagesschau.de hieß es am Schluss des og. miserablen Beitrages wörtlich:

"Das Brandenburger Tor allerdings sollte einem Senatssprecher zufolge am Montagabend nicht in den russischen Nationalfarben angestrahlt werden. St. Petersburg sei keine Partnerstadt von Berlin, hieß es zur Begründung. Davon solle nur in Ausnahmefällen abgewichen werden. Nach Anschlägen wie etwa in Paris, Brüssel, London, Istanbul (Partnerstädte von Berlin), Nizza und Jerusalem war das Berliner Wahrzeichen in Solidarität mit den Betroffenen in den Nationalfarben der jeweiligen Länder angestrahlt worden." 

Diese Nachricht ist verkürzt und desinformativ, also eine fake-news. Richtig ist, dass das Brandenburger Tor auch bei Terroranschlägen in anderen Städten angestrahlt wurde (z.B. Orlando), das Argument der Partnerstädte also nur vordergründig ist. Dass ARD-aktuell auf die doppelbödige Argumentation nicht eingeht und den Eindruck vermittelt, als sei die Entscheidung des Berliner Senats nach allgemein verbindlichen Kriterien erfolgt und nicht weiter zu beanstanden, ist eine Manipulation. Zusätzliche, einordnende Hinweise sind offensichtlich unterblieben, weil die Senats-Entscheidung im Einklang mit der bekannten streng russlandhetzerischen Tendenz von ARD-aktuell steht.

St.Petersburg  steht sehr wohl in einer besonderen Beziehung zu Berlin. Es wurde im Weltkrieg II, als es noch Leningrad hieß, bekanntlich von der Nazi-Wehrmacht eingeschlossen, und während der zweieinhalb Jahre dauernden Blockade verhungerten mehr als 900 000 Bewohner. Die Zahl der Leningrader Toten insgesamt wird auf 1,1 Millionen geschätzt. Auf diesen historischen Hintergrund hätte ARD.aktuell im Zusammenhang mit der schäbigen Berliner Senatsentscheidung hinweisen müssen. Da dies unterblieb, liegt ein Verstoß gegen die Programmrichtlinie "Ziel aller Informationssendungen ist es, sachlich und umfassend zu unterrichten und damit zur selbstständigen Urteilsbildung der Bürger und Bürgerinnen beizutragen“ vor. 
 
In diesem Zusammenhang sei Dr. Gniffke und seiner Qualitätsjournalistentruppe ein Protestbrief des Oberstleutnants i.R. Jochen Scholz ins Stammbuch für journalistischen Anstand geschrieben:
Email an den Regierenden Bürgermeister Berlins zum Anschlag in St. Petersburg:

"Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,
Schande über Sie und die übrigen Verantwortlichen, das Brandenburger Tor noch dem Anschlag von Sankt Petersburg nicht in den russischen Nationalfarben anzustrahlen! Die Begründung des Senatssprechers ist ja nicht auf seinem Mist gewachsen, sie gibt vielmehr die Haltung des Senats als Gremium wieder, dem auch jemand angehört, der für Kultur zuständig ist. Geschichte ist Teil der Kultur, sie wird jedoch in diesem konkreten Fall von der Bürokratie beiseite geschoben: keine Partnerstadt von Berlin. Diese Begründung ist derart fadenscheinig, auch mit Blick auf Orlando, dass man sie mit Fug und Recht als Tarnkappe bezeichnen darf: einmal Frontstadt, immer Frontstadt. Als ob Berlin und Sankt Petersburg nicht durch grauenhafte historische Ereignisse enger verbunden wären, als durch jede formale Partnerschaft. Oder sollte dem Senat unbekannt sein, dass die ab 1941 von der Wehrmacht belagerte Stadt damals Leningrad hieß? Angesichts der Qualität der Berliner Politischen Klasse insgesamt wäre ich nicht überrascht...

Mit freundlichen Grüßen
Jochen Scholz, Berlin
 
Ähnlich wie Scholz haben sich viele Mitmenschen geäußert. Gesondert zu erwähnen ist das Schreiben des Abgeordneten Andrej Hunko an den Berliner Senat:
https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2017/04/04/nachdenklicher-brief-eines-abgeordneten-zur-beleuchtung-des-brandenburger-tors/
Dass ARD-aktuell medial eine Berliner Politik stützt, die ein Zweiklassensystem für die Opfer von Terroranschläge schuf, ist ein weiterer Nachweis für den berufsethischen Niedergang dieser Redaktion.
 
F. Klinkhammer V. Bräutigam


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 10. April 2017 schrieb Lutz Jahoda:

STATUS QUO
Auch dies passt in den Regierungsrahmen
beschämend deutscher Peinlichkeitsdramen.

STATUS FUTUR
Besserung wäre leicht zu erreichen:
Gelegenheit böte die Bundestagswahl.
Der Deutschen Herz für Links zu erweichen,
brächte ein Ende so mancher Qual.


Am 10. April 2017 schrieb Roman Gärtner:

Vielen Dank an die unermüdlichen Herren Bräutigam und Klinkhammer (und natürlich auch Herr Gellermann).

Ich fand diese Aktion bzw. Begründung wirklich erbärmlich.

Wir fangen also schon an unsere "Solidarität", unser Mitgefühl, von bestimmten Partnerschaften abhängig zu machen?
Da kann man, zumal es sich hier um einen Terroranschlag handelte, nur noch mit dem Kopf schütteln.

Einfach nur noch abstoßend was sich hier einige Leute leisten.

PS:
Schreibt Leserbriefe!

Schreibt so oft es Zeit und Lust zulassen Leserbriefe an Journalisten und/oder Redaktionen, Politiker usw.
Lasst diese Menschen wissen das ihr mit der Arbeit, die sie abliefern, nicht zufrieden seid.
Stellt Fragen, fragt sie wie sie das meinen was sie da schreiben/senden.

Es darf natürlich auch gelobt werden!

An der Stelle auch ein danke schön an Frau Maren Müller die, soweit ich weiß, auch immer noch für einen ordentlichen Journalismus (für uns alle) kämpft.


Am 10. April 2017 schrieb Anke Zimmermann:

Neulich in der Zeit eine seltsame Begegnung

Es gibt sehr wohl eine Städtepartnerliche Verbindung zwischen St. Petersburg und Berlin.
https://www.berlin.de/ba-mitte/ueber-den-bezirk/staedtepartnerschaften/
Auf diesen Hinweis im Zeitkommentarbereich, erhielt ich folgende zynische Antworten von User MichaelBer:
Berlin hat Partnerschaften mit 17 Städten: Brüssel, Budapest, Buenos Aires, Istanbul, Jakarta, London, Los Angeles, Madrid, Mexiko-Stadt, Moskau, Paris, Peking, Prag, Taschkent, Tokio, Warschau und Windhuk.

https://www.berlin.de/rbm...

Was Sie dort herausgesucht haben ist eine Partnerschaft zwischen dem Bezirk Mitte und dem Sankt Petersburger Bezirk Petrogradskij Rajon, also eine Zusammenarbeit bei Projekten auf lokaler Bezirksebene- und eben keine "volle" Städtepartnerschaft.

Wenn der nächste Anschlag in Moskau stattfindet, wird das Tor auch wieder beleuchtet werden.

Meine Antwort:
Ich weiß das es eine Partnerschaft zwischen zwei Bezirken ist, steht ja auch im verlinkten Text. In meiner bürgerlichen Naivität halte ich am friedenspolitischen Gründungsimpuls der Gemeindepartnerschaften fest, das wir uns begegnen um Frieden zu bewahren.
Nun haben sie mich belehrt das Bezirkspartnerschaften eben keine "volle" (?)
Partnerschaft ist. Dafür gibt es sicher einen erbsenzählenden Leitfaden, der mir leider nicht bekannt ist.

MichaelBer:
Wenn Sie das wissen, warum tun Sie dann so, als wisse die Berliner Bürokratie nicht, welche Städtepartnerschaften sie hat? Im Leitfaden zu Trauerbekundungen geht es eben um Städtepartnerschaften mit (Gesamt)Berlin, nicht um Partnerschaften zwischen Bezirken. Da zielt ihr Vorwurf der Unkenntnis also ziemlich daneben.

Der friedenspolitischen Gründungsimpuls ist keine Richtlinie, eben weil er so wischi-waschi ist. Wir hätten das Tor ja auch in den ukrainischen Farben beleuchten können, als vor einiger Zeit ein russischer Exilpolitiker (mutmaßlich) vom russischen Geheimdienst in Kiew ermordet wurde. Oder wie wär's mit einer Bestrahlung in den syrischen Farben, nachdem (mutmaßlich) Assad mal wieder Giftgas eingesetzt hat. Alles möglich.

Bestrahlungen des Tores sollten Ausnahmen bleiben, die Regierung hat die Grenze beim objektiven Kriterium der Städtepartnerschaft Gesamt-Berlins gezogen. Das kann man gut oder zu wenig finden, ist aber im Moment eben der Stand der Dinge.

Meine Antwort:
"Der friedenspolitischen Gründungsimpuls ist keine Richtlinie, eben weil er so wischi-waschi ist."

Bitte denken sie über diesen Satz noch einmal ernsthaft nach.

"Bestrahlungen des Tores sollten Ausnahmen bleiben, die Regierung hat die Grenze beim objektiven Kriterium der Städtepartnerschaft Gesamt-Berlins gezogen."

Jawoll! Hackenzusammschlag!


Am 10. April 2017 schrieb Catrin Berninger:

Ich glaube es war Herr Gellermann, der mal geschrieben hat, dass die Deutschen den Russen jene Unzahl von Toten nicht verzeihen können, die von SS und Reichswehr in Lägen und einem besonders grausamen Krieg umgebracht worden sind. Die Programmbeschwerde von Bräutigam und Klinkahmmer deckt dies Haltung erneut auf: Sind doch bloß Russen, die da in Sankt Petersburg umgebracht wurden. Nicht wertvolle Franzosen oder Engländer. Wie damals, als die kriegsgefangenen Russen wie Vieh behandelt wurden, und Franzosen und Engländer den Status von "Gegnern" hatten. Nahtlos setzen solche wie Gniffke diese Untermenschen-Politk der Nazis fort. Mit echt bürokratischen Begründungen, so viel Zeit nimmt sich das Öffentlich-Rechtliche.

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