Deutschlandradio, der Zündfunk

Hilfe, die Russen kommen, bald auch ins Radio

Autor: Volker Bräutigam
Datum: 01. Oktober 2015

Beste Aussichten, einen „Jährling“ zu feiern. Elf Monate ist es her, dass ich beim Intendanten des Deutschland Radios, Dr. Willi Steul, sowie beim Vorsitzenden des Hörfunkrats des Senders, Frank Schildt, gegen eine der vielen hetzerischen DLF-Sendungen protestierte:
„(...) hiermit erhebe ich gem. § 15 DRadio-Staatsvertrag Beschwerde wegen objektiv falscher, agitatorischer und kriegshetzerischer Ausführungen in der Sendung
Russische Kampfjets über Europa 
Autor: Clement, Rolf, Mitglied der Chefredaktion
Sendezeit: 08:11 Uhr am 30.10.2014
(...)
http://ondemandmp3.dradio.de/file/dradio/2014/10/30/drk_20141030_0811_6652151d.mp3
In dem Beitrag behauptete der Autor wiederholt und wahrheitswidrig, russische Kampfflugzeuge hätten am Vortag, 29. 10., die Lufträume anderer europäischer Staaten verletzt und außerdem die Zivilluftfahrt gefährdet. Die NATO habe russische Luftraumverletzungen „in nie dagewesenem Umfang“ registriert. (...) Luftraumverletzungen führen seitens der Regierungen der betroffenen Staaten zu sofortigen und öffentlich erhobenen Protesten, sowohl bei der verantwortlichen Regierung als auch bei den internationalen Flugsicherheitsbehörden. Proteste gegen von russischen Militärmaschinen verursachte Luftraumverletzungen sind aktuell aber nicht bekannt. (...)“
Jetzt, nach elf Monaten, bekam ich den einstweiligen Ablehnungsbescheid des Hörfunkratsvorsitzenden:
„(...) der Programmausschuss des Hörfunkrats hat sich (...) mit Ihrer Beschwerde befasst und ist zu folgendem Ergebnis gekommen:
Der Programmausschuss stimmt der Auffassung des Intendanten von (sic!) Deutschlandradio in dessen Schreiben vom 7. November 2014 an Sie zu. Insbesondere betont der Programmausschuss, dass der Intendant in diesem Schreiben die fehlerhafte Berichterstattung durch (sic!) Herrn Clement an diesem Morgen eingeräumt und sich entschuldigt hat. Auch Herr Clement hat Hörerinnen und Hörern gegenüber sein Bedauern zum Ausdruck gebracht. Der Programmausschuss sieht daher keine Veranlassung, den Hörfunkrat mit der Beschwerde zu befassen. (...) Sollten Sie mit dieser Entscheidung nicht einverstanden sein, haben Sie die Möglichkeit, sich mit ihrer Beschwerde an den Hörfunkrat zu wenden. (...)“
Damit ich fair befinden kann, wem der Titel „Schmock des Monats“ der Rationalgalerie am ehesten zukäme: dem DRadio-Intendanten Steul, dem DRadio-Chefredakteur Clement, dem DRadio-Hörfunkratsvorsitzenden Schildt oder doch lieber gleich dem ganzen DRadio inklusive seinen peinlichen Zuhörergremien, schrieb ich dem Hörfunkratsvorsitzenden:
„Sehr geehrter Herr Schildt,
nach mehr als zehn Monaten reagieren Sie nun auf meine Programmbeschwerde
vom 3. 11. 2014.
Abgesehen davon, dass allein der Zeitraum zwischen beklagtem Vorfall (30. Oktober vorigen Jahres) und förmlicher Reaktion Ihres Gremiums den Stellenwert hervorhebt, den Publikumsbeschwerden über das DLF-Programm in Ihren Kreisen genießen und zugleich etwas über das Selbstverständnis des DRadio-Höfunkrates aussagt, darf ich Ihnen versichern, dass ich mit der Entscheidung des Programmausschusses ganz und gar nicht einverstanden bin. Ich ersuche Sie als Vorsitzenden nachdrücklich, den Hörfunkrat in seiner Gesamtheit mit meiner nun fast ein Jahr alten Beschwerde zu befassen.
In der beklagten Sendung am 30. Oktober 2014 hat der Autor Clement wider die Faktenlage und wider besseres Wissen behauptet, russische Kampfflugzeuge hätten während einer Übung über der Ostsee den Luftraum der baltischen Staaten verletzt. Es handelte sich erweislich um eine bewusste Falschmeldung, nicht nur um fehlerhafte Berichterstattung, aus welchen Motiven des Autors auch immer. Der DRadio-Programmausschuss schließt sich nun Ihrer Mitteilung zufolge einem Schreiben des Intendanten Dr. Steul vom 7. November 2014 an, der die „fehlerhafte Berichterstattung eingeräumt und sich entschuldigt“ habe. Auch Herr Clement habe seinerzeit „Hörerinnen und Hörern gegenüber sein Bedauern zum Ausdruck gebracht“. Der Programmausschuss sehe deshalb „keine Veranlassung, den Hörfunkrat mit der Beschwerde zu befassen“.
Mit Verlaub: Ich schon. Und deshalb rufe ich dieses Gremium hiermit auch förmlich an.
Erstens deshalb, weil Herrn Clement nicht einfach nur ein Fehler unterlief, sondern weil er bewusst eine antirussische, hetzerische Falschmeldung in die Welt gesetzt hat und dies in Zeiten von Krieg und Kriegsgefahr nicht folgenlos bleiben darf. Zweitens, weil der Intendant Dr. Steul sich für diese absichtliche Irreführung der Hörerschaft nicht selbst entschuldigen und damit die Sache auf sich beruhen lassen kann; er kann allenfalls die Hörer darum bitten, diese unsägliche Fehlleistung zu entschuldigen. Drittens, weil der Hinweis „Auch Herr Clement hat Hörerinnen und Hörern gegenüber sein Bedauern zum Ausdruck gebracht“ eine Dreistigkeit der Sonderklasse darstellt: Autor Clement hat nicht d e n Hörerinnen und Hörern gegenüber sein Bedauern geäußert, sondern allenfalls ein paar ausgewählten Rezipienten gegenüber. Offiziell, öffentlich, der Hörerschaft gegenüber, haben sich weder DRadio noch dessen Autor Clement zu der Falschberichterstattung erklärt, wie man das von einem gebührenfinanzierten Sender mit Fug und Recht erwarten durfte. Sie haben keine allgemein empfangbare Berichtigung veröffentlicht, nichts zur Korrektur eines induzierten abwegigen Feindbildes im Publikum unternommen, geschweige denn die Hörerschaft für die agitatorisch-propagandistische Entgleisung um Verzeihung gebeten; von einem Gelöbnis der Besserung gar nicht erst zu reden.
An internen Verbeugungen anstelle von aufrichtigem öffentlichen Bekenntnis hatte und habe ich jedoch keinerlei Interesse, sondern allein daran, dass der öffentlich-rechtliche DLF sich gegenüber seinem Publikum gesetzeskonform verhält und sich, widrigenfalls, wenigstens offen und öffentlich zu seinem Versagen bekennt.
Ich bin mir darüber klar, dass mein Beharren weder zu einer anderen Grundeinstellung bei Ihnen selbst und den Mitgliedern Ihres Gremiums führen wird noch zu einer einsichtsvollen nachträglichen Berichtigung im Programm oder gar zu Regularien, die künftig das DRadio-Programm wieder weniger bellizistisch machen und von den schändlichen Einflüssen der Transatlantiker in der Redaktion befreien könnten. Deshalb beabsichtige ich, diesen Briefwechsel öffentlich zu machen. Ich meine, dass Friedensliebe und professioneller Anstand gebieten, auch journalistisches Versagen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bewusst zu machen; mittlerweile scheinen staatsvertraglich geregelte Programmgrundsätze über die Verpflichtung, zur Völkerverständigung beizutragen, das Papier nicht mehr wert zu sein, auf dem sie stehen. (...)“
Nun ist die Spannung kaum mehr zu ertragen: Wird der Hörfunkrat des Deutschlandradios meine Programmbeschwerde vom 3. November 2014 noch im Jahre des Herrn 2015 beraten – oder wird das Jahr 2016 darüber anbrechen? Und wird der für russophobe AgitProp im DRadio zuständige Chefredakteur Clement noch vor Weihnachten über russische Panzerdivisionen schwadronieren, die über das Baltikum herfallen, Teile Polens und der Ukraine besetzen und selbstverständlich auf den Untergang Westeuropas aus sind?


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 04. Oktober 2015 schrieb Thomas Ullrich:

Kleiner Verbesserungsvorschlag zum Text:
Zwangs-gebührenfinanziert.
Ansonsten wieder mal 100% einverstanden und erneutes DANKE!


Am 02. Oktober 2015 schrieb Erika Mustermann:

Schön, Herr Bräutigam, daß Sie in dieser Causa weiterhin den unnachgiebigen Wadenbeißer geben. Da jedoch bei den ÖR nicht sein kann, was nicht sein darf, werden die Verantwortlichen auch weiterhin nicht realisieren, wie sie ihre ach so hehren Qualitätsansprüche vorsätzlich an die Wand fahren. Vielleicht ist das ja deren eigentliche Corporate Identidy, wenn man sich die "Entwicklung" von Adler, Müller, Detjen und vielen anderen in dem Laden anschaut. Von der sog. Wirtschaftsredaktion - eine Form von FAZ zum Hören - ganz zu schweigen.
Die öfter mal recht albernen Alibidiskussionen zum Thema journalistisches Selbstverständnis und die pöse Rezeption einer nach Belieben zu definierenden kritischen Öffentlichkeit zeigen das immer wieder sehr eindrucksvoll.

Freue mich jetzt schon auf Ihre Veröffentlichung der vermutlich alle noch vorhandenen Mißverständnisse ausräumenden Antwort des Hörfunkrats in ca. 12 Monaten.

Einzig der Titel unter dieser Rubrik verschreckte mich, da ich zuerst eine "Belobigung" der von mir doch wohlwollend wahrgenommenen Sendung des BR-Radios befürchtete.

Ride on!


Am 01. Oktober 2015 schrieb Ullrich F.J. Mies:

Die Herrschafts-Medien werden von einer beinharten Gehirnwasch-Mafia kontrolliert, die ihre Agenda rücksichtslos von oben durchdrückt.

Das, was Herr Bräutigam hier beschreibt, ist ja täglich zu beobachten. Die Nachdenkseiten, die Propagandaschau, KenFM und viele andere berichten ständig über diese Verletzungen des gesunden Menschenverstandes.

Propaganda ist ein Verbrechen mit dem Ziel der Manipulation der Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. Genau hierauf wird abgezielt.

Und da sich die herrschende Klasse im Krieg gegen alle, die ihr nicht bedingungslos folgen, befindet, setzt sie auch alle dreckigen Mittel bis zur psychologischen Kriegsführung ein. Das ist strukturelle Gewalt und organisierte Kriminalität wider Recht und Gesetz, nichts anderes. Organisierte Regierungskriminalität. Die feigen Kriecher oder aber willigen Vollstrecker der täglichen Lügenfracht hocken in den Chefredaktionen oder sind Intendanten.

Die Drückerkolonne wider die Vernunft ist sehr lang, sie reicht über "die Dienste", die Ministerien, die Täter in den Parteispitzen, die Amerikanische Botschaft, die Think Tanks, die Netzwerke der transatlantischen Kriegsverbrecher, die DGAP, das Kanzleramt etc., wo offensichtlich mittlerweile die gesamte Marschrichtung für die öffentlich-rechtliche Berichterstattung und die der Konzernmedien koordiniert wird.

Der Faschismus kennt viele Spielarten. Die alte Variante war die Führerkult-bezogene, national-chauvinistisch-rassistisch-imperialistische.

Die modernisierte Form ist der alternativlose Wettbewerbskapitalismus, dem sich alle westlichen Regierungen und die sie tragenden Parteien unterworfen haben: Ein geschlossenes, krankes Krebsgeschwür. Um den Wettbewerbskult als säkularisierte Heilslehre scharen sich die neuen Herrscher und Herrenmenschen und deren Speichellecker-Heloten. Dieser Faschismus 2.0. ist in der EU-Diktatur nunmehr fest installiert, EU-mäßig verrechtlicht. Die nationalen Demokratien sind suspendiert, sie bestehen nur noch aus scheindemokratischen Fassaden. Wahlen, die substantielle Veränderungen versprechen, sind Makulatur. Der Faschismus 2.0. bedient sich - wie am Beispiel Griechenlands wunderbar zu beobachten - neuer Wirtschafts-interventionistischer Methoden. Die brutale Militätdiktaur scheint aktuell out zu sein. Der gezielte Wirtschaftskrieg, die gezielte Knechtung und Demütigung der Bevölkerung, die es wagte, neue Wege beschreiten zu wollen, ist die aktuelle Variante.


Am 01. Oktober 2015 schrieb Manfred Ebel:

Dass Herr Bräutigam den Mund aufmacht und sich beschwert, die Dinge beim zutreffenden Namen nennt und nicht locker lässt, finde ich höchst respektabel - auch i.S. des Beitrags von Herrn Solbach. Herrn Bräutigam meine uneingeschränkte Hochachtung.
Dennoch sollte hinzufügt sein, dass der gesamte Beschwerdevorgang - den jetzt praktischen Möglichkeiten folgend und sie nutzend - auf der Grundlage aller bestehenden Verhältnisse erfolgt, von Gesetzen über inaltliche und journalistische Logik bis zum Appell an die Vernunft.
Da möchte ich erweitern, dass bei aller unbedingten Zustimmung kein Deut eines Zweifels über das Klassenwesen von Massenkommunikationsmitteln auftauchen sollte. Weder wahrheitsgemäße noch Interessen der Massen verwirklichende Berichterstattung und schon gar nicht Bewertung von Vorgängen sind mit einem Machtmittel der herrschenden Bourgeoisie machbar. Das ist eine Unmöglichkeit, ein konkreter Ausdruck eines antagonistischen Widerspruchs.
Eher müssen wir uns um das Wohl von Herrn Bräutigam sorgen als dass sich an der bourgeoisen Hetze jemals etwas ändern wird. Die Mundaufmacher müssen geschützt werden.
Und schließlich müssen die Verhältnisse geändert werden, aus denen Massenkommunikationsmittel hervorkommen.
So mein dialektisches Verständnis von Ursache und Wirkung. So auch der historische Materialismus in Theorie und Praxis.


Am 01. Oktober 2015 schrieb Achim Solbach:

Ich würde den Titel abändern in:
"Helft, daß die Russen kommen, bald auch ins Radio"!

"Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun" (Moliere). Wer schweigt, macht sich also mitschuldig.

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