Doktor Gniffke im US-Rausch

Jüngst in der Tagesschau-Kantine

Autor: U. Gellermann
Datum: 28. Mai 2017

Jüngst in der Tagesschau-Kantine, Doktor Gniffke, in sein Bier weinend: „Nun habe ich als Chef von ARD-aktuell Jahr um Jahr nur das Beste über die USA berichten lassen. Und nun? Jetzt fällt mir irgend so ein Medien-Dingsbums aus Harvard in den Rücken. Ausgerechnet wir von der Tagesschau, vom rhythmisch pochenden Herz des deutschen Pro-Amerikanismus, wir sollen an der Spitze der miesen Trump-Berichterstattung stehen! Dabei haben wir für den Mann Wahlkampf gemacht, haben seine Konkurrentin Clinton in die zweifelhafte Nähe zu den Russen gestellt und all ihre faulen Tricks gegen Bernie Sanders kaum erwähnt, und jetzt werden ausgerechnet wir als Anti-Trumpisten denunziert. Das ist doch gemein, ist das. Keine Dankbarkeit! Obwohl wir doch sooooo nachgeholfen hatten, um ihn zum US-Präsi, hicks, Präsidienten zu machen?!“ Gniffke bricht in einen Dauerschluckauf aus, wirft sein Bierglas um und singt, als ein paar Redakteure ihn trösten wollen, lauthals: „God bless America, … Land that I love … Gott segne Amerika … Land das ich liebe.“ Der Chef der Tagesschau legt die rechte Hand auf sein Herz, steht auf und ruft den herbeigerufenen Sanitätern, die ihn wegtragen wollen zu: „Einer geht noch, einer geht noch rein, unser Donald, der wird es wohl sein!“

Eingabe: ARD unsachlich über Trump 

Sehr geehrter Herr Intendant Marmor,
wenn es gilt, sich selbst anlässlich der Vergabe von Medienpreisen kräftig herauszustreichen - ob nun Grimme-Preis, Hanns-Joachim-Friedrich-Preis, Theodor-Wolff-Preis, Medienpreis des Deutschen Bundestages oder was auch immer - ist ARD-aktuell garantiert mit einem selbstlobangereicherten Bericht in der Tagesschau zur Stelle. Sieht es aber einmal nicht gut aus für die Herrschaften, dann übt sich der Qualitätsjournalistenverein in vornehmster Zurückhaltung. In anderen Worten: Er treibt seine tendenziöse Berichterstattung auch hier und macht sich im konkreten Fall der Nachrichtenunterdrückung schuldig.

Das international renommierte
Harvard Kennedy School’s Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy
stellte dieser Tage eine Untersuchung vor, die der ARD (gemeint ist ARD-aktuell) ein  besonders mieses Zeugnis ausstellt. Untersuchungsgegenstand war, wie die Politik des US-Präsidenten Trump (nicht: seine Sprüche!) während seiner ersten 100 Tage im Amt in den Nachrichten bewertet wurde. Basis der wissenschaftlichen Studie waren die Printausgaben The New York Times, The Wall Street Journal, The Washington Post, die Hauptnachrichten der CBS, CNN, Fox News, NBC, sowie der drei europäischen Anbieter Financial Times, BBC, and Germany’s ARD).
Quelle: https://shorensteincenter.org/news-coverage-donald-trumps-first-100-days/

Ergebnis: Generell waren fast 80 Prozent aller Berichte über Trump negativ, 20 Prozent waren sachlich-neutral bis positiv. (Zum Vergleich: der „positive“ Anteil an Berichten über Vorgänger Obama betrug in einer ähnlichen Studie 41 Prozent).
Die Masse der negativen Berichte über Trump fiel in dessen dritter und vierter Amtswoche an, als mehrere Richter sein Dekret gegen die Einreise von Menschen aus sechs muslimischen Ländern stoppten. Die meisten „positiven“ Beiträge (30 Prozent) gab es interessanterweise in der Woche, in der Trump sein völkerrechtswidriges Bombardement mit 59 Tomahawk-Raketen auf einen syrischen Flughafen befahl.
Die unfreundlichste Berichterstattung über Trump erlaubten sich der Untersuchung zufolge mit jeweils 93 Prozent negativen Beiträgen die US-amerikanischen Sender CNN und NBC. 

Am schlimmsten habe es jedoch ARD-aktuell getrieben:
„[...] ARD’s journalists were unequivocal in their judgment—98 percent of their evaluations of Trump’s fitness for office were negative, only 2 percent were positive. [...]“ Quelle: ebd.
ARD-aktuell demonstrierte also übertriebenen transatlantischen Eifer beim Verbreiten mieser Stimmung über Trump, der auch hierzulande nur dann leichte Anerkennung erfuhr, als er in Syrien Völkerrechtsverbrechen beging und „den Russen“ vorzuführen versuchte. Gniffkes Qualitätsjournalisten übertrafen sogar noch ihre US-Kollegen. 98 Prozent aller Berichte über Trump waren bei dem deutschen Meinungsmacher negativ. 
Zitat aus den Programmrichtlinien des Staatsvertrages:
„ [...] Der NDR ist in seinem Programm zur Wahrheit verpflichtet[...]  Ziel aller Informationssendungen ist es, sachlich und umfassend zu unterrichten [...] Informationssendungen [...] müssen unabhängig und sachlich sein. [...]“
ARD-aktuell berichtete über Trump nicht unabhängig und sachlich, folgte damit nicht journalistischen Grundsätzen und der Wahrheitspflicht wie im Staatsvertrag festgelegt, sondern betrieb unzulässige Meinungsmache. Egal, was man von Trump halten mag, eine derartige journalistische Praxis verbietet sich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, auch schon deswegen, weil  wegen der völlig unangemessenen Trump-Gewichtung andere Nachrichten-Themen vernachlässigt und dem Publikum vorenthalten werden.


Das Buch zur Programmbeschwerde:
http://shop.papyrossa.de/epages/26606d05-ee0e-4961-b7af-7c5ca222edb7.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/26606d05-ee0e-4961-b7af-7c5ca222edb7/Products/633-7


Volker Bräutigam, Friedhelm Klinkhammer


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 30. Mai 2017 schrieb Anke Zimmermann:

Herr Niggemeier,
ja sie haben ihre Momente als Medienkritiker, Bunte und so. Aber Danke für die Chupzke der Widerrede, mehr Konkretes wäre wünschenwert. Wissen sie was, ich brauch gar keine Studien, nur Beobachtung, ganz sachlich und nicht immer frei von Emotionen, kann ich nicht übersehen, es ist etwas faul im Staate....


Am 30. Mai 2017 schrieb Brigitte Klara Mensah-Attoh:

Soll er doch ruhig ersticken an seinem Erbrochenen an seiner Amerika-Manie, Dr. Gniffke - sang- und klanglos - der blinde, unverbesserliche und PEINLICHE US-Vasall - (ähm, noch schlimmer - Trump-Getreue).


Am 29. Mai 2017 schrieb Ergas Sanio:

Ich beziehe mich auf die Zuschrift von Herrn Niggemeier. Ich stimme Ihrer Kritik zu, allerdings kommt meiner Meinung nach die Mäkelei Niggemeiers noch zu gut weg.

Herrn Niggemeier ist die Methodik der US-Studie aufgefallen, und als sozial- und medienwissenschaftlich eher unerfahrener Mensch glaubte er da einen A nsatzpunkt zur Kritik an der ihm offenbar quer im Magen liegenden Studie gefunden zu haben:

Niggemeier behauptet in http://uebermedien.de/16080/nein-es-sind-nicht-98-der-ard-berichte-ueber-trump-negativ/:

"Und es geht nicht nur um Wertungen Trumps durch Journalisten oder andere Zitatgeber, sondern auch um neutrale Berichte über Ereignisse, die für Trump negativ waren: Wenn die ?Tagesthemen? objektiv berichteten, dass ein Erlass Trumps von einem Gericht gestoppt wurde, würde das als negative Berichterstattung zählen."

Das ist offenkundig falsch. Denn in der Studie heisst es: "Percentages exclude news reports that were neutral in tone, which accounted for about a third of the reports."
Niggemeier "übersetzt" das falsch und manipulativ:"Prozentangaben enthalten nicht: neutral gehaltene Berichte.."

Neutral in tone heisst eben nicht "neutral gehaltene" Berichte, sondern im Ton bzw. der Tendenz neutrale Berichte. Niggemeier scheint nicht zu verstehen, dass damit nicht nur feindselige Kommentare gemeint sind, sondern auch Darstellung negativer Tatsachen wie "Trumps Sympathiewerte auf neuem Tief."

Es geht der Studie ja nicht um Lügen. Vielmehr geht die Studie davon aus, dass alle untersuchten News-Outlets mehr oder weniger auf den selben Bestand an Informationen zugreifen. Diese dienen als Quelle für positive, negative und neutrale Berichte. Es liegt nahe, dass den Demokraten nahestehende Outlets sich stärker an negativen Informationen bedienen bzw. sie zu Berichten negativer Tendenz verdichten als das den Republikanern und der politischen Bewegung um Trump nahestehende Outlets tun.

Insofern ist es durchaus bemerkenswert, dass Outlets in den USA, deren politische Gruppierungen mehr mit Trump zu tun haben als die öffentlich-rechtlichen Medien der BRD, ungeachtet der politischen Tendenz eindrucksvoll weniger parteiisch (oder "Trump-freundlicher") ihre Berichte zusammenstellen als das ARD-Medium "Tagesthemen".

Niggemeier schiesst sich aber noch einmal ins Knie. Die Studienautoren waren offenbar so freundlich, ihm Detaildaten über "neutrale Berichte" der ARD zukommen zu lassen, die er auch publiziert, mit einigen arroganten Frechheiten gegenüber den Wissenschaftlern:
"Auf Nachfrage bei Thomas Patterson, dem Verantwortlichen der Studie, verschickt er zwar nicht, wie erbeten, die Werte dieser Statistik unter Berücksichtigung der ?neutralen? Berichterstattung. Aber immerhin Angaben darüber, welchen Anteil sie bei den ?Tagesthemen? hatten:
Januar: 30,00 %
Februar: 33.73 %
März: 30,19 %
April: 53,85 %"

Sicher wären die gesamten Rohdaten der Studie interessant, vor allem im Zeitverlauf, aber wir wissen immerhin, dass insgesamt ein Drittel aller untersuchten Berichte "neutral in tone" eingestuft wurden. Offenbar lagen ARD-Tagesthemen im Januar und März deutlich unter dieser Schwelle, um sie im April, im Monat des Raketenangriffs auf Syrien, auffallend zu überschreiten. Da liegt doch sehr nahe, dass die ARD auch im Kriegsjubel überschiessend reagiert hat. Niggemeier merkt das natürlich nicht.


Am 29. Mai 2017 schrieb ULI GELLERMANN:

DOKTOR GNIFFKE UND DIE HASSER

Irgendwas spüren sie, die Herrschaften von ARD-aktuell. Jetzt haben sie sogar auf Facebook einen Livestream unter dem Motto: "Sag's mir ins Gesicht" eingerichtet. Und ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke hat, platzend vor Stolz, das Ergebnis im Berliner INFO-Radio vorgestellt: Zwar hat er die Tagesschau-Kritiker schnell als „Hater“ eingestuft, aber eigentlich sei er "überrascht von einem extrem angenehmen und respektvollen Ton“, ein Wording das natürlich nur sagt: Tagesschau-Kritiker sind eigentlich unangenehm und respektlos. Zu einem Dialog mit fundierten Kritikern wie Bräutigam und Klinkahmmer hat es leider nicht gereicht. Auch zu einem ständigen Dialog im Tagesschau-Forum langt es offenkundig nicht. Wozu es langte: Die Zuschauer-Kritik an der TS- Berichtertstattung zum Ukrainekrieg als „emotionales Problem“ abzuwerten und in die russische Ecke zu schieben.

Gniffkes Einlassungen im Original:

https://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/int/201705/29/133103.html


Am 29. Mai 2017 schrieb Volker Bräutigam:

@ Stefan Niggemeier
Ihre Meinung in allen Ehren. Sie gelten in bürgerlichen Kreisen als Papst der Medienkritik. Ewige Wahrheiten verkünden Sie aber nicht. Wer eine medienkritische Studie der Harvard-Universität als „zweifelhaft“ bezeichnet, an der Interpretation von Details herumpopelt und ihr nur eine eigene Interpretation entgegenstellt, ohne die Gesamtaussage zu betrachten, der sollte evtl. mal seinen Tassenschrank auf Vollständigkeit überprüfen.


Am 29. Mai 2017 schrieb Max L.:

@ Stefan Niggemeier: Es bedarf keiner "Studie" oder "Untersuchung", um die Voreingenommenheit gerade deutscher selbsternannter "Leit"- oder gar "Qualitäts"-Medien zu erkennen. Zunächst wurde Trump schon während des Wahlkampfs für irre und untauglich erklärt, kurz vor der Wahl auch als chancenlos. In der Wahlnacht dann unverhohlenes Entsetzen, aber "die Hoffnung stirbt zuletzt", gemeint war die Hoffnung, seine Kontrahentin Clinton möge doch noch siegen. Damals wurde vor allem mit Dingen wie angeblicher Frauenfeindlichkeit, Homophobie etc. gespielt, viele Konsumenten dieser Medien (auch in den USA) hatten regelrechte Angstzustände vor einer am nächsten Tag völlig veränderten Welt, in der Frauen und Homosexuelle nichts mehr zu lachen hätten.

Die Welt blieb im Wesentlichen so wie sie war. Jetzt wurde die Karte "Russland hat die Wahlen beeinflusst" gespielt - die Leaks, um die es da maßgeblich geht, sind inhaltlich zwar in ganz anderer Hinsicht brisant, Belege für russische (entscheidende) Einflussnahme (mal ganz abgesehen davon, dass die USA sich überall auf der Welt wesentlich massiver einmischen) gibt es nach wie vor nicht, aber die Karte liegt immer noch auf dem Tisch. Dann wurde behauptet, Trump setze nichts von seinen Ankündigungen um - insbesondere nachdem der erste Anlauf zur Abschaffung von "Obamacare" gescheitert war. Der zweite gelang dann, das wurde aber weitgehend ignoriert - Trump gilt seither auch als politischer Versager.

Da sich inzwischen fast alles ausgelutscht hat, kommen jetzt (noch häufiger als von Anfang an) irgendwelche Küchenpsychologen auf den Plan, die Trump als "Narzissten" ferndiagnostizieren. Im ÖR-Radio hörte ich neulich auch eine Story über seine gescheiterte Ehe - so angeblich wie alles andere, das gemutmaßt wird, gerne von nicht näher bezeichneten Quellen aus irgendwelchen dubiosen geheimen Kreisen, mit CNN oder der Washington Post als Überträger.

Nun gibt es an Trump ja genügend auszusetzen - so wie es das auch bei Obama gegeben hätte, von Bush ganz zu schweigen. Aber immer dann, wenn das auf die Tagesordnung gehören MÜSSTE, wenn Trump etwa das Völkerrecht bricht und mal eben ein anderes Land bombardieren lässt, dann lesen wir allenfalls, dass jetzt die Hoffnung bestünde, er möge doch noch ein "richtiger" Präsident werden. Über Waffendeals mit Despoten wird allenfalls die Nase gerümpft, klar, machen wir ja auch und machte Obama ganz entschieden, die Drohnen in Afghanistan dürfen nicht kritisiert werden, und Mossul wird im Großen und Ganzen immer noch "befreit", die "Kollateralschäden" finden etwas mehr Erwähnung als unter Obama bei vergleichbaren Sachen, aber an diesen Grundsätzen wird nicht gerüttelt.

Das alles kriegen wir schon mit, auch ohne "Studie", wir sind ja nicht doof, jedenfalls nicht alle. Wir kriegen auch mit, dass die Journalisten der ARD (oder des ZDF) keine "linken Journalisten" sind, genauso wenig wie die ("Spitzen"-)Politiker von SPD und Grünen "linke Politiker". Leider sind in diesem Punkt viele doch ziemlich dumm und "wir" vielleicht viel zu wenige. In Ihrem Blog finde ich zu all dem leider wenig bis gar nichts.


Am 29. Mai 2017 schrieb Volker Birk:

Sie verkennen den guten Doktor Kniffge völlig!

Er ist nur an der Verbesserung der Kommunikation mit seinem Publikum interessiert. Dabei ist ihm besonders wichtig, dass dieselbe offen abläuft:

https://blog.fdik.org/2017-05/s1495896859


Am 29. Mai 2017 schrieb Stefan Niggemeier::

Ihr oben genannter Bericht ist falsch. Er beruht auf falschen Interpretationen einer zweifelhaften Untersuchung. Mehr hier: http://uebermedien.de/16080/nein-es-sind-nicht-98-der-ard-berichte-ueber-trump-negativ/

Kürzlich...

13. Juli 2018

Im Namen des Volkes

Keine Satire, Herr Gellermann!
Artikel lesen

25. Juni 2018

Der bayerischen Justiz ein Lob

Zum Prozess der „Süddeutschen“ gegen Gellermann
Artikel lesen

18. Juni 2018

Danke Donald, danke!

Mit Donald Trump raus aus der NATO
Artikel lesen

11. Juni 2018

Gündogan vom Platz

Erdogan vor ein Menschen-Recht-Gericht
Artikel lesen

28. Mai 2018

Elende Tage mit Doktor Gniffke

Wie fast 10 Millionen andere Deutsche: Jeden Tag um Acht "Tagesschau"
Artikel lesen

PDF dieses Artikels

Diesen Artikel herunterladen

Wenn Sie möchten, können Sie sich diesen Artikel auch als PDF-Datei herunterladen:
PDF-Datei laden

Artikel kommentieren

Brillant? Schwachsinn? Mehr davon?

Sagen Sie uns Ihre Meinung! Wir überprüfen Leserbriefe, bevor wir sie online stellen – nicht um sie zu zensieren, sondern um unsere Leser vor SPAM und Werbung zu bewahren. Über Kritik freuen wir uns!
Kommentar verfassen