Elende Tage mit Doktor Gniffke

Wie fast 10 Millionen andere Deutsche:
Jeden Tag um Acht "Tagesschau"

Autor: U. Gellermann
Datum: 28. Mai 2018

Natürlich kann man seine Zeit um 20.00 Uhr auch schöner verbringen. Und selbstverständlich kann man sich die „Tagesschau“ auch über das Netz besorgen. Aber so richtig andächtig lässt sich diese Nachrichten-Messe nur um 20.00 Uhr begehen: Wenn das Ta-Ta-Ta-Ta-Ta-Taaa ertönt, die Fanfare für den Auftritt der wichtigsten deutschen TV-Nachrichten-Sendung. Rund 10 Millionen Fernsehbürger sehen sich Abend für Abend jenen Mix aus echten Nachrichten, Belanglosigkeiten und kaum verhüllter Meinungsmache an. Geleitet wird die gut verdienende Redaktion von Dr. Kai Gniffke. Der ist seit 2006 Chefredakteur von ARD-aktuell und somit auch der Tagesschau und den Tagesthemen. Ja: Es gibt auch echte Nachrichten in diesem Mix. Man darf der Bundesliga-Berichterstattung durchweg trauen. Und auch wenn die „Tagesschau“ ein „klares Yes für Recht auf Abtreibung“ aus Irland meldet, ist das eine echte Nachricht. Eine "Mitteilung über den Sachverhalt von wichtigen Neuigkeiten" wie ‘Wiktionary‘ den Begriff Nachricht erklärt. Denn ohne einen gewissen Anteil an richtigen Nachrichten ließe sich der Mix nicht verkaufen. Aber nach einer Woche Tages-Schau darf man feststellen: Der Anteil ist nicht sonderlich groß.

"Macrons Präsidentschaft - Für Frankreich ein Glücksfall" meldet die Gniffke -Redaktion. Zu einer Zeit, in der zum Beispiel das Handelsblatt berichtet: "Macron stürzt in Umfrage ab". Aber die Gniffke-Schau behauptet glatt: "Dieser Präsident ist ein Glücksfall. Er hat einem Land, das jahre- und jahrzehntelang im Lamento über 'la crise' und den generellen Niedergang um sich selbst kreiste und jegliche Veränderung manisch ablehnte, neues Leben eingehaucht." Das lässt die von braven Gebührenzahlern alimentierte Truppe von Barbara Kostolnik aus dem ARD-Studio Paris erzählen. Und nahezu parallel ermittelte die monatliche YouGov-Umfrage: "58 Prozent der Befragten in Frankreich werteten Macrons bisherige Bilanz negativ." Was macht Frau Kostolnik mit unseren Gebühren? Dinieren statt recherchieren?

Nur wenig später entdeckt die Tagesschau-Redaktion die gelbe Gefahr: "Wie China das Vakuum der USA nutzt". Georg Schwarte, vom ARD-Studio New York: "Wie China das Vakuum der USA nutzt". Und nach der Überschrift erklärt uns der Mann was ein Vakuum ist: "Ein weitgehend luftleerer Raum." Nachdem die Schau sich um die Volksbildung verdient gemacht hat, raunt der Mann aus New York weiter über China: "Jenem Riesen, der neuerdings erkennt, dass die USA Platz machen, sich zurückziehen und der UN und ihrem multilateralen Ansatz seit Trump keine Bedeutung mehr beimessen." Aber dann entlarvt Georg Schwarte die Chinesen gründlich: "Dass dieses China, das in der eigenen Führungsriege der Kommunistischen Partei keine Frauen hat, bei den UN jetzt sogar dafür wirbt, ebenso viele Frauen wie Männer in Führungsjobs zu bringen, ist wahlweise ironisch oder eben das andere China - das für die Weltbühne." Nachricht null Punkte. Meinung 10. Aber die ARD kämpft für die Rechte der Frauen in China. Fast so tapfer wie die Bundeswehr zum Beispiel in Afghanistan nur für die Rechte islamischer Frauen kämpft.

Raus aus China, ab nach Italien: "EU-Schreckgespenst 'Bella Italia'" weiß die Gniffke-Schau zu berichten. Jetzt ist Ralph Sina vom ARD-Studio Brüssel dran. Sina wurde in Brüssel schon mehrfach beim Italiener gesehen. Da soll ihm "Una volta lasagna per favore" fließend von der Lippe getropft sein. Mit dieser Kompetenz kommt er zu jenem Kommentarsatz: "Ästhetisch anspruchsvoll, aber politisch ein bisschen folkloristisch versponnen - so wird Italien in der EU oft wahrgenommen." Dem folgt kein Satz über die brutale soziale Ungleichheit in der Europäischen Union. Und auch kein Hauch des Nachdenkens darüber, wie die EU-Schuldenbremse zur Investitionsbremse geworden ist. Statt dessen ein Glaubens-Satz: "Italien hat keinen Emanuel Macron, der die alten Eliten hinwegfegt und die neuen Rechten in ihre Schranken weist." Macron, der Mann von Rothschild ist die Speer-Spitze der Finanz-Eliten in Frankreich. Aber das will Sina weder wissen noch sagen. Zu gern genießt er sein üppiges Gehalt und zu schwer ist echtes Nachdenken. Statt dessen: Meinung, Meinung, Meinung.

"Syrische Medien melden US-geführte Angriffe" erfährt man aus der "Tagesschau" und hofft: Da findet vielleicht ein Umdenken statt. Aber schnell schiebt Doktor Gniffke einschränkend hinterher: "Syrische Staatsmedien berichten von Luftangriffen auf Stellungen der Assad-Armee - ausgeführt von den USA und ihren Verbündeten. Das US-Militär hingegen erklärte, es habe keine Informationen über etwaige Angriffe." Syrische Staatsmedien: Da weiß der Zuschauer doch genau aus der "Tagesschau", dass die gelenkt sind, also Fakes berichten. Und die syrische Armee heißt schlicht "Assad-Armee". Das Wording soll die Armee als zweifelhafte Privat-Truppe des syrischen Präsidenten erscheinen lassen. Und um die Verwirrung zu vergrößern noch dies: "Mitte April hatten die USA, Großbritannien und Frankreich als Vergeltung für einen mutmaßlichen Giftgasangriff bei Damaskus mehr als 100 Marschflugkörper auf mindestens drei Ziele abgefeuert." Dieser Satz irrt im Nachrichtenraum umher wie Falschgeld an der Zocker-Börse. Kein Bezug, kein Zusammenhang, gar nix. Aber die "Tagesschau" hat das Wort "Vergeltung" untergebracht. Wurden die USA angegriffen? So macht man schon wieder Meinung. So macht man Propaganda. Mit Journalismus hat das alles wenig zu tun.

So habe ich ganze Abende mit Doktor Gniffkes Exzellenz-Team verbracht. Damit ich weiß, was ich denken soll. Damit ich weiß, was das Kanzleramt denkt. Damit ich weiß, wie meine Gebühren Abend für Abend verbrannt werden.

Die drei von der Medien-Tanke bei der ARD-Inspektion:

http://shop.papyrossa.de/Gellermann-Uli-Klinkhammer-Friedhelm-Braeutigam-Volker-Die-Macht-um-acht


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 19. August 2018 schrieb Ismat Hagar:

Ich denke die Gniffke Redaktion steht ganz in der Tradition der Medien, wie sie seit Bestehen von Medien stets den herrschenden und Mächtigen gedient haben. Unser GG läßt das sogar explizit zu. Dazu Art: 21(1): "Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit."
Nun wie tun sie das? Sie steuern die Medien über ihre politischen Vertreter im Rundfunkrat, der wiederum die Intendanten (aus dem Französischen intendant "Aufseher, Verwalter") eicht, und die wiederum als Aufseher natürlich ihre Redakteure schon bei der Auswahl handverlesen.
Was sollen sie machen die Redakteure/innen, wenn, egal unter welcher Regierung in welchem Jahrhundert auch immer gilt "Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing!"

Ach ja - und da gibt es ja auch noch den Art 5 des GG. Pressefreit und Freiheit der Berichterstattung. Leider liest der interessierte Bürger meist an der Oberfläche und läßt sich von einer schön geputzten und polierten Oberfläche blenden. Der Art 5 GG erfährt natürlich in der Realität der menschlichen Eigenart und Lebenswelt seine ganz eigene Auslegung, je nach politischem Willen.
Art 5 (1) sagt: "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt."
Rollen wir das ganze rückwärts aus: "Eine Zensur findet nicht statt."
Braucht man auch gar nicht, denn mit der Medienmacht in der Hand kann man veröffentlichen oder auch nicht, denn: "Die ....... die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet." Somit hat man auch die Freiheit auch mal nichts zu berichten.

Und dann noch: "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten"
Nun, wer ist " Jeder" und wie wir lesen, geht es nur um Meinungen. Da die Pressefreit gleichfalls gewährleistet ist, steht es ihr also frei Meinungen zu verbreiten, solange sie die " in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre" nicht verletzt.
Um die Medien zu verstehen und ihre Meldungen zu werten, muss man zunächst die menschlichen Eigenschaften verstehen, die sich seit Jahrtausenden - ja seit der Steinzeit - nicht geändert haben, wenn es um Macht, Geld und Überleben geht.
Nun, wir haben allerdings einen kleinen zivilisatorischen Fortschritt zu verzeichnen - die Demokratie! Hierin machen z.B. in Deutschland dass GG es nicht mehr notwendig dem Meinungsgegner einzusperren, zu foltern und zu ermorden.
Man muss nur dass GG richtig auslegen und ein System schaffen, dass sich das GG zunutze macht, um die Meinungen zu verbreiten, die genehm sind. Meinungen die nicht genehm sind, kann man wiederum durch Meinungen und Meldungen medial bekämpfen, den die Berichterstattung ist ja frei.
Der "Krieg der Meinungen" wurde somit auf die Medien verschoben und ohne das man wie ein totalitärer Staat agieren muss.
Der politisch interessierte Bürger sollte daher eher alle Parteiprogramme der Parteien lesen, sie an der Realität spiegeln und sein Wahlentscheidung daran orientieren und nicht an medialen Meinungen oder Umfragen, die ja auch nichts anders sind als statisch standardisierte Meinungen.

Antwort von U. Gellermann:

„Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten." (Paul Sethe, Publizist)


Am 01. Juni 2018 schrieb Alexander Boncourt:

Guten Tag Herr Gellermann,
wieder ist es passiert. Artikel gelesen, sacken lassen. Denkminute - dann aus dem Bauch " Ich liebe ihn."
Vielen Dank für diesen vortrefflichen, wirklichen Journalismus.
Aufs Beste haben Sie auf den Punkt gebracht, was gründlich kaschiert, immer wieder funktioniert. Man staunt, wie leicht sich so viele, ja doch oft nachdenkliche Menschen einlullen und einseifen lassen. Oft genug ins Ohr gesäuselt wieder und wieder und dann, Steuersäckl auf, Stützpunkte bauen, U-Boote anschaffen oder verschenken und völligen Wahnsinn zur Staatsraison erklärt, hinnehmen und wegschauen. Auch gleich vor der eigenen Tür und innerhalb der eigenen Vier Wände. Nie, nie, nie wird von der Macht die Abwärtsspirale aufgezeigt, na ja, aber gezeigt schon, bei den Tafeln oder den Zeitarbeitern oder oder oder.
Man kann ja kaum noch mit Proaktivem Lachmuskeltraining dagegen an arbeiten.
Mir fällt auf, dass meine 15 jährigen Kinder sensibler sind als viele Erwachsene aus meinem Bekanntenkreis, für die das unhinterfragte Wegschlucken dieser Dauerverarsche im Alltag normal ist. Wieso? Sind doch objektive Wahrheiten, ist doch Top Journalismus. Finde ich nicht lustig. Die Rationalgalerie, die ist manchmal lustig, am richtigen Platz im richtigen Maß.
Noch einmal, vielen Dank .
Alexander Boncourt.


Am 31. Mai 2018 schrieb marie becker:


"Da ich mich ausschließlich auf die Tagesschau stütze weiß ich nicht was Sie vermissen."

ist die Tagesschau etwa nicht u.a. Sprachrohr aller ÖR und damit Sprachrohr der Merkel-Regierung?
Was ich echt vermisse , schrieb ich bereits ( Kritik an der Tagesschau halte ich nicht für wichtig, hingegen Kritik an den vielen seichten Sendungen, die aus den Privaten einsickern und unsren Kids sicher nicht zu positiver Entfaltung dienen.)


Am 28. Mai 2018 schrieb Karola Schramm:

Mit der Fanfare oder dem Gong der Tagesschau, müssen viele Kinder ins Bett. Da wissen sie, was die Stunde geschlagen hat. 8 Uhr! Schlafenszeit für die Kinder und Feierabend für die Erwachsenen. Sie belegt um 20 Uhr alle Regionalprogramme, wird überall gesehen wo ein Fernseher steht. Da kommen schnell einige Millionen Zuschauer zusammen, ob die aber wirklich zuschauen und hören ist eine andere Sache.
Die ARD und ZDF, als öffentlich-rechtliche Medien implementiert, verkörpern dadurch Seriösität und Glaubhaftigkeit und ganz ohne Propaganda, was dem DDR Fernsehen auf der Site von bpb unterstellt wird.

Es ist leichter, andere schlecht zu machen als selber mal in sich zu gehen und die eigenen Politik der eigenen Regierung zu reflektieren. Dann kämen diese Damen und Herren aus der Schockstarre überhaupt nicht mehr raus. Es ist im Grunde auch nicht das Format der Tagesschau, sondern die Macher, wie Gniffke und Co. die bestimmen, was wie gesendet und gesagt wird und können sich mit jeder Diktatur messen, die die Meinung des Herrschers wieder geben.

Ich kann sie nicht mehr gucken und will die Damen und Herren, die sich nicht schämen, öffentlich Lügen zu verbreiten und andere Staaten schlecht reden und lächerlich machen. So was geht gegen jeden Anstand und verdirbt den Charakter.
Seien wir glücklich, dass die Jüngeren die Tagesschau und ZDF Nachrichten so gut wie nie sehen. Sie wissen, wie die Fernbedienung funktioniert und klicken sie einfach weg. Ich mache das auch so.

Dass Sie lieber Uli Gellermann es nicht können, weil politischer Journalist und Blogger, ist verstehbar. Doch halten Sie sich innerlich auf Abstand, mein Tipp. Es tut nicht gut, sich jeden Abend um Acht schwarz zu ärgern.

Ach ja, und sogar franz. Bodentruppen sind gesichtet worden, die das gar nicht dürfen und von der syrischen Armee weggebracht worden. Die konnten wohl keine Landkarten lesen.... wurde vermutet. Habe ich gelesen.


Am 28. Mai 2018 schrieb Lutz Jahoda:

SICHTWEISEN-EMPFEHLUNG
ZUR SEELISCHEN GESUNDUNG

Auf, auf zum täglichen Meinungsvergnügen!
Feinschmecker können die Zeit kaum erwarten.
Selbstgeißler schlucken in bitteren Zügen
das Beinahbetrügen und Beinahlügen
aus Hamburgs vergiftetem Fernsehgarten.


Am 28. Mai 2018 schrieb marie becker:

Wenn man sich ein klares Bild machen will gehören dann nicht auch die Berichte einer Tagesschau hinzu ?

Ich glaube , dass Sie andernfalls doch auch Manipulation betreiben, wenn Sie bestimmte Medien auszuschließen versuchen.

Eigentlich müsste sich mancher beleidigt fühlen, da Sie ihm eigenes Denkvermögen und eigene Auswahlfähigkeit nicht zutrauen.

Antwort von U. Gellermann:

Da ich mich ausschließlich auf die Tagesschau stütze weiß ich nicht was Sie vermissen.


Am 28. Mai 2018 schrieb Sabine Wenders:

Mir fehlen Bräutigam und Klinkhammer. Hören die auf?

Antwort von U. Gellermann:

Auch Bräutigam und Klinkhammer dürfen mal Pause machen.

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