Ich glaub, es hackt!

Ein Experte bei der Tagesschau

Autor: U. Gellermann
Datum: 05. März 2018

Aufregung in der Tagesschau-Redaktion: Ein düsterer Mann mit einem grobmaschigen Einkaufsnetz betritt das Haus. Doktor Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, stellt ihn vor: „Meine Damen und Herren, darf ich Ihnen Herrn Hannes Hack präsentieren. Schon an seinem Netz ist er als Experte zu erkennen. Wie sie wissen, lasse ich all unsere Nachrichten durch Experten absichern. Herr Hack hat lange über die Hack-Ordnung in bürokratischen Systemen gearbeitet, weiß also, wo oben und unten ist. Genauer: Er weiß, dass ich immer Recht habe. Deshalb ist die dpa-Meldung über russische Hacker im deutschen Netz bei ihm zur Begutachtung gelandet. In seinem Werk 'Die russische Netzhaut blickt anders' wußte Hannes Hack zu sagen, dass der Russe als solcher gern in Netze eindringt, weil er immer Schlupflöcher sucht. Wie anders sollte er sich sonst auch aus seiner europäischen Randlage rauswinden. Meist nimmt der Russe alle Schlupflöcher mit, die er findet und gibt sie nie zurück. Da steht er in der Tradition seiner Vorväter, die uns damals, bei Stalingrad zum Beispiel, überfallen hatten, um unseren Vätern die Uhren zu klauen. Das hatte in Deutschland einen schweren Zeitmangel zur Folge, der auch dazu führte, dass wir bei der Tagesschau bis heute nur 15 Minuten zum Erklären der Welt zur Verfügung haben. Bitte Herr Hack, sprechen Sie!"

Hannes Hack schiebt seine dunkle Brille auf die Nase: „Hacken ist eine Kunst, und die ist nicht umsunst, was lange hackt, wird endlich gut!“ Lähmendes Entsetzen breitet sich in der Redaktion aus. Noch im Fliehen ruft einer der Mitarbeiter aus: „Ich glaub, es hackt.“


Programmbeschwerde
Die Hacker sind immer Russen

http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-24379.html

Sehr geehrte Rundfunkräte,

ARD-aktuell ist gemäß Rundfunkstaatsvertrag und NDR-Staatsvertrag bekanntlich gehalten, nach „anerkannten journalistischen Grundsätzen“ zu arbeiten. Zu ihnen zählt, sachlich zu informieren und Einseitigkeiten, Parteilichkeit, Spekulation, bloße Verdächtigung etc. strikt zu vermeiden. Betrachten Sie bitte unter diesem Aspekt den Aufmacher der Tagesschau, 2o Uhr, am 28. Februar:

„Russische Hacker haben offenbar erfolgreich Datennetze der Bundesregierung angegriffen. Der Gruppe soll es im vergangenen Jahr gelungen sein, Schadstoffsoftware einzuschleusen und Daten auszulesen. Dies berichtet die Deutsche Presseagentur unter Berufung auf Sicherheitskreise. Betroffen gewesen seien das Außen- und das Verteidigungsministerium. Der Angriff habe sich möglicherweise über einen längeren Zeitraum erstreckt. Das Bundesinnenministerium bestätigte einen entsprechenden Sicherheitsvorfall, der inzwischen unter Kontrolle gebracht worden sei. Weitere Details wurden nicht genannt.“

„Russische Hacker haben ...“ Eine blanke Vermutung mutiert bei ARD-aktuell zu einer Tatsache. Und zwar unter Berufung auf nicht konkret genannte „Sicherheitskreise“, das Ganze einfach nur abgekupfert von dpa. „Sicherheitskreise“ sind fraglos keine neutrale Quelle; zu ihnen und ihren Behauptungen wahrt der anständige, seinen Grundsätzen verpflichtete Journalismus größtmögliche Distanz.
Für die ARD-aktuell gilt das erweislich nicht. Sie unterlässt sogar den Hinweis, dass es für die Angaben der „Sicherheitskreise“ keine Bestätigung gibt, was zu einem Minimum an Sachlichkeit dazugehört hätte.

Ein vertretbares Beispiel für seriösere Darstellung macht kenntlich, dass bei ARD-aktuell wieder einmal die antirussischen Reflexe durchschlugen und den journalistischen Restanstand in die Kanalisation wegspülten:
"Den Sicherheitskreisen zufolge wird der erfolgreiche Angriff der Hackergruppe „APT 28“ zugeschrieben, bestätigt ist das aber noch nicht. Die auch als „Fancy Bear“ bekannte Hackergruppe wird russischen Regierungskreisen zugerechnet ...." Quelle: https://netzpolitik.org/2018/angriff-auf-regierungsnetz-bundesregierung-bestaetigt-dass-sicheres-regierungsnetz-unsicher-ist/
Bis in die Hirne der ARD-aktuell-Besatzung scheint noch nicht vorgedrungen zu sein, dass von Geheimdiensten ausgeführte Hackerangriffe sich nicht auf die Urheber zurückführen lassen. Dafür fehlen bisher die technologischen Fähigkeiten. Es bleibt nichts weiter als Verdacht; die Beweislosigkeit der Debatte um angebliche russische Einmischung in den US-Wahlkampf sollte jedem verständigen Redakteur bewusst geblieben sein.

In Hamburg ist nicht nur die Zentralredaktion der ARD-aktuell ansässig, sondern auch der "Chaos Computer Club", ein Verband anerkannter Cyber-Experten. Auf die Idee, das Telefon hochzunehmen und wegen der Nachrichten der dpa die Computer-Fachleute nebenan zu befragen, ist offenbar keiner der begnadeten Qualitätsjournalisten in Chefredakteur Dr. Gniffkes ARD-aktuell-Truppe gekommen.
Felix v. Leitner, einer der führenden Köpfe des Verbandes, hätte dazu beitragen können, keine derart vorschnellen Behauptungen in die Welt zu setzen, wie ARD-aktuell sich das erlaubte. Es hat den Anschein, dass eine solche Versachlichung aber auch gar nicht gewünscht war. So blieb es dem CCC-Mann vorbehalten, unter Hinweis auf die „russischen Hacker“ zu spotten:

„Gut, dass sie keine peinlichen Geheimnisse finden konnten, weil unsere Regierung nicht genug gearbeitet hat, um peinliche Geheimnisse zu produzieren.“
Als „Lacher am Rande“ notierte v. Leitner die dpa-Formulierung „Ausländische Hacker sind nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur in das bislang als sicher geltende Datennetzwerk des Bundes und der Sicherheitsbehörden eingedrungen.“ Der Kommentar des Experten zu diesem Blödsinn:
"Wer zu irgendeinem Netz annimmt, es sei schon sicher, ist inkompetent und sollte gefeuert werden. Erst Recht, wenn das Netz von einem externen Dienstleister betrieben wird, wie T-Systems in diesem Fall.“

Und zu den haltlosen Verdächtigungen nach dem Muster „immer droht der Russe“:
„Die Angreifer sollen Sicherheitskreisen zufolge der Gruppe "APT28" angehören, die viele Fachleute russischen Regierungsstellen zurechnen. Äh, nein. Schlangenöl-Verkäufer mit Panikschürmotiv verbreiten Ammenmärchen. Niemand hat da irgendwas zuordnen können. Es gibt da bloß unbelastbares Hörensagen aus nicht ernstzunehmenden Quellen mit kommerziellem Panikschürhintergrund. Was für eine Farce mal wieder. (...)“ Quelle: http://blog.fefe.de/?ts=a4681be4

Sehr geehrte Rundfunkräte, gegen dummdreisten Pseudo-Journalismus, der sich nur drauf versteht, agitatorischen Schwachsinn der dpa abzukupfern, sollten Sie bei ARD-aktuell einschreiten. Es bieten sich folgende Formeln für ein Richtigstellungsverlangen an:
„US-amerikanische Hacker haben offenbar erfolgreich Datennetze der Bundesregierung...“
„Britische Hacker haben offenbar erfolgreich Datennetze der Bundesregierung...“
„Neuseeländische Hacker haben offenbar erfolgreich Datennetze der Bundesregierung...“
„Australische Hacker haben offenbar erfolgreich Datennetze der Bundesregierung...“
Das ist Ihnen zu blöd? Na dann weisen Sie doch den Chefredakteur Dr. Gniffke darauf hin, dass anständiger Journalismus folgende Formulierung zustande gebracht hätte:
„Unbekannte Hacker haben angeblich Datennetze der Bundesregierung angegriffen. Im vergangenen Jahr soll es ihnen gelungen sein, Schadstoffsoftware einzuschleusen und Daten auszulesen. Dies berichtet die Deutsche Presseagentur unter Berufung auf Sicherheitskreise. Betroffen gewesen seien das Außen- und das Verteidigungsministerium. Der Angriff habe sich möglicherweise über einen längeren Zeitraum erstreckt. Das Bundesinnenministerium bestätigte einen entsprechenden Sicherheitsvorfall, der inzwischen unter Kontrolle gebracht worden sei. Weitere Details wurden nicht genannt...“

Die antirussisch infizierte Schwachsinnsmeldung der dpa wäre, wie man sieht, mit wenigen Eingriffen in eine seriöse Nachricht zu verwandeln gewesen. Dazu langt es offenbar bei ARD-aktuell nicht mehr. Der Verstoß gegen die Programmrichtlinien gem. § 11e I (3) (b) RfStV sowie gegen §§ 5,7, und 8 NDR-StV ist nicht zu leugnen.

Mit freundlichen Grüßen

V. Bräutigam    F. Klinkhammer


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 06. März 2018 schrieb Karola Schramm:

Mein erster Kommentar scheint irgendwie von der Technik geschluckt worden zu sein oder er war einfach zu bissig und nicht ernst zu nehmen. Es ist sehr schwierig für mich, ernst zu bleiben, denn die Überschrift lässt mich dauernd an was Anderes denken, sobald ich sie lese.

Jetzt jedoch ernsthaft, nach einer Nacht darüber schlafen.
Die ganze Aufregung über Hacker die aus Russland kommen halte ich für billige Anti-Russland Propaganda, die leider da andockt, wo der 2. WK aufhörte. Dem Trauma des verlorenen Krieges und das komplette Scheitern der deutschen Wehrmacht an der russischen Armee.

Die Herrenrasse wurde von Untermenschen besiegt.

Wie lange hält so eine kollektive Kränkung an ? Kann sie Generationen überdauern ? Ja sie kann. Trasgenerative Übertragung ist das, was von Generation zu Generation ausgesprochen oder unsausgesprochen an diese weiter gereicht wird. Insbesondere schwere, kollektive Kränkungen gehören dazu.

Nach einer kurzen Zeit der Entspannung mit Russland durch die sozial-demokratische Politik unter Willi Brandt war Frieden, Freundschaft und Vergebung angesagt, was vielen alten konservativen Kräften überhaupt nicht gefiel. Dass es jetzt wieder zu Kränkungen und Beleidigungen gegen die russische Regierung kommt, ist die Wiedereröffnung eines neuen Versuchs, Russland als den größten Übeltäter der Welt darzustellen. Mit dieser ekelhaften Anti-Russland-Propaganda sollen alte, abwertende Gefühle reaktiviert werden. Die deutsche Politik macht es allen in verschiedenen Formen vor. Das geht von Schlechtreden oder in Form von Sanktionen, um die russische Wirtschaft zu schädigen und das russische Volk gegen den russischen Präsidenten Putin aufzuwiegeln, weil dann dadurch auch die normale Lebenshaltung der Bevölkerung stark beeinträchtigt wird. Es entsteht Armut.

Gehirnwäsche nennt man diese massive Propaganda die von fast allen öffentlichen Medien gegen Russland durchgeführt wird. Sie gehört zur psychologischen Kriegführung wie die Sonne zum Sommer.

Die deutsche Regierung hat, im Verband mit den USA beschlossen, gegen Russland erneut Krieg zu führen, um - so nehme ich an - die alten Traumata der großen, kollektiven Kränkung, endlich los zu werden. Doch so geht das nicht und können Traumata auch nicht geheilt werden. Sie verlaufen und verirren sich in Wiederholungszwängen die sich durch diese unreflektierten, bösen Anschuldigungen wie Annexion der Krim oder jede gewonnene oder verlorene Wahl würde von russischen Hackern beeinflusst.

Befriedigung und Heilung bringt diese Methode nicht. Sie öffnet die alten Wunden und verstärkt nur das Bluten, das dann fließt. Echte Heilung kann nur entstehen, wenn es ein Schuldbekenntnis seitens unserer Regierung Russland gegenüber gäbe, so wie Willi Brandt einst in Polen auf die Knie fiel. Unsere Schuld. Unsere große Schuld.

Doch davon ist diese Bundesregierung weit entfernt. Sie ist stolz und hochmütig und weist auf ihre wirtschaftlichen Erfolge in der EU hin - die auch wieder leider nur auf Kosten anderer europäischen Länder und deren Unterdrückung zurückzuführen ist. Auch wieder eine Variante des Wiederholungszwangs.

Meiner Meinung sollte im Bundestag groß sichtbar, direkt hinter dem Bundestagspräsidenten, an der Wand ein einziger Satz stehen, den alle Abgeordneten täglich lesen können:
"Bedenket, dass ihr sterben müsst."


Am 05. März 2018 schrieb Max L.:

Ich darf zunächst Bräutigam & Klinkhammer mit Ihrem Formulierungsvorschlag zitieren:

"Unbekannte Hacker haben angeblich Datennetze der Bundesregierung angegriffen. Im vergangenen Jahr soll es ihnen gelungen sein, Schadstoffsoftware einzuschleusen und Daten auszulesen. Dies berichtet die Deutsche Presseagentur unter Berufung auf Sicherheitskreise. Betroffen gewesen seien das Außen- und das Verteidigungsministerium."

100%ige Zustimmung. Zunächst, das haben auch viele Kritiker von Tagesschau & Co nicht erkannt, ist schon der ganze Angriff überhaupt nicht bewiesen. Können Gniffke und die Seinen das wirklich beurteilen? Zunächst wird ein solcher Angriff nur behauptet, man kann das glauben, muss aber nicht. Zumal es bereits einige Meldungen in letzter Zeit gab, die sich später als falsch herausstellen sollten, etwa ein angeblicher Angriff auf ein Kraftwerk in den USA. Die unbekannten (!) Hacker haben also zunächst nur angeblich (!) angegriffen. Alles andere sind unbelegte Behauptungen und Nachschwätzen von Regierungs- und Geheimdienst-Verlautbarungen, wegen mir nennen wir sie "Sicherheitskreise", ohne Artikel, was und vor allem wer immer das dann sein soll.

Wenn "Bild", z.B., so formuliert, wie es die Tagesschau tatsächlich getan hat, verbucht man das unter "Bild eben" (was man eigentlich auch nicht tun sollte, denn auch von so einem, mit Verlaub, Drecksblatt sollte man journalistische Standards einfordern). Der "Beitrags"-finanzierten Tagesschau dürfen wir es erst recht nicht durchgehen lassen. Deshalb, wie immer, tausend Dank an die drei Unermüdlichen, die es, zum Glück, nicht lassen können, gegen die öffentlich-rechtlichen Windmühlen anzukämpfen.


Am 05. März 2018 schrieb Lutz Jahoda:

LEISE, GANZ LEISE ..
(im langsamen Walzertempo zu singen)

Leise, ganz leise
ziehn durch den Raum
Sicherheitskreise,
rühren im Schaum.
Rühren und träumen,
selig im Schäumen.
Kränken und lenken,
peinlich im Denken.
Plumper gehts kaum!


Am 05. März 2018 schrieb Markus Schmitz:

Danke an Uli Gellermann, V. Bräutigam und F. Klinkhammer für Ihren unermüdlichen Einsatz, Wahrheit und Objektivität von plumper Propagander zu trennen und anschaulich den Unterschied zu verdeutlichen. Man kann nur hoffen, dass sich dieser unermüdliche Einsatz irgendwann auszahlt und die Menschen in Deutschland aufwachen!


Am 05. März 2018 schrieb Lea Hauser:

So viel eleganten, surrealen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Danke!

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